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Eine Überlebende des Bataclan-Anschlags erzählt von ihrem Leben seit der Tragödie

„Ich fühle mich den Leuten verbunden, die fast mit mir zusammen gestorben wären, obwohl ich sie nicht kenne und sie wohl auch nie wieder sehen werde."

von Glenn Cloarec
11 Januar 2016, 5:00am

Foto: Étienne Rouillon/VICE News

2015 war definitiv kein leichtes Jahr für die französische Hauptstadt. Erst stürmten zwei Terroristen im Januar das Redaktionsbüro des Satiremagazins Charlie Hebdo und töteten dabei kaltblütig 12 Menschen. Kurz darauf lief ein anderer Mann in einem Hyper-Casher-Minimarkt Amok und ermordete dabei drei Kunden sowie einen Angestellten. Und am 13. November hielt der Terror erneut Einzug in Paris, als Anhänger des sogenannten IS bei verschiedenen Anschlägen 130 Menschen umbrachten und 352 weitere verletzten.

Die 21-jährige Julia*, eine in Paris lebende Studentin, befand sich an besagtem Abend in der Konzerthalle Bataclan, als 90 Eagles of Death Metal Fans den Tod fanden. Nachdem sie sich fast eine halbe Stunde lang unter den Leichen versteckt hatte und ihr fast in die Hand geschossen worden war, schaffte sie es zusammen mit einem Freund, ins Freie zu entkommen. Wir haben uns mit Julia getroffen, um mit ihr darüber zu reden, wie ihr Leben seit diesem schrecklichen Abend aussieht. Es folgt nun ihre Erzählung, die in Bezug auf Länge und Klarheit redigiert wurde.

Wenn ich darüber nachdenke, dann hat sich mein Verhalten—oder mein Alltag—nicht wirklich verändert. Vielleicht ist es aber auch noch zu früh, das mit Sicherheit sagen zu können. Und trotzdem fühlt sich seit dem Anschlag im Bataclan alles ein wenig absurd an, so als ob ich in einem Film oder in einem Traum leben würde. Alles, was ich mache—selbst banale Dinge wie etwa Kochen oder Einkaufen—kommen mir jetzt komisch und fast sogar unangebracht vor. Ich frage mich die ganze Zeit, wie es mir möglich sein kann, mein Leben so normal weiterzuleben, wenn doch so viele Menschen gestorben sind. Ich fühle mich fast schuldig. Und dennoch befinde ich mich trotz der Dinge, die ich an diesem Abend gesehen habe, nicht in einem Schockzustand. Warum das so ist, kann ich mir nicht erklären.

Dazu habe ich das Gefühl, dass mir nach dem, was mir passiert ist, nichts mehr etwas anhaben kann. Eine halbe Stunde lang war ich davon überzeugt, sterben zu müssen. Das hat nun zur Folge, dass mir nichts mehr wirklich Angst macht. Natürlich zucke ich immer noch fürchterlich zusammen, wenn ich irgendwo einen Knall oder etwas Ähnliches höre, aber ich weiß nicht, ob das wirklich aus Angst geschieht. Ich glaube, dass es sich dabei eher um eine automatische Reaktion handelt: Mein Gehirn und mein Körper befinden sich immer noch in Alarmbereitschaft. Sie wurden 30 Minuten lang von meinem Überlebensinstinkt gesteuert und das hat sich bis heute nicht geändert. Ich fühle mich jetzt tatsächlich lebendiger. Meine Sinneswahrnehmung—und dabei vor allem mein Gehör und mein Sehvermögen—hat sich verbessert.

Ich habe gemerkt, wie ich unbewusst weniger vorsichtig geworden bin. Manchmal überquere ich zum Beispiel eine Straße, ohne vorher zu schauen, ob ein Auto kommt. Diesbezüglich hat sich meine Beziehung zum Tod weiterentwickelt. Die Leute haben Angst vor dem Unbekannten. Nachdem ich diese psychologische Erfahrung durchgemacht habe, gibt es für mich keinen Grund mehr, den Tod zu fürchten.

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Während des Anschlags überraschte es mich, wie mein Körper reagierte. Als die ersten Schüsse fielen und sich deswegen jeder auf den Boden warf, dachte ich darüber nach, wie komisch es eigentlich war, dass mein Herz nicht zu rasen und mein Körper nicht zu zittern anfing. Ich war einfach nur ruhig und versuchte auch nicht, irgendwie zu fliehen oder einen Ausweg zu finden. Ich habe mich einfach von den Geschehnissen leiten lassen, was ein zu intensives Nachdenken verhinderte und deshalb auch kein Angstgefühl hervorrief. Die Tatsache, dass sich mein Freund Florian immer in meiner Nähe befand, war mit Sicherheit ebenfalls hilfreich.

