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Liebe

Ich bin die Dritte in einer offenen Beziehung und es macht mich kaputt

Seit einem Jahr date ich einen Mann, der eine Freundin hat. Alle wissen voneinander. Und trotzdem fühlt es sich an wie Betrug.

von Laura Viktoria
02 November 2016, 9:00am

Foto: Martin Petersen

Er ist bei seiner Freundin und das eigene Bett fühlt sich plötzlich viel zu leer an | Foto: Martin Petersen

Ich sitze im Flugzeug zurück nach Deutschland, zurück in die Realität. Unser Wochenende kommt mir jetzt schon fast unwirklich vor: Benjamin* und ich fuhren Kettenkarussell über den Dächern Stockholms, redeten stundenlang, hatten unglaublichen Sex. Dinge, die man am Pärchenwochenende macht. Nur dass Benjamin nicht mit mir zusammen ist, sondern mit Julia*, seit 12 Jahren schon. Seit zwei Jahren sind sie in einer offenen Beziehung.

Benjamin und ich lernten uns an seinem dreißigsten Geburtstag kennen. Ein Kumpel hatte mich zu seiner Party mitgenommen. Benjamin trug ein Tigerkostüm, war neun Jahre älter als ich und hatte die grünsten Augen, die ich je gesehen habe. Drei Monate später haben wir uns auf Tinder wiedergefunden. Nach zwei Gin Tonics und vielen Küssen in einer Bar standen wir vor meiner Wohnungstür.

Er sagte: Ich habe eine Freundin, aber sie hat kein Problem damit, wenn ich reinkomme. Plötzlich war ich schlagartig nüchtern. Mein Magen zog sich zusammen, aber ich öffnete die Tür. Seitdem ist ein Jahr vergangen. Wir liegen oft zusammen auf der Couch und schauen Filme, gehen zusammen auf Partys oder ich begleite ihn auf seinen Geschäftsreisen. Wir teilen miteinander Sorgen, Ängste, inzwischen auch viele Freunde.

Ich bin nicht nur eine Vögelei, mehr als eine Affäre, aber eben auch nicht seine Freundin.

Von Anfang an habe ich mir zwei Bedingungen gestellt, um meinen Stolz zu bewahren. Sobald er sich mit Julia verlobt oder sie schwanger wird, bin ich raus. Die zweite: Wir können beide unser Verhältnis jederzeit beenden, wenn er und Julia wieder eine monogame Beziehung wollen. Oder ich mich in einen anderen verliebe. Aber der Gedanke daran treibt Benjamin und mir jedes Mal die Tränen in die Augen.

Mit der Zeit bin ich eine Meisterin darin geworden zu verdrängen, dass er eine Freundin hat. Trotzdem gibt es Momente, in denen mich die Wahrheit einholt. Wie damals, in Las Vegas. Er ist im Meeting, ich suche nach Socken in seinem Koffer und halte plötzlich einen pinken Zettel in der Hand. Ein ausgeschnittenes Herz mit rotem Fineliner beschriftet: "I love you!" Drumherum lauter kleine rote Herzen. Auf dem zweiten Zettel steht: "Ich wünsche dir ganz viel Spaß, Baby! Genieß es!" Eine schöne, schwungvolle Schrift.

Ich habe Julia nur auf Facebook-Fotos gesehen und möchte sie auch nicht kennen, nicht einmal ihre Handschrift. Mich überkommt Wut. Wut auf ihn und auf mich selbst, weil ich mir das antue. Mir wird schlecht.

Aber ich kann das Benjamin nicht einmal vorwerfen. Er spielt mit offenen Karten. Ich willigte ein.


Ich begreife nicht, wie seine Freundin das aushält. Sie bietet ihn quasi wie ein Stück Kuchen auf dem Dessertteller an: "Bitteschön, hier ist mein Mann. Sehr lecker, lohnt sich, greift zu." Benjamin hat mir erzählt, dass die offene Beziehung ihre Idee war. Julia hatte sich in einen anderen Mann verknallt, wollte die Beziehung aber nicht aufgeben. Und trotzdem denke ich oft über die Frage nach, ab wann Betrügen beginnt. Manchmal traue ich mich, Benjamin zu fragen, ob seine Freundin eigentlich weiß, dass ich gerade bei ihm bin. Er sagt: "Nein. Sie hat auch nicht gefragt."

Ist Verschweigen schon Belügen? Ist Verheimlichen dasselbe wie Betrügen?

Manchmal denke ich: Ihm ist bewusst, dass er einen Schritt zu weit geht. Was wir haben, ist viel mehr als nur frischer Wind für seine Beziehung. Manchmal glaube ich, wir belügen uns selbst. Aber dann denke ich wieder: Was wir haben, ist so besonders. Und wie kann etwas falsch sein, wenn es mich so glücklich macht—und alle Beteiligten damit einverstanden sind?

Wenn wir nebeneinander im Bett liegen, sprechen Benjamin und ich oft über offene Beziehungen. Er sagt: "Julia und ich vertrauen uns so sehr, dass wir uns das Geschenk machen, auch Sex und schöne Momente mit anderen zu teilen." Ich sage: "Ich weiß, es gibt kein Richtig und Falsch. Aber ich will nicht, dass Treue in unserer Zeit als etwas Altmodisches abgestempelt wird. Ich glaube daran." Dann nickt er und drückt mich noch fester an sich.

Mein Freundeskreis ist zwiegespalten, was Benjamin angeht. Die einen sagen, dass er—der neun Jahre ältere Mann mit seiner sicheren Beziehung—mit meinen Gefühlen spielt und mich ausnutzt. Aber so einfach ist es nicht. Ich bin eine selbstbewusste Frau, ich weiß, was ich will. Ja, in meinem Herzen glaube ich an Monogamie. Aber seit ich Benjamin kenne, verstehe ich, dass Liebe nicht so einfach ist wie: boy meets girl, happy end. Das Herz sucht sich nicht immer den einfachen Weg. Also eigentlich nie, wäre ja auch langweilig. Obwohl das Ganze so kompliziert ist, schenkt es mir Energie, anstatt sie mir zu rauben. Benjamin lädt meine Batterien auf, motiviert mich. Und mit jeder Sekunde, die ich mit ihm verbringe, werde ich zu einem besseren Menschen.

Die einen Freunde sagen: Pass auf! Die anderen: Lass dich treiben, du hast nichts zu verlieren. Ich stehe irgendwo dazwischen. Will unsere Zeit genießen, aber meinen eigenen Weg nicht aus den Augen verlieren. An guten Tagen blicke ich entspannt in die Zukunft und bin neugierig, was als nächstes kommt. Die schlechten Tage kommen, nachdem ich längere Zeit mit Benjamin verbracht habe. Manchmal würde ich am liebsten auf ihn einprügeln, weil er so ein Gefühlschaos in mir anrichtet. Zu groß ist der Kontrast aus unserer intensiven Zeit und der Gewissheit, dass er jetzt mit seiner Freundin in ihrer gemeinsamen Wohnung ist.

Ich habe so viel von Benjamin über die Liebe gelernt. Ich bin optimistischer geworden, leichter. Früher habe ich mir schon beim ersten Treffen ausgemalt, ob mein Vorname zum Nachnamen meines Dates passt. Heute kann ich den Moment genießen. Aber mit jedem Treffen, tut es mehr weh zu wissen, dass der Moment wieder geht. Und er geht.

* Die Namen der Protagonisten wurden geändert, der Redaktion aber bekannt. Die Autorin heißt wirklich Laura Viktoria, ihren Nachnamen möchte sie aber nicht öffentlich machen.