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Der olympische Medaillenspiegel ist keine Leistung der EU und zeigt auch nicht deren Stärke

Nicht jeder versteht Mathematik. Wie man rhetorische Mittel verwendet, wahrscheinlich auch nicht. Deswegen hat die SPD für Europa mit ihrem Vergleich auch für großen Diskussionbedarf gesorgt.

von Johanna Siegemund
19 August 2016, 12:09pm

Die olympischen Spiele in Rio entwickeln sich—wie so viele kulturelle Veranstaltungen—immer mehr zu einem Vorwand, um gesellschaftliche und politische Probleme anzuprangern und patriotische Klischees hervorzuholen. Mal wieder. Es mag viele Journalisten geben, die fast schon dankbar sind, mit einem aktuellen Aufhänger über Altbekanntes zu reden. So etwas wie Sexismus, gesundheitliche Missstände, Sicherheitspolitik und dem düsteren Damals. Wenn sich auch sonst kaum einer für die olympischen Spiele begeistern kann, funktioniert Olympia ziemlich gut als Aufhänger für Themen, an denen man sich offenbar gar nicht satt diskutieren kann.

Auch die "SPD für Europa" hat das beobachtet und eine Grafik geteilt, die den aktuellen Medaillenspiegel der olympischen Spiele zeigt. Zumindest in einer Startaufstellung, wie sie sich die Partei vorstellt. Mit dieser Grafik soll gezeigt werden, dass die Europäische Union schon insgesamt 171 Medaillen gewonnen hätte, wenn die Europäische Union als gemeinsames Team angetreten wäre. In der Schlussfolgerung hieße das dann, dass die EU Konkurrenten wie die USA, China, Russland und Japan um ein Vielfaches übertrumpft hätte.

Das betont man dann auch noch mit einer großen, roten Überschrift und teilt diese ziemlich pathetische Botschaft mit der Facebook-Gemeinde: "Gemeinsam sind wir stärker!". Nur scheint das in den über 550 Facebook-Kommentaren kaum jemanden zu interessieren. Viel bewegender findet man die Tatsache, dass da offensichtlich nicht richtig gerechnet wurde. Man hat einfach alle bisher gewonnenen Medaillen der 28 Mitgliedsstaaten zusammengerechnet.

Die fast 4.000 qualifizierten Olympia-Teilnehmer aus der EU haben damit natürlich erheblich Vorteile im Gegensatz zu den 300 bis 500 Teilnehmern aus den Vergleichsländern. 28 Teams mit einem Einzelnen zu vergleichen ist auch vielleicht nicht das, was man unter einem fairen Wettkampf versteht. Aber anders wäre das Statement vielleicht gar nicht klar geworden. Oder den Social-Media-Menschen in Brüssel ist einfach kein anderes Symbol für die die Stärke der Europäischen Union mit dem Olympia-Aufhänger eingefallen, als eben die Medaillen zusammenzuzählen.

Ein paar ausgewählte Reaktionen. Foto: Screenshot.

Also wird in den Kommentaren fleißig vorgerechnet, warum diese Grafik gar keinen Sinn ergibt. Manche setzen die mathematischen und logischen Fähigkeiten der Partei auch in einen direkten Zusammenhang mit der sonstigen politischen Arbeit. Die SPD reagiert inzwischen auch selbst auf die Kommentare und bittet die User, es nicht ganz so genau zu nehmen—immerhin gehe es ja um die Botschaft, nicht um mathematische Genauigkeit.

Ob sich Botschaften aber wirklich am besten mit falschen Vergleichen vermitteln lassen, darf man zumindest hinterfragen. Die Leistungen einzelner Sportler können auch nicht über die aktuellen Probleme hinwegtäuschen, die Europa spätestens seit dem Aufkommen der Flüchtlingssituation und den sehr unterschiedlichen Auffassungen von einer "gelungenen" Asylpolitik spalten.

Das neue Europamotto würde dann lauten: In Leistung statt in Vielfalt geeint, oder so ähnlich.

Noch viel schwieriger als der Logikfehler in der Medaillenrechnung ist der Umstand, dass die angebliche Stärke und Vielfältigkeit, die man hier in goldener, silbener und bronzener Form der Europäischen Union zuweist, als EU-Gedanke sonst eigentlich nirgends existiert. Das zeigt der Brexit genauso wie die hunderte Kilometer lange Grenzzäune, die man in Ungarn, Kroatien, Serbien, Marokko und Bulgarien aufgestellt hat. Dem gegenüber steht die deutsche Kanzlerin, die viele als beschwichtigend wahrnehmen, wenn sie von einer Bewährungsprobe redet.

Wäre die EU wirklich als ein gemeinsames Team bei Olympia statt wie aktuell mit 28 einzelnen, würde das wohl die nächste Bewährungsprobe für die Union bedeuten: Immerhin dürfte es den gemeinen Durchschnittsnationalisten wenig begeistern, wenn "sein" Land plötzlich mit gar keinem Athleten mehr vertreten wäre. Immerhin liegt Österreich aktuell auf Platz 71 im Medaillenspiegel. Ein EU-Team würde sich vermutlich nur aus Athleten der besten EU-Nationen zusammensetzen, was aktuell (noch) Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande und Ungarn sind. Das neue Europamotto würde dann lauten: In Leistung statt in Vielfalt geeint, oder so ähnlich.

Die SPD für Europa hat ihr Statement dann noch einmal betont. Foto: Screenshot.

Aber viel schlimmer als der logische Denkfehler der SPD ist die fatale Schlussfolgerung, sportliche Leistungen mit politischen gleichzusetzen. Da helfen keine gut gemeinten Grafiken, die sportliche Erfolge als Symbol für die Stärke eines Staatenbundes zeigen wollen. Alleine schon, weil man als Europäische Union auch die europäischen Werte vertreten müsste und die sind ja in gewissen Ländern momentan zumindest in Sachen Versammlungs- und Asylrecht eher eingeschränkt. Sport und besonders sportliche Wettbewerbsleistungen sind eben kein Messinstrument, um zu zeigen, wie erfolgreich eine gemeinsame Politik wäre.

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