Ich geriet jedoch in Panik, als Florian und ich die Tatsache ausnutzten, dass viele Leute aufstanden und nach draußen rannten. Wir nahmen das Heft quasi selbst in die Hand und hörten auf, Opfer zu sein. In diesem Moment war ich mir allerdings nicht sicher, ob eine Flucht wirklich so klug ist, denn die Terroristen hatten vorher bereits mehrere Menschen erschossen, die entkommen wollten. Diese Entscheidung fiel mir extrem schwer.

Ich frage mich die ganze Zeit, wie es mir möglich sein kann, mein Leben so normal weiterzuleben, wenn doch so viele Menschen gestorben sind.

Es wurden erneut Schüsse in unsere Richtung abgefeuert und wir mussten uns deswegen wieder hinlegen. Ich fragte mich, ob ich aufgeben und mich eher passiv verhalten oder einen neuen Fluchtversuch starten sollte. Es fiel mir nicht einfach, eine Entscheidung zu treffen. Florian erging es genauso.

Es hat ein paar Tage gedauert, bis ich mich an die 30 Sekunden des Entkommens erinnern konnte—mein Gehirn hat diesen kurzen Moment irgendwie gelöscht. Und selbst jetzt kommen mir nur ein paar wenige Bilder ins Gedächtnis.

Ich habe den Ernst der Lage erst begriffen, als ich die verletzten Menschen auf dem Bürgersteig vor dem Bataclan erblickte. Sie setzten mir mehr zu als die Leichen, die ich in der Konzerthalle gesehen hatte. Etwas später sind wir dann zusammen mit einigen anderen Überlebenden in eine nahegelegene Wohnung gegangen. Die Atmosphäre war total surreal. Niemand konnte begreifen, was wir da gerade erlebt hatten. Wir schalteten das Radio ein und jeder weinte, als ein Mann beschrieb, was er gesehen hatte. Das ganze Ausmaß des Horrors wurde mir jedoch erst klar, als mir Videos gezeigt wurden und noch weitere Leute über die Geschehnisse redeten.

Während dieses Wochenendes konnte ich nichts Anderes machen, als alles zu lesen oder anzuschauen, was mit den Anschlägen zu tun hatte. Ich gab mir alle Videos und selbst die schrecklichsten Bilder, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Ich musste mich davon überzeugen, dass das alles wirklich passiert ist. Ich weiß noch, wie ich die Aufnahmen eines Journalisten sah, die er von seiner Wohnung neben dem Bataclan aus gemacht hatte. Ich hörte die Schreie und die Schüsse und fühlte eine gewisse Distanz.

Damit habe ich dann eine Woche nach den Geschehnissen wieder aufgehört. Ich hatte auch nicht das Bedürfnis, an den Gedenkfeiern teilzunehmen, weil ich die Dinge, denen dort gedacht wurde, selbst erlebt hatte. Ich war von dem ganzen Mitgefühl schon irgendwie „berührt", aber gleichzeitig konnte ich nicht anders, als darin auch ein gewisse Scheinheiligkeit zu sehen.

Am Sonntag, also zwei Tage nach der Tragödie, traf ich mich auch wieder mit Florian. Wir sind zurück ins elfte Arrondissement gegangen, um herauszufinden, wie wir unsere Sachen zurückbekommen, die wir am Bataclan zurückgelassen hatten. Im Anbetracht der Geschehnisse fühlt sich das total absurd an.

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Schließlich wurden wir in die Konzerthalle gebeten. Als ich den Zettel, der mir an der Garderobe gegeben worden war, vorzeigen sollte, wurde mir plötzlich total bewusst, wie wichtig mir die Dinge waren, die mich an die Anschläge erinnern. Ich wollte den Zettel behalten, obwohl er mit Blut vollgeschmiert war. Gleiches gilt für das eigentliche Konzertticket. Ich würde es für nichts in der Welt hergeben. So denke ich auch über die Klamotten, die ich an diesem Abend trug. Meine Mutter wusch sie, weil sie ebenfalls voller Blut waren. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich sie einfach ungewaschen in einer Box aufbewahrt, um sie von Zeit zu Zeit betrachten zu können. Keine Ahnung, warum ich das will—vielleicht habe ich Angst, dass mit der Zeit bestimmte Erinnerungen verloren gehen. Ich weiß, dass andere Überlebende genau das Gleiche tun. Ich habe meine ebenfalls blutverschmierten Schuhe in eine Ecke meiner Wohnung gestellt und sie seitdem nicht mehr angefasst. Natürlich sind sie ziemlich eklig, aber ich muss sie einfach behalten.

