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Sex

Am Sexleben deiner Nachbarn teilzuhaben, ist nicht gut für deren Beziehung

Meine Beinahe-Dreier mit dem hässlichen Nachbarn und seinen Affären.

von Nadja Brenneisen
04 September 2014, 12:00am

Foto von belgianchocolate; Flickr; CC BY 2.0

Ich habe eine Wohnung in Zürich gefunden, was für sich ja schon einen Artikel wert wäre. Neue Wohnungen bringen auch neue Nachbarn mit sich. Frisch eingezogen lag ich in meinem Bett und starrte zur Decke. Ein Geräusch hatte mich geweckt. Ich lokalisierte dessen Quelle direkt über meinem Kopf. Erst dachte ich, dass jemand weinte. Doch die beiden Herrschaften über mir schienen genau in diesem Moment die Beherrschung über sich zu verlieren.


Foto von Jean Koulev; Flickr; CC BY 2.0

Nach einer Weile führte ich eine Art Audio-Beziehung mit ihnen, denn ich war Nacht für Nacht bei ihren garantiert fordernden Aktivitäten dabei. Zumindest mit den Ohren. Ich empfand es jedes Mal als Beinahe-Dreier. Auch wenn mein Part passiv blieb. Der Punkt ist, dass ich nicht die Möglichkeit hatte, den beiden eine Abfuhr zu erteilen. Wenn ich morgens um halb sechs zerknittert aus dem Bett stieg, fühlte ich mich fast ein bisschen missbraucht. Beim gemeinsamen Kaffee unterrichtete ich meine Mitbewohnerinnen über die neusten Tonlagen und Orgasmus-Japser.

Mein nächtlicher Beinahe-Sex begann mich zu verunsichern, zumal er auch an meinen Energiereserven zehrte. Der Typ hatte Ausdauer. Mir schwante langsam, dass unsere anonyme Dreierbeziehung problematisch wurde, da ich mich auf eine akute Lernphase zubewegte. Und ich bin ein Morgenlerner, der seinen Schlaf braucht.

Foto von C. Hollingsworth; Flickr; CC BY 2.0

Während der nächsten Woche entwickelte sich aus meinem anfänglichen Interesse für die Koitus-Gewohnheiten meiner Nachbarn Hass. Augenringe und blasse Haut waren das Produkt schlafloser Nächte voller Gejaule, Geschrei, schrecklich lautem Dirtytalk und Stöhn-Marathons. Doch ich witterte eine Wende unserer Fast-Liaison, als das ganze Haus zur Silvesterparty bei den Matratzensportlern eingeladen wurde.

Foto von Gregg O'Connell; Flickr; CC BY 2.0

Meine Mitbewohnerinnen und ich standen also vor deren Wohnungstür. Mit Muffins ausgerüstet und gespannt wie Flitzbögen. In wenigen Augenblicken würde ich die passenden Gesichter zu den erlösenden Orgasmus-Schreien vor mir haben. Der Bass dröhnte aus der Wohnung, als ein spindeldürrer, junger Mann mit geschleckten Haaren die Tür öffnete. „Ihr seid also die neuen Nachbarn!" Mir lief es kalt den Rücken herunter, als mir bewusst wurde, dass ich mich Nacht für Nacht in das Sexleben dieses Schleimstrebers integriert hatte.

Ich beschloss es sportlich zu nehmen und dem Kerlchen, dem ich niemals zugetraut hätte überhaupt sexuell aktiv zu sein, die Bewegung zu gönnen. Doch meine Mitbewohnerin knockte ihn aus: „He... Du und deine Freundin, ihr seid ja ganz schön in Topform. Wir hören euch jede Nacht." Sie zwinkerte ihm zu.

Foto von Felix Montino; Flickr, CC BY 2.0

Eine Frau, die bis dahin unauffällig in der Ecke gesessen hatte, fuhr hoch, stürmte zur Tür und knallte diese zu. Ich bemerkte gerade noch ihren ausgestreckten Mittelfinger zum Schleimstreber hin. Der rief ihr nach: „Chantal! Chantal! CHANTAL!"

Silvester war gelaufen; wir verdattert. Das halbe Handtuch aufgelöst und puterrot. Er sah fast ulkig aus, als er auf die Haustür zeigte und uns auch noch anschrie: „Raus! Aber sofort." Auch ein paar der anderen Gäste verabschiedeten sich. Verständlich, ein Depro-Silvester führt zu einem Trauma-Neujahr. Im Treppenhaus raunte mir ein Freund des Schleimstrebers, der meinem fragenden Blick bemerkte, zu: „Seine Freundin Chantal ist erst heute von ihrem Auslandssemester zurückgekommen."

Foto von Newtown graffiti; Flickr; CC BY 2.0

Ich hätte mich beinahe an meinem Cocktail (Den ich hab mitgehen lassen, danke dafür!) verschluckt, als mir klar wurde, warum das Gestöhne jedes Mal anders geklungen hatte. Mein Nachbar war nicht nur ausgesprochen unattraktiv, er war auch eine Bettgranate, Fremdgänger und Frauenheld. Hässlich bumst halt gut. Zudem ist mir klar geworden, dass auch noch so zentrale Stadtwohnungen ihren Haken haben und ich noch einmal zum Thema Menschenkenntnis, insbesondere was das Einschätzen meiner Nachbarschaft betrifft, hinter die Bücher muss.

Wenn uns das Sexleben unserer Nachbarn fertigmacht, besuchen wir heute die Vernissage von Freedumb und gehen noch für ein Momentchen ins Gonzo.

Morgen bestaunen wir die Hyperwerk-Vernissage Exit through the talentshop, um dann im Kofmehl bei Zomboy zu überhitzen oder am Electrosanne Club-Roulette zu spielen.

Am Samstag essen wir die tätowierten Schweine der Internationalen Gastronautischen Gesellschaft, flüchten vor den Sexgeräuschen weiter ans Theaterfestival in Basel, an die Lange Nacht der Museen in Zürich oder zu den Offenen Ateliers in Aarau und pogen uns später bei Kasparov im Coq d'Or aus oder tanzen uns unter den Konfettikanonen am Glitter Gwitter im Plaza frei.

Sonntags gehen auch Schleimstreber gerne brunchen, etwa im Sud oder in der Aktienmühle.

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