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Terroristen, Natursekt und Ferris MC – War der Tatort wirklich „ein Stück Fernsehgeschichte“?

Auf Facebook bezeichnet Til Schweiger die Kritiker seines Tatorts als neidische Trottel. Hat er Recht?

von Lisa Ludwig
04 Januar 2016, 11:07am

Foto: NDR | Gordon Timpen

Bei all den Diskussionen um Flüchtlingsheime, ehrenamtliches Engagement und Spendenorganisationen geriet in den letzten Monaten etwas in Vergessenheit, dass Til Schweiger vorrangig eines ist: der Heilsbringer der deutschsprachigen Film- und Fernsehlandschaft. Zumindest, wenn man ihn selbst fragt. Weil das nicht jeder so sieht, hat Schweiger seit jeher ein eher schlechtes Verhältnis zu Presse und Kritikern. Und so ist es nicht überraschend, dass er sich voller Wut an die Facebook-Gemeinde wandte, als sein zweiteiliger Tatort am vergangenen Wochenende (Der große Schmerz am Freitag, Fegefeuer am Sonntag) nicht nur positiv aufgenommen wurde.

Das Highlight des ebenso emotionalen wie wirren Postings, in dem er seine Feinde nicht nur als „klein" und „schwach" bezeichnet, sondern auch sämtlichen anderen Tatorten die Qualität abspricht, war dieser Teil hier: „du [Regisseur Christian Alvart] bringst Non Stop Action in diese 90 Minuten, in denen sonst meistens dummes Zeug gelabert wird( Frau Meier, hatte Ihr Mann Feinde?).... Ich, Til Schweiger, feier dich jetzt mal richtig derbe ab!!! Weil.... ich als Filmemacher/Schauspieler/Produzent/Writer/Cutter/Composer.... viel mehr Ahnung.... ich habe viiiieel mehr Ahnung von der Craft( Materie)....KUNST.... als die meisten von diesen Trotteln, die darüber schreiben!!!!"

Nun kann man natürlich sagen, dass die Tatort-Motzerei in sozialen Netzwerken, scheinbar eins der liebsten Hobbys der Tatort-Seher, ebenso unnötig wie ätzend ist. Schließlich wird niemand dazu gezwungen, am Sonntagabend ORF zu schaun. Andererseits: Wer behauptet, mit Der große Schmerz und Fegefeuer am Neujahrswochenende „ein Stück deutsche Fernsehgeschichte" geschrieben zu haben, der lehnt sich ganz schön weit aus dem Fenster. Nach drei Stunden Dauerballerei, Promi-Gastauftritten und willkürlich auftretenden Bösewichten verschiedenster Fraktionen sind wir versucht zu sagen: Vielleicht zu weit.

Natürlich: So hollywood, laut und—um es mit Schweigers Worten zu sagen–„viril" war wahrscheinlich noch kein Tatort. Aber nur weil LKA-Supermann Nick Tschiller ein Loch in die Wand sprengt, wenn alle Fluchtwege versperrt sind, ist sein Tatort noch lange nicht bahnbrechend. „Wenn nicht mit Helene Fischer, dann mit der Bazooka" scheint die Prämisse des Zweiteilers gewesen zu sein, der koksende, korrupte Politiker mit Natursekt-Fetisch, Zwangsprostitution Minderjähriger, Terrorismus und von arabischen Clans gesteuerte Parallelgesellschaften unter einen Hut bringen wollte.

Dinge, die wir vom Tatort über Crystal Meth gelernt haben.

Tschillers inhaftierte Nemesis Firat Astan soll von Hamburg nach Bayern verlegt werden. Als dessen Handlanger allerdings Tschillers Tochter und deren Mutter in die Hände kriegen, soll der LKA-Beamte dafür sorgen, dass Astan während des Transports flüchten kann. Das klappt allerdings nicht, weil dessen Männer von einer osteuropäischen, kriminellen Vereinigung geschmiert wurden, die ebenfalls Interesse an dem kurdischen Paten von Hamburg hat, plötzlich kapern ebenfalls russische (?) Terroristen das Tagesschau-Studio, Ferris MC trägt eine speckige, schwarze Lederjacke und möchte auch irgendetwas von Tschiller und der Innensenator verfolgt auch irgendwelche undurchsichtigen Interessen—weil er einem 15-jährigen Mädchen auf Kamera in den Mund uriniert hat. Ja, wir haben es auch nicht so richtig verstanden.

Szene aus „Der große Schmerz". Fotos: NDR | Gordon Timpen

Das kann durchaus unterhalten. Vor allem dann, wenn man aufgibt, irgendeine Art von Logik oder Glaubwürdigkeit vom Plot und den Protagonisten zu erwarten. Deswegen ist es am Schluss auch irgendwie egal, dass Nick Tschiller trotz mehrstündiger Amokfahrt durch Hamburg (bei der er nicht nur von Terroristen, kriminellen Vereinigungen, sondern auch der Polizei gejagt wird) weiterhin beim LKA arbeiten darf. Schließlich hat er den laktoseintoleranten („Soja, keine Milch") Superbösewicht Astan am Schluss doch noch brav den Behörden übergeben. Happy End, nach einer Achterbahnfahrt der Gefühle. Auch für Tschillers Tochter, deren Mutter gegen Ende des ersten Teils zwar ihr Leben lassen musste, die dafür aber Quality Time mit ihrem Vater in der Schießhalle verbringen darf.

Hat auch ziemlich viel Ahnung von der Craft: der Animator hinter „Jurassic Park" und „Star Wars". Hier gehts zum Video.

Aber, und vielleicht bin ich ein Trottel, lieber Til, weil ich nicht so viel Ahnung von der „Craft" habe wie du, ABER: Das ist kein Stück deutsche Fernsehgeschichte, sondern eine Aneinanderreihung von möglichst spektakulären Szenen und grenzdebilen Dialogen über kriminelle Ausländer und Parallelgesellschaften, die so auch aus der Feder von Lutz Bachmann stammen könnten. Das ist genau die Art von abstrusem Over-the-Top-Spektakel, nach dem die kritikverliebte Internetgemeinde Woche für Woche giert, und deswegen ist es eigentlich beachtlich, dass die Einschaltquoten für Der große Schmerz und Fegefeuer dann doch eher bescheiden waren. Dein Tatort ist nicht nur „atemlos", er gerät irgendwann zur hysterischen Plot-Karambolage mit Schnappatmung. Und das ist eigentlich ziemlich schade.

Deswegen, lieber Til: Kauf dir eine Currywurst, setz dich mal mit den „moppeligen Kommissaren" aus den anderen Tatorten vor einen bayerischen Imbiss und entschleunige ein bisschen. Mehr Glaubwürdigkeit, weniger Michael-Bay-Masturbationsfantasie. Dann gucken wir uns deinen nächsten Tatort vielleicht auch zur Erstausstrahlung im Kino an. Bussi, die schwachen und kleinen Trottel von der Neidpresse.

Wenn Lisa den Tatort guckt, erfahrt ihr es auf Twitter.

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