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Noisey

Bushidos Sieben-Punkte-Promoplan ist genial

Wobei wir uns nicht so sicher sind, ob die Promo für Bushidos neues Album ‚Sonny Black‘ wirklich einem größeren Plan folgt oder einfach so passiert.

von Ayke Süthoff
11 Februar 2014, 12:10pm

Seit Ende des letzten Jahrtausends drei junge Amerikaner das Filesharingportal Napster online schalteten, ist die Musikindustrie im Arsch. Das ist 2014 wirklich keine Neuigkeit mehr, interessant ist aber nach wie vor der Umgang damit. Erst versuchten die großen Player erfolglos durch Drohungen, Bestrafung und Kopierschutz Downloads zu stoppen und Verkäufe hochzuhalten. Inzwischen haben längst alle Deals mit dem Teufel abgeschlossen: Spotify, Youtube, iTunes und Co. machen richtig Cake, während selbst Majorlabels froh sind, wenn sie wenigsten die Krümel abbekommen.

Für die Musiker selbst bleiben ja noch die Einnahmen aus Livegigs und Werbedeals. Und wenn man viel davon zu sich nimmt, machen sogar Krümel satt. Daher hat sich die Meinung durchgesetzt, dass gute Promo noch immer Gold wert ist, weil sie sich eben woanders wieder auszahlt. Und auch wenn Youtube und Spotify auf direktem Weg wenig abwerfen, sind sie doch die beste Promo, die man sich heute als Musiker vorstellen kann—denn sie bedeuten Reichweite.

Da das aber noch lange nicht alles sein kann, befindet sich die Welt der Musik momentan deutlich auf der Suche nach dem besten Weg, ein bevorstehendes Album zu promoten. Ziel ist es, die Leute auf den Inhalt heiß zu machen, ohne zu viel zu verraten—denn wenn man schon das gesamte Album kennt, braucht man es ja nicht mehr zu kaufen. Hilfreich dabei sind:

1. Journalisten, die direkt oder indirekt über das Album schreiben (weniger wichtig: ob sie positiv oder negativ berichten).

2. Gute, spannende, außergewöhnliche oder brutal eingängige Songs und Videos, die vorab veröffentlicht werden (mit leichter Verschiebung Richtung Video, denn Radio ist zunehmend weniger wichtig als Youtube).

3. Spektakuläre Features oder Gastmusiker.

4. Weitere Medienberichte, die nicht