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Game of Thrones

Ein Psychologe erklärt, warum 'Game of Thrones' realistischer ist, als wir denken

"Wir verdrängen das Unerwünschte wie hinter eine Mauer des Nordens. Dann holt es uns wieder ein."

von Melanie Manthey
30 August 2017, 4:01pm

Foto: Twitter-Screenshot von Shahak Shapira

Mittelalter, Drachen, Zombies: Du denkst, mit deiner wöchentlichen Game of Thrones -Routine bist du der realen Welt entflohen? Gerald Poscheschnik ist Psychologe an der Universität Innsbruck und zeigt in einem wissenschaftlichen Aufsatz, dass das ganze Fantasy-Spektakel auch etwas mit uns zu tun hat.

VICE: Sex, Macht und Gewalt sind die Themen von Game of Thrones . Im Titel Ihres Artikels ist davon die Rede, dass die Serie auch "unbewusste Fantasien" ausdrückt. Welche?
Gerald Poscheschnik: Zum Beispiel die Heldenreisen, die Arya oder Bran Stark durchmachen. Das sind typische unbewusste Themen: "Schaff ich es, mich in der Welt zu bewähren und durchzuhalten?" Eine andere unbewusste Fantasie ist die, dass es mit unserer Gesellschaft abwärts geht, dass Konflikte zunehmen, dass wir das Gefühl haben, der Kampf um knapper werdende Ressourcen wird grösser. Das spiegelt sich in den Geschehnissen in Westeros wider.

Dieses Jammern, dass es mit unserer Welt bergab geht, hat es das nicht schon immer gegeben?
Bis zu einem gewissen Grad schon. Aber im historischen Ablauf gibt es immer Phasen des gesellschaftlichen Umbruchs, in denen sich das zuspitzt. Eine Serie wie Game of Thrones wäre in den 70er oder 80er Jahren nicht so erfolgreich gewesen wie heute.


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Und Westeros ist unsere heutige Welt?
Westeros zeigt, dass die alte Ordnung, die für Jahrzehnte funktioniert hat, zu Ende geht. Das wird symbolisiert durch den Tod des Königs und die Konflikte, die um seine Nachfolge ausbrechen. Es ist der Kampf um Anerkennung, um ökonomische Ressourcen und einfach ums Überleben.

Ist Donald Trump der "Mad King"?
Ich glaube nicht, dass Fernsehserien wie Game of Thrones funktionieren, wenn die Anspielungen zu direkt sind. Aber Donald Trump ist ein Symptom unserer Zeit, insofern passt das zusammen.

Und wer sind die Zombies?
Der Norden bei Game of Thrones steht für all das, was unsere Gesellschaft verdrängen muss. Unsere Art und Weise zu leben, produziert viele unerwünschte Nebenwirkungen: Arbeitslosigkeit, den Treibhauseffekt, klimatische Verschiebungen, die sogenannten "Working Poor", die trotz Jobs unterm Existenzminimum dahinvegetieren, Kriege wie die im Nahen Osten oder Afrika. Wenn uns das permanent bewusst wäre, würden wir es gar nicht mehr aushalten. Alles Unangenehme, das auch etwas mit uns zu tun hat, verschwindet bei Game of Thrones hinter dieser riesigen Mauer. Aber es holt uns irgendwann ein. Im Übrigen: Der Inzest, den Jamie und Cersei in Westeros versuchen zu verdrängen, indem sie ihn verheimlichen, findet sich auch im Norden. Dort schläft Craster mit Gilly und seinen anderen Töchtern.

Foto: privat

Sie sagen, der Kontinent Essos ist "die Hoffnung auf eine andere Welt"?
Daenerys Targaryen, die aus Essos kommt, ist so etwas wie eine Hoffnungsträgerin. Sie scheint eine Person zu sein, die ganz unten anfängt. Sie wird von ihrem Bruder als Sklavin an Khal Drogo verheiratet, arbeitet sich dann aber hoch. Trotzdem ist sie eher eine schemenhafte Silhouette als eine konkrete Fantasie von Hoffnung.

Warum?
Sie ist ambivalent. Sie bringt auch Menschen aus Rache um. Vielleicht gibt es sie und dieses Essos nur, um beim Zuschauer einen Nachdenkprozess zu starten, für den Versuch einer Veränderung. Heutzutage ist uns ja bewusst, dass das gesellschaftliche und wirtschaftliche System nicht das Gelbe vom Ei sind. Nachdem die linken Utopien untergegangen sind, hat man keine Ahnung, wie eine Alternative einer besseren Welt aussehen könnte. Deswegen würde ich das als eine ferne Hoffnung betrachten, die man passenderweise in einem fernen Kontinent angesiedelt hat.

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