Investigativer Journalismus

Der Ursprung des mysteriösen S-Zeichens – Die Recherche geht weiter

Das Internet schickt uns immer mehr Theorien zu. Und die werden immer wirrer.

von Julian Morgans
07 März 2017, 11:18am

Siebte Klasse, Mathestunde. Bruch- und Kommarechnung langweilen. Deshalb lenkst du dich lieber ab und kritzelst deinen Block mit diesem S-Zeichen voll, das gerade total angesagt ist. Das Ding ist aber auch richtig cool und sehr mysteriös.

Und gerade das Mysteriöse hat mich gepackt. Es ist weder das Superman-S noch eine frühe Form des Stüssy-Logos. Die beiden geläufigsten Theorien waren damit abgehakt. Ich kam in meinem Artikel zu dem Schluss, dass es keinen Schluss gibt, und hakte die ganze Sache ab.

Für das Internet ist das Thema aber noch lange nicht durch. Ich bekomme noch immer verschiedene Theorien zugeschickt. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, fünf von diesen Theorien nachzugehen. Vielleicht finde ich so heraus, wo das ominöse S wirklich herkommt.

Erste Theorie: Das S wurde von einer Band namens Sacred Reich entworfen

Alle Fotos vom Autoren (sofern nicht anders angegeben)

Eine Theorie ist, dass die US-amerikanische Thrash-Metal-Band Sacred Reich das S erfunden hat. Sacred Reich haben seit ihrer Gründung im Jahr 1985 viele Touren in allen Teilen der Welt gespielt. Vielleicht hat es sich so verbreitet? Als ich mit Phil Rind, dem Sänger und Bassisten der Band, telefoniere, versichert er mir, dass das Logo nicht von Sacred Reich stammt. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass Suzuki das Symbol schon vor unserer Band nutzte", sagt er. "Unser Gitarrist Jason fuhr früher gerne Motorrad. Da saß er bestimmt mal auf einer Suzuki. Daher kommt es. Aber schon cool, dass die Leute glauben, das S stamme von uns. Leider liegen sie falsch."

Zweite Theorie: Das S steht für Suzuki

Die Stüssy-Mitarbeiterin aus meinem ersten Artikel zum S erzählte mir zwar bereits von dieser Theorie, aber ich bin dem damals nicht weiter nachgegangen. Das hole ich nun nach. Lewis Croft arbeitet als Marketing Manager bei Suzuki. Auf meine E-Mail antwortet er: "Bei der von dir zugeschickten Zeichnung handelt es sich weder um eine frühere noch um die aktuelle Version unseres offiziellen Logos. Das Suzuki-Logo ist 1958 in dieser Form erstmals erschienen." Obwohl Croft nicht direkt bei Suzuki in Japan arbeitet, gibt es keinen Grund, an seiner Aussage zu zweifeln. Ich muss also weitergraben.

Dritte Theorie: Das S gehört zu einer kalifornischen Gang

Foto von Richard Valdemar: bereitgestellt von Richard Valdemar

Ebenfalls beliebt ist die Vorstellung, dass das S-Symbol aus der Gang- und/oder Graffiti-Kultur kommt. Viele Leute scheinen besonders davon überzeugt zu sein, das S gehört zu den Sureños, einem Zusammenschluss mexikanischer Gangs mit Verbindungen zur Mafia. Aber selbst wenn es nichts mit den Sureños zu tun hat, dann auf jeden Fall mit irgendeiner anderen Gang aus dem Süden Kaliforniens.

Also setze ich mich mit Richard Valdemar, einem ehemaligen Detective des Los Angeles County Sheriff's Departments, in Verbindung. Valdemar kämpfte gut 33 Jahre lang gegen die Gang-Gewalt in Los Angeles. Deswegen arbeitet er auch für das Police Magazine als Experte zu diesem Thema. Seiner Aussage zufolge hat das S nichts mit den ihm bekannten Gangs zu tun.