An jenem Sonntag erzählte mir Florian auch, dass er froh sei, noch am Leben zu sein. Ich kann jetzt nicht behaupten, dass ich dieses Gefühl ebenfalls habe. Natürlich finde ich es gut, noch zu atmen, aber so richtig habe ich mir das noch nicht eingeredet. Florian meinte auch, dass er sich jetzt in der U-Bahn oder in geschlossenen Räumen unwohl fühlen würde. Bei mir ist das etwas komplizierter: Ich weiß noch, wie ich eines Tages in der Uni-Bibliothek war und die Leute um mich herum betrachtete. Dabei dachte ich mir: „Sie sind komplett ahnungslos." Sie hatten ja auch keinen Grund, irgendetwas zu fürchten. Der Gedanke daran, dass diese Menschen genauso ahnungslos waren, wie die Leute, die sich mit mir im Bataclan befanden, verursachte bei mir tiefes Unbehagen.

Ich fühle mich den Leuten verbunden, die fast mit mir zusammen gestorben wären, obwohl ich sie nicht kenne und wohl auch nie wieder sehen werde.

Seit dem 13. November bin ich viel unentschlossener und neige mehr zu Stimmungsschwankungen als zuvor. Ich schmiede irgendwelche Pläne und entscheide mich dann doch wieder anders. Das war eigentlich nie typisch für mich. Auch habe ich das Interesse an bestimmten Dingen und Aktivitäten verloren. Mein angefangenes Studium wird zwar noch lange dauern, aber ich frage mich, warum ich es überhaupt angefangen habe. Welchen Zweck hat das Ganze denn, wenn alles innerhalb von einer Sekunde vorbei sein könnte?

Eine Weile bin ich auch zu einem Psychiater gegangen. Dort habe ich viel geredet und geweint, was mir richtig gut getan hat. Ich habe auch mit meiner Familie eingehend über die Geschehnisse gesprochen, aber dabei konnte ich ihnen nicht erzählen, wie es in mir drin aussieht, denn sie sollten sich keine Sorgen machen. Außerdem wollte ich ein paar Dinge einfach für mich behalten.

Wenn ich mit anderen Menschen über die Tragödie rede, dann ist mir das manchmal unangenehm. Ich mag es auch nicht, wenn meine Verwandten darüber sprechen, denn sie wissen nicht zwangsläufig, wie man dieses Thema richtig angeht. Woher auch? Ich glaube nicht, dass sie verstehen können, was ich durchgemacht habe—selbst dann nicht, wenn ich ihnen alles erzähle. Paradoxerweise konnte ich in den Wochen nach den Anschlägen über nichts anderes reden. Deshalb wollte ich auch viel Zeit mit Florian verbringen, der zwar kein wirklich guter Freund von mir war, es nach dem 13. November jedoch wurde. Nur er konnte mich wirklich verstehen.

Die Tatsache, dass meine Freunde die Anschläge nicht mit mir erlebt haben, hat eine gewisse Distanz zwischen uns geschaffen. Einige von ihnen meinten zu mir, dass alles gut sein würde, weil ich ja noch lebe. Als sie wussten, dass ich überlebt hatte, war ihnen egal, wie viele andere Menschen umgebracht wurden. Das kann ich nur schwer akzeptieren, weil ich mich als Teil der Gruppe ansehe, die an diesem Abend zusammenkam—also die Opfer und die Überlebenden vom Bataclan. Ich fühle mich den Leuten verbunden, die fast mit mir zusammen gestorben wären, obwohl ich sie nicht kenne und sie wohl auch nie wieder sehen werde. Ich habe an diesem Abend vielleicht keinen geliebten Menschen verloren, aber es ist trotzdem schwer zu begreifen, dass wir mit dem Leben davongekommen sind, während das bei 90 anderen Leuten nicht das Fall war. Das Gefühl, diese Leute im Stich gelassen zu haben, ist grauenhaft. Seitdem sehe ich nichts mehr als selbstverständlich an, weil alles von einem Moment auf den anderen vorbei sein kann.

*Alle Namen geändert