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Eine Tour durch die schrägsten Shops in Basel

In einem der Shops spricht der Verkäufer nur in Reimen mit dir.

von Michel Schultheiss
18 Juni 2017, 11:41am

Alle Fotos von David Zehnder

7.8 Milliarden Franken. So viel Geld gaben die Bewohner der Schweiz im vergangenen Jahr für den Online-Handel aus (Darknet-Investitionen wohl nicht mitgerechnet). Und diese Zahl wächst beständig. Damit geht einher, dass weniger Geld über die Theken analog existierender Läden geht. Das Ladensterben prägt dementsprechend die Schlagzeilen. Amazon, Zalando, Galaxus – Experten der Credit Suisse rechnen damit, dass wir bis 2020 ein Zehntel aller Dinge online einkaufen.

Und doch: Es gibt sie noch, die Läden, die gegen jeden Wandel immun zu sein scheinen. Es sind die Shops, die quasi die in der digitalen Welt gefeierte Weirdness in die analoge Realität holen, die letzten Freak-Geschäfte der Stadt. Da gibt's etwa den Pinguin mit dem Biermuseum oder den Rockerjacken-Graf. Wir haben einige davon abgeklappert und mit ihren Besitzern gesprochen.

Der reimende Rockerjacken-Wald

Es ist ein dichter Dschungel aus Kronleuchtern, Sombreros, Kunstschlangenlederhüten und Musikinstrumenten. Wer sich hier rein wagt, kommt so schnell nicht wieder raus. Karibischer Merengue-Sound rasselt in den Boxen. Mit Ethno-Hemd und weissem Rossschwanz taucht ein Mann auf, um die Kunden überschwänglich zu begrüssen: Frank Keller, besser bekannt als Seismograf oder Graf Seismo. Der Verkäufer textet die Leute ordentlich zu – und das alles in Reimen: "Kauft Rockerjacken, dann friert ihr nicht beim Kacken" oder "Fransen für Transen". Na ja, manche dieser Sprüche sind auch etwas plump. Doch das müssen sie einfach sein – sie passen irgendwie zum Vintage Store beim Messeplatz. "Ich bin ein Wortverdreher, der noch in der Pubertät steckt", witzelt der Graf über sich selbst. "Das hier ist Gefängnis, Tempel und Theaterfalle zugleich" – so beschreibt Keller den Laden, aus dem er die Neugierigen nicht so schnell springen lässt und sie mit rätselhaften, handgeschriebenen Flyern eindeckt.

Während den grossen Messen in Basel schellt er sie buchstäblich rein: Mit einer Kuhglocke lockt er die internationalen Gäste in seinen Vintage-Store. Einmal war Zuccheros Gitarrist bei ihm im Laden – und wollte den Preis für eine Occasion-Gitarre drücken. Auch Erykah Badu und Sheryl Crow verschlug es bereits in dieses Kuriositäten-Kabinett. Oft wartet Graf Seismo dann absichtlich im Dunkeln, damit ihm eine "Pointe" nicht entgeht. "Welcome to the Darkroom" sagt er jeweils, um den bunten Laden bei Licht in seiner vollen Pracht zu präsentieren.

Einst war Frank Keller Retoucheur, dann ein Weltenbummler und Bassist in einer Blues-Band. Dann begann er, auf Flohmärkten alles Mögliche zu sammeln. "Wäre ich Musiker geblieben, so würde mich heute keiner kennen", scherzt er über sich. Auch wenn er nicht zu Konzerten kommt, haut der Bluessänger in seinem Laden noch in die Saiten und blast in die verstaubte Mundharmonika. Den Schuppen mit dem exzentrischen Verkäufer wird es leider nicht mehr lange geben: Der Häuserzeile droht voraussichtlich die Abrissbirne.

Der scheintote Computer-Laden

Er ist eines der grossen Geheimnisse der Stadt: Der Laden an der Klybeckstrasse, der noch immer das Trainingsbuch für Windows 98 anbietet. Seit diesem Jahrgang wurden wohl auch die Schaufensterauslagen kaum gewechselt: Sämtliche Software-Schachteln und Bücher haben eine bläulich-vergilbte Farbe angenommen, die gut zu den verdorrten Zimmerpflanzen dazwischen passt. Einzige Ausnahme: Ein in sattem Gelb strahlendes Antivirenprogramm von 2017 sticht aus den verblichenen Waren heraus.

Inzwischen wurde das Gebäude aufgefrischt und vom Taubendreck befreit, doch in den Vitrinen sieht es noch immer scheintot aus. Dass die Gerüchteküche über den Laden weiter brodelt, wird sich so schnell nicht ändern. Die Geschäftsführerin sagt nämlich auf Anfrage von VICE freundlich, aber dezidiert, dass sie nicht mit Medien spreche. Sie brauche auch keine Werbung – schliesslich habe sie genug Stammkundschaft. Manchmal traue sich auch ein neugieriger Passant in den Laden – wenn er denn mal offen hat.

Das Bier-Gedächtnis der Schweiz

Ob Gläser, Tonkrüge, Flaschen oder Werbetafeln. Rund 6.000 Fundstücke, die irgendetwas mit dem Gerstensaft zu tun haben, verwandeln dieses Lokal in ein riesiges Bier-Sammelsurium. Ein Drittel davon sind Trinkgefässe, die an der Decke hängen oder in Vitrinen prangen. Was sich sonst noch alles verpackt im Keller stapelt, weiss der Wirt Mario Nanni alias Pinguin nicht genau. Vieles von seinem Sammelgut stammt aus Brauereien, die es gar nicht mehr gibt. Nannis Traum ist es, damit das erste internationale Biermuseum der Schweiz zu eröffnen.

Eigentlich ist sein Lokal bereits jetzt eine Art Museum. Mario Nanni ist auch als Archivar des Wirteverbands und als Gastrohistoriker bekannt. So schrieb er etwa Bücher über Brauerei- und Beizengeschichte. Es kommt also vor, dass jemand, der mit einer Bieridee ins Staatsarchiv kommt, direkt zum Pinguin geschickt wird.

Dort kann er auch gleich zwischen 106 Bieren aus 30 Ländern auswählen – alle im Originalglas. "Es ist hier verboten, aus der Flasche zu trinken", betont Nanni. Einmal schaffte er es ins Guinness-Buch der Rekorde, als das Restaurant mit der grössten Senf-Auswahl. Pinguin – das hat übrigens nichts zu tun mit dem Bad Guy aus Batman. Den Namen trug das Restaurant schon vorher. Als der gelernte Koch Mario Nanni 1980 das Lokal übernahm, beliess er den (arktischen) Vogel als Beizenname. Neun Jahre später machte er es zum Bierspezialitätenlokal. Der Witz dabei: Eigentlich mochte er das Getränk gar nicht. "Der Geschmack war mir einfach zu bitter", erinnert sich Nanni. Er probierte sich durch die verschiedenen Sorten aus der ganzen Welt und kam so auf den Geschmack, ohne aber über die Stränge zu hauen. Auch wenn bei ihm über der Theke Sprüche wie "Nüchtern betrachtet, war es besoffen besser" hängen, lebt er trotzdem nach der Maxime "Es ist nie gut, wenn ein Wirt in seinem Lokal der beste Gast ist".

Der Laden für die wahren Elvis-Fans

Das war ein klarer Fall der dümmsten Verbrecher der Welt: Nach ihrem Einbruch im Elvis-Shop, bei dem sie sich mit Schmuck eingedeckt hatten, kamen die Diebe nicht weit. Die Hehlerware wurde sogleich erkannt und die Langfinger daher schnell geschnappt.

Es war auch nicht schwierig, das Diebesgut zu identifizieren: Die Sammlung von Jacqueline Raphaels ist weit über die Schweizer Grenze hinaus einzigartig. Ihren Verein, der sich dem "King of Rock 'n' Roll" verschreibt, gibt es seit 25 Jahren. Zu Elvis Geburts- und Todestag organisiert Jacqueline Raphael sogar Führungen nach Memphis und Nashville. Zudem verkauft sie jeden Schnipsel zum berühmtesten Kotelettenkopf der Welt, egal ob Bademantel, Wackelfigur, Pendeluhr oder von ihr kreierte Sneakers. Das Kitschkostüm aus dem Online-Versand für zweitklassige Imitatoren sucht man hier aber vergebens. Das sei verpönt bei den Fans. "Wenn schon, dann muss es das Original sein", erklärt Jacqueline Raphael.

Leider ist sie ihrem Idol nie persönlich begegnet. Es war erst kurz vor dem Tod von Elvis, als sie – damals noch ein Kind – seine Lieder entdeckte. Nun mal Hand aufs Herz: Glauben die eingefleischten Elvis-Fans wirklich daran, dass ihr Liebling noch lebt? Jacqueline Raphael schüttelt den Kopf. Sie kennt die Angehörigen und Mitmusiker höchstpersönlich, zudem die Krankenschwester, welche den Star bis zum bitteren Ende pflegte. Sie alle bestätigten ihr, dass auch der König das Zeitliche segnen musste. "Er ist für mich nicht etwa ein Gott – seine Musik hat mich einfach durchs Leben begleitet und mir viel Freude bereitet."

Das Museum der Gartenzwerge

Fröhliche und putzige, aber auch ein paar derbe Wichte stehen hier in den Vitrinen. Noch immer gibt es Leute, die bei "Mami's Zwärge-Shop" einen Gnom für den Garten bestellen. Manche sind auch unverkäuflich. Alice Friedmann ist so etwas wie die Mutter der über 2.000 Gartenzwerge ihrer Sammlung. Einst hatte sie das ungewöhnliche Hobby mit ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann Fritz Friedmann gepflegt. Dieser war als Begründer der "Internationalen Vereinigung zum Schutz der Gartenzwerge" mit ihrer eigenen Disziplin, der "Nanologie" bekannt geworden.

Diese "Wissenschaft" betrieb er stets mit einem Augenzwinkern. In seinem Sachbuch "Zipfel auf!" wird sogar die Sexualität der Gartenzwerge beschrieben. Mit der Fortpflanzung sei es so eine Sache: Es gebe keinen historischen Nachweis für Zwerginnen. Weitere Erkenntnisse: Nur Zwerge aus Ton sind beseelt, solche aus Plastik nicht. Mit Exhibitionisten- oder Stinkefingerzwergen konnte sich Fritz Friedmann daher nie richtig anfreunden. Sie seien eher dazu da, die Nachbarn zu foppen. Auch wenn er sie stets als abartig bezeichnete, so hat es trotzdem auch von denen ein paar in der Sammlung.

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