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Erziehung

Warum ich mit meiner Mutter jedes Jahr an Weihnachten kiffe

Sie hält es für pädagogisch wertvoll.

von Simon Kosmo
22 Dezember 2017, 11:37am

Foto: imago | United Archives International (bearbeitet)

Weihnachten ist so ziemlich das intimste aller Feste. Der Sohn aus der Grossstadt oder die Tochter aus dem Auslandssemester kehren zurück ins Elternhaus, wo aus dem Kinderzimmer ein Arbeitszimmer wurde. Weihnachten zelebriert Vergangenheit – und von Jahr zu Jahr etablieren sich neue Traditionen. Manche Familien essen jedes Jahr Raclette, andere feiern immer im Skiurlaub – und wir rauchen mit der ganzen Familie einen Joint.

Alles fing etwa drei Jahre vorher mit einer Zigarette an Heiligabend an. Ich war gerade 16 Jahre alt, meine Schwester 15 – und wie alle Teenager hingen wir statt mit unseren Eltern lieber mit Freunden ab. Es war die Zeit, als man an den Wochenenden nur zum Schlafen nach Hause kam und wir heimlich zwei Bier und einige Zigaretten im Park konsumierten. Und wenn ich am späten Freitagabend laut polternd durch die Türschwelle unseres Nichtraucher-Haushalts trat, tat ich das mit den Worten: "Ich stinke wieder so nach Rauch, weil die Eltern von Kevin ja so eklig viel im Wohnzimmer rauchen." Ich dachte nicht, dass meine Mutter unter dem Moschus-Geruch meines Axe-Deos nicht nur Rauch, sondern auch meine Lüge roch.

Dann kam Weihnachten, die Familie kehrte ein und wir Teenies merkten, dass einige Stunden mit der Familie gar nicht so schlimm waren. Wir schwelgten in der Vergangenheit – in Hosen-Pinkler-Geschichten, in den Tanzaufführungen, Frankreich-Urlauben und mein Vater erzählte nach dem dritten Bier von seinen Jugendstreichen. Am späten Abend musste ich den Klassiker der Eltern-Fragen beantworten: "Sag mal, rauchst du?" Und ich antwortete von einigen Bieren ermutigt: "Ja, ab und zu." Statt einer Moralpredigt folgte eine gemeinsame Kippe.

Wenn ich meine Mutter heute zu unserer ersten gemeinsamen Zigarette frage, muss sie schmunzeln. "An besonderen Tagen durftet ihr auch ausnahmsweise Cola trinken und ich wusste irgendwann, dass ihr auch Zigaretten da habt und heimlich raucht", erzählt sie. "Und dann habe ich gedacht, dass wir das mal gemeinsam machen, weil Weihnachten etwas Besonderes ist. Das hatte etwas Verschworenes und Verrücktes, weil es so unweihnachtlich ist." Und diese Zigarette unseres verschworenen Clans wurde zur Tradition.


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Zwei Jahre nach der Einführung der Zigarette war das Raclette-Gerät gerade ausgestellt worden und meine Schwester holte schon den Aschenbecher heraus. Ich war volljährig, trank Bier während des Essens und gelegentlich kiffte ich mit Freunden. Auch in dieser Zeit wusste meine Mutter, was es mit den roten Knopfaugen auf sich hat, wenn ich abends den Kühlschrank plünderte. Im feuchtfröhlichen Übermut der Volljährigkeit schlug ich nach dem Weihnachtsessen vor, dass wir statt Kippe doch einen Joint rauchen könnten – und meine Eltern sagten überraschend: "Ja."

Ich sass wenig später in unserem Wohnzimmer, rollte unter befremdlicher Beobachtung meiner Eltern einen Joint und wir liessen ihn durch die Runde gehen. Mein Vater offenbarte, dass er auch im Studium öfter mal einen geraucht hatte, und zog währenddessen gleich dreimal auf Lunge. Meine Mutter puffte nur einmal am Joint und hustete. Bis heute sagt sie, dass sie nichts gespürt habe. Eine halbe Stunde später tanzte sie mit meinem Vater und wild umherfliegenden Armen zu "Last Christmas" vorm Tannenbaum.

"Weihnachten ist gesellschaftlich definiert über die Überschreitung von Geboten und diese sind organisiert", sagt Psychologe Johann Christoph Klotter von der Hochschule Fulda. Das gilt besonders für das Essen. Die Völlerei hat sich an Weihnachten so tief eingenistet, dass uns Facebook-Freunde "ein frohes Schmausen" an Heiligabend wünschen. Dasselbe gilt für Alkohol. Jeder hat diesen Kumpel, der vom weihnachtlichen Absturz mit Onkel Dietmars selbstgebranntem Schnaps schwärmt. Und bei uns wurde eben der Joint zur Tradition.

Ich denke, unser gemeinsamer Joint hatte für sie etwas Pädagogisches. Ihre Erziehungsmethode war immer sehr liberal, nach dem Motto: "Kinder, wir reden über alles und finden eine Lösung, statt dass ich nichts von eurem Leben mitbekomme." Also war ich der Junge in meinem Freundeskreis, der mit 17 meist länger ausgehen durfte als viele andere. Aber eben auch der, dessen Mutter als einzige wusste, dass er auf einer Party und nicht bei einem DVD-Abend war.

Meine Mutter sagt heute, dass dahinter die Pädagogik steckte, unpädagogisch zu sein. Sie hatte uns schliesslich stets erklärt, dass ständiges Kiffen gefährlich ist und sich unsere jungen Gehirne noch in unserer Entwicklung befinden. Doch an diesem Abend hätten wir sie mitgezogen. "Wir sassen Stunden zusammen, haben viel erzählt und wurden uns immer vertrauter, wie man es mit Teenager-Kindern selten hat", erzählt sie mir. "Als Dankeschön für diese Offenheit und Verbundenheit habe ich diesen Blödsinn mit euch zusammen gemacht."

Dieser Blödsinn wiederholt sich seitdem jedes Jahr. Und die schönste Tradition dabei ist, dass wir alle zusammen sind.

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