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Doppelmoral

Bei diesen Mordfällen haben Rechte keine Trauermärsche abgehalten

Rechtsextreme instrumentalisieren Opfer, um Stimmung gegen ausländische Mitmenschen zu machen. Aber wo bleibt ihre Empörung, wenn Deutsche töten?

von VICE Staff
20 September 2018, 3:05pm

Blut: imago | Milestone || Demo in Chemnitz: imago | Kai Horstmann || Montage: VICE

"Unsere Städte werden unsicher", riefen rechte Demonstranten, als sie am 26. August mit Deutschlandflagge und Plakaten durch Chemnitz zogen. Eine Gruppe Neonazis hielt ein Banner in den Händen, darauf die Gesichter misshandelter Frauen und der Spruch "Wir sind bunt, bis das Blut spritzt".

Die AfD und Pegida mobilisierten nach dem Tod von Daniel H. tausende Menschen zu einem sogenannten Trauermarsch. In Köthen starb zwei Wochen später Marcus B. nach dem Streit mit zwei Afghanen an einem Herzinfarkt. Daraufhin marschierten auch dort die Rechten, der bekannte Neonazi David Köckert sprach vom "Rassenkrieg gegen das deutsche Volk". Die Demonstranten forderten nach beiden Ereignissen ein Bekenntnis zur Menschlichkeit für Deutsche, die auf deutschen Strassen erstochen, erschossen, erschlagen werden.

Doch wo waren die verängstigten Neonazis, als am 3. September in Neuhausen eine Deutsche gewaltsam starb, oder als am 12. September ein Deutscher auf offener Strasse in Bochum erstochen wurde?

Ganze 731 Mal hätten sie allein im Jahr 2017 die Möglichkeit gehabt, zu trauern und ihre Wut kundzutun – so viele Fälle von Morde und Totschlag gab es laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS). Sie hätten Kerzen anzünden, Blumen an den Tatort legen und vor Verzweiflung weinen können. Sie hätten Briefe schreiben, den Familien der Opfer ihr Beileid aussprechen und die Polizei dazu auffordern können, die Täter so schnell wie möglich zu fassen.

In den allermeisten Fällen entschieden sich Rechtsextremisten, nichts zu tun.


Auch bei VICE: Chaos in Chemnitz


Für 2018 gibt es noch keine offizielle Statistik über Tötungsdelikte. Aber VICE hat Lokalnachrichten und Polizeimeldungen seit den Vorfällen in Chemnitz ausgewertet. Das Ergebnis: Trauermärsche und Mahnwachen veranstalteten Rechte nur, wenn die Täter keinen deutschen Pass haben. Auch wenn das wenig überrascht – es zeigt die Doppelmoral der Rassisten. Die folgenden Toten waren ihnen egal:

3. September, Neuhausen

In der Nähe von Reutlingen ermordete ein 30-Jähriger eine Seniorin in ihrer Wohnung. Die beiden kannten sich, er wusste, wo sie wohnt. Nach dem Mord klaute er ihre Bankkarte und versuchte erfolglos, an einem Automaten Geld abzuheben. Der Beschuldigte gab gegenüber der Polizei an, sich in einer angespannten finanziellen Lage zu befinden.

Wäre der Täter ein Migrant gewesen, wäre der Fall der Stoff, aus dem AfD-Träume sind: Ein Ausländer meuchelt hinterlistig eine deutsche Rentnerin. Doch die selbsternannten Patrioten schwiegen. Keiner rief durch die Neuhausener Strassen, wie unsicher die Städte in Deutschland seien. Dass der Täter ein Deutscher war, hat die Anwohner aber bestimmt nicht ruhiger schlafen lassen.

12. September, Bochum

In Bochum lauerte ein Student einem anderen Studenten auf und stach mitten in der Innenstadt "mehrfach unvermittelt" auf ihn ein. So steht es in der Polizeimeldung. Die Männer, beide 23 Jahre alt, kannten sich. Der mutmassliche Täter soll seinem Opfer wohl über längere Zeit aufgelauert haben, traf mit einem Küchenmesser unter anderem Herz und Lunge.