"Zwar scheint der Buchstabe einen gewissen Graffiti-Stil zu haben, aber der entspricht nicht dem gängigsten Stil bei den südkalifornischen Gangs", erklärt er mir. "Normalerweise schreiben kalifornische Gangs aus Südamerika das S fast immer in Verbindung mit der Zahl 13 – also 'S-13'. Der 13. Buchstabe des Alphabets ist nämlich das M und es steht hier für die mexikanische Mafia. Zusätzlich findet man oft noch das spanische Wort 'SUR', was Süden oder 'Southern United Raza' bedeutet. Nur der Buchstabe S allein steht nicht für die Sureños."

Das klingt einleuchtend. Deswegen frage ich Valdemar nach seiner eigenen Theorie zur Herkunft unseres S-Symbols. Er vermutet, dass es sich dabei nur um ein beliebtes Graffiti-Zeichen handelt, das niemandem zugeschrieben werden kann. "Hier ist es wie bei den Bubble- oder Pfeil-Schriftarten", erzählt er. "Sie werden von allen benutzt."

Vierte Theorie: Das S wurde von Nikki aus Delaware erfunden

Nikki hat mich bei Facebook angeschrieben, um mir zu erklären, dass sie persönlich für das S verantwortlich ist. Ich bin davon zwar nicht wirklich überzeugt, aber Nikki ist dennoch sehr liebenswürdig. Und sie wäre auch nicht die erste Person, die fälschlicherweise glaubt, einen Trend gestartet zu haben. Ich dachte zum Beispiel, ich hätte in den 2000ern als erster Mensch meinen Gürtel seitwärts getragen. Ich sollte also lieber ganz leise sein.

"Ich fing in den späten 70ern an, das S zu malen", erzählte mir Nikki. "Es stand damals für 'Stormer', meinen Tag-Namen. Du findest nichts zur Herkunft des Symbols, weil es zu keiner Firma gehört. Ich habe es zusammen mit meiner besten Freundin erfunden. Wenn du jetzt enttäuscht bist, dann tut mir das leid."

Fünfte Theorie: Das S ist eine "verzierte Initiale" aus dem mittelalterlichen Europa

In alten Büchern ist der erste Buchstabe eines Kapitels oftmals als Illustration dargestellt. Bei einem "Es war einmal" wäre das E zum Beispiel eine kleine mittelalterliche Grafik mit einer Burg und einigen Faunen. Diese Buchstaben nennt man "verzierte Initialen". Und laut Sonja Drimmer, einer Assistenzprofessorin im Fach Kunstgeschichte an der University of Massachusetts, könnte es sich bei dem S-Symbol um eine solche Initiale handeln.

"Vor Kurzem wollte ich lernen, mit einer Feder zu schreiben", erzählt sie mir. "Deshalb stellte ich erstmal meine eigenen Schreibwerkzeuge aus Truthahnfedern her und besorgte mir Tinte. Schließlich fiel mir auf, dass es sehr schwer ist, ein S mit einer Feder zu schreiben. Und zur gleichen Zeit las ich deinen Artikel."

Laut Drimmer ist das Problem beim Feder-S die Tatsache, dass man die Federspitze dabei in zwei verschiedene Richtungen zieht. Dadurch entstehen anstelle einer gleichmäßigen Linie zwei gegenüberstehende, dickbäuchige Cs. Dieses Problem lässt sich mit mehreren vertikalen Strichen lösen.

"Das ist jetzt nur eine Theorie", sagt Drimmer, "aber vielleicht haben die Leute damals angefangen, das ausgefallenen und eckige S zu schreiben, um das Problem mit der Federspitze zu umgehen." Die Assistenzprofessorin hat das S-Symbol außerdem schon mehrfach als verzierte Initiale gesehen – und das in Texten, die teilweise aus dem England des achten Jahrhunderts stammen. Leider gibt es keinen definitiven Beweis dafür, dass das Zeichen wirklich aus dieser Zeit stammt.

Obwohl ich jetzt schon zwei Artikel über die Herkunft des berühmten S-Symbols geschrieben habe, bin ich nicht wirklich klüger. Eine Sache kann ich allerdings mit Sicherheit sagen: Das S ist verdammt cool und verdammt geheimnisvoll.

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