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Warum wollte die Evolution, dass Untreue so weh tut?

Was du schon immer wusstest, haben Studien bestätigt: Frauen und Männer sind auch in Sachen Eifersucht grundverschieden.

von Matilda Whitworth
10 Dezember 2015, 5:00am

Alle Illustrationen: Michael Dockery

Auf den ersten Blick gehört Eifersucht zu den wohl kontraproduktivsten Emotionen, die sich Menschen in den letzten Jahrtausenden angeeignet haben. Denkt nur an all die Stunden, die wir damit zubringen, uns wegen in die Brüche gegangener Beziehungen oder unerwiderter Liebe zu grämen—von dem Gefühl der absoluten Zerstörung, wenn unser Partner einen Seitensprung beichtet, erst gar nicht zu sprechen. Außerdem würde doch auch aus evolutionstheoretischer Sicht mehr Sex mit mehr Personen mehr Nachwuchs bedeuten, oder? Warum machen wir uns das Leben also dermaßen zur Hölle, nur weil unser Partner mal wieder seine sekundären Geschlechtsorgane nicht unter Kontrolle hatte?

Die Antwort auf diese Frage ist äußerst komplex und wird von der Wissenschaft aktuell noch beleuchtet. Zahlreiche Theorien wurden bereits zum Thema Eifersucht als Evolutionsvorteil formuliert. Was wir bisher wissen, ist, dass Frauen und Männer gleichermaßen eifersüchtige Wesen sind, auch wenn sich die Auslöser für Eifersucht zwischen den Geschlechtern unterscheiden.

Laut einer jahrzehntealten Untersuchung von dem Psychologen David M. Buss ist das männliche Gehirn dergestalt gepolt, dass es Eifersucht überwiegend bei sexueller Untreue empfindet, während Frauen anfälliger für Eifersucht sind, wenn sie ihr Partner emotional betrügt. Werfen wir einen Blick auf unsere Vorfahren, ergibt das durchaus Sinn—und hat zur Entwicklung des Elternaufwand-Modells (parental-investment model) geführt. Aus evolutionstheoretischer Sicht mussten sich Männer sicher sein, dass ihre Partner sexuell treu sind, damit diese keine Zeit und Ressourcen für die Erziehung fremder Kinder verschwenden. Darüber mussten sich Frauen zwar keine Sorgen machen, dafür waren sie aber von ihren männlichen Partnern abhängig, was das Auftreiben nötiger Ressourcen (Essen, Brennholz etc.) betrifft. Darum fühlten sich Frauen bei emotionaler Vernachlässigung weitaus mehr bedroht, da die dazu führen konnte, dass ihr Partner seine Aufmerksamkeit zunehmend einer anderen neugegründeten Familie widmet.

Dieselbe Dynamik lässt sich logischerweise nicht auf solche Familien anwenden, bei denen Schwangerschaft und Kindererziehung kein Faktor sind. Doch unsere uralten Emotionen bleiben sich sogar im Fall von modernen Online-Beziehungen treu. Eine Studie, die 2010 im Journal of Applied Social Psychology veröffentlicht wurde, hat nämlich herausgefunden, dass Männer eifersüchtiger reagieren, wenn ihre Partnerinnen Cybersex haben könnten, als wenn sie damit rechnen müssen, dass sich ihre Partnerin im Internet emotional mit einem anderen Mann verstrickt. Bei Frauen hingegen wurde genau das Gegenteil festgestellt.

Obwohl diese eifersuchtsbezogenen Geschlechtsunterschiede in mehreren Folgestudien bestätigt werden konnten, ist die Theorie nicht frei von Kritik. Denn bei vielen dieser Studien wurden die Probanden gebeten, einzuschätzen, wie sehr sie die Annahme sexueller bzw. emotionaler Eifersucht belasten würde. Das Problem dabei: Es ist allgemein bekannt, dass Menschen ziemlich schlecht daran sind, verlässlich Auskunft über angenommene Gefühlsreaktionen zu geben, was die Aussagekraft der gesammelten Ergebnisse in Frage stellt. Andererseits haben Studien, bei denen es um tatsächliche Verhaltensbeobachtungen bei Eifersuchtsszenarien ging (wie die Studie von Barry X. Kuhle aus dem Jahr 2011 zur US-amerikanischen Reality-TV-Show Cheaters), zu Ergebnissen geführt, die das Elternaufwand-Modell stützen.

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Trotzdem kann man mit Geschlecht auch nicht alles erklären. Im Jahr 2010 haben sich die beiden Psychologen Kenneth Levy und Kristen Kelly mit den unterschiedlichen Formen von emotionaler Verbundenheit beschäftigt, die Menschen in Beziehungen an den Tag legen. Ihre Studie kam zu dem Ergebnis, dass Verbundenheitsmuster nicht genetisch determiniert sind, sondern vielmehr erst durch unsere Erziehung und erste Freundschaften bzw. Beziehungen geprägt werden. Levy und Kelly fanden heraus, dass Probanden, die allzu große emotionale Verbundenheit ablehnen (also diejenigen, die in Beziehungen Autonomie über Hingabe stellen), sich eher bei sexueller Untreue verletzt fühlen. Diese Art der Verbundenheit kommt laut den Wissenschaftlern häufiger bei Männern vor. Im Gegensatz dazu finden Männer und Frauen, die typischerweise „enge" bzw. „sehr enge" Verbundenheit empfinden (Letzteres trifft bei Frauen häufiger auf), emotionale Untreue bei ihrem Partner beunruhigender.

Doch auch diese Studie war nicht frei von Kritik. Zu den Kritikern gehörten unter anderem die Autoren einer 2015 im Human Ethology Bulletin veröffentlichten Studie, die zeigen konnten, dass in einer Stichprobe aus 88 männlichen und 170 weiblichen Probanden aus Chile Geschlechtsunterschiede in Sachen Eifersucht nicht durch abweichende Verbundenheitsmuster erklärt werden konnten. In der Tat war es erneut das bloße Geschlecht der Probanden, das sich als der einzige zuverlässige Prädiktor herausstellte. (Lautet das Fazit vielleicht, dass chilenische Beziehungen nicht von solchen voraussagbaren Verbundenheitsmustern abhängen?)

Wie in allen Forschungsfeldern der Evolutionspsychologie spielen auch hier eine Reihe von Faktoren eine Rolle, seien es unsere Gene, unsere Erziehung oder unsere Umwelt. Trotzdem gibt es berechtigte Anzeichen dafür, dass Männer eher sauer werden, wenn sie sexuell betrogen werden, während Frauen emotionale Intimität ihrer Partners mit einer potentiellen Rivalin als beunruhigender finden. Und daran wird sich wohl auch in Zukunft nichts ändern.