Bereits vor der Tat hatte der mutmassliche Täter eine Drohmail verfasst, in der er von einem "sehr speziellen Cocktail" spricht, den er seinem Opfer servieren wollte. Zeugen konnten den Verletzten noch am Tatort reanimieren, doch er starb schliesslich im Krankenhaus. Und wie die Polizei betont, haben beide keinen Migrationshintergrund. Deshalb sah man auf den Strassen Bochums am nächsten Tag keine Transparente, auf denen gegen "Messermörder" und "knife jihad" gewettert wird.

16. September, Hünxe

Ein 40-Jähriger erschlug einen 82-jährigen Rentner, beide deutsch. Der Fall ähnelt dem in Neuhausen. Der Täter kennt sein Opfer, arbeitet gelegentlich für ihn. Er brauchte Geld, deswegen steigt er in die Wohnung des Rentners ein. Mit dabei: ein Beil. Der Täter schleicht sich von hinten an und erschlägt den ehemaligen Lehrer. Danach steckt er die Geldbörse des Opfers und verbringt den restlichen Abend in einer Spielhalle. Dort verspielt er 200 Euro und hebt ausserdem insgesamt 1.000 Euro mit der EC-Karte des Toten ab. Der Fall sorgt in der Stadt und in ganz Deutschland für Erschütterung. Raub und Mord in der eigenen Wohnung, doch auf der rechten Seite bleibt es still.

Was diese Meldungen aus den vergangenen Wochen belegen: Rechtsextremisten interessieren sich nur dann für Tote, wenn sie glauben, diese instrumentalisieren zu können. Man muss keine Expertin sein, um zu erkennen, dass sich Neonazis erst dann aufregen, wenn Ausländer die Täter sind.

Dabei sind die Mehrheit der Tatverdächtigen bei Tötungsdelikten Deutsche. Was Rechtsextreme und AfD-Anhänger ebenfalls verschweigen: Die Zahl der Opfer diesen Taten ist schwankte in den letzten zehn Jahr fortwährend zwischen 2.000 und 2.500. Nur in 83 von 731 Tötungsdelikten war das Opfer deutsch und der Täter oder die Täterin nicht-deutsch. Das ergab eine Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) durch das Bundeskriminalamt für die Zeitung Die Welt.

Es stimmt, dass Ausländer im Vergleich zu Deutschen proportional häufiger an Gewalttaten beteiligt sind. Zu sagen, sie seien krimineller, ist aber zu einfach. Denn es liegt an vielen Gründen: fehlender Integration beispielsweise und einem grösseren Anteil junger Männer in dieser Bevölkerungsgruppe – denn die sind auch unter Deutschen die Hauptstraftäter.

Sowieso gilt: Statistisch gesehen ist es nach wie vor am wahrscheinlichsten, von einem Deutschen getötet zu werden.

Rechtsextreme vor Karl-Marx-Statue in Chemnitz
Foto: Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus e.V.

Dass es weniger Fälle gibt, in denen Deutsche zum Opfer von ausländischen Tätern wurden, als behauptet wird, zeigten übrigens auch die Rechtsextremen in Chemnitz selbst: Für ihr Banner mit dem Aufdruck "Wir sind bunt, bis das Blut spritzt" kopierten sie wahllos die Gesichter von Gewaltopfern aus dem Netz. Wie eine Recherche von Mimikama ergab, ist eine Person ein Mann, 15 der 16 Taten ereigneten sich nicht in Deutschland und keine von ihnen steht in Zusammenhang mit sogenannter Migrantengewalt. Der 16. Fall konnte bislang nicht eindeutig identifiziert werden.

Am Mittwoch wurde die Leiche eines bekannten Neonazis in Mönchengladbach gefunden. Der Körper wies mehrere Stichverletzungen auf. Rechte riefen für Donnerstag zu einem "Trauermarsch" auf und wollen Rache üben. Wie die Obduktion ergab, handelt es sich um einen Suizid.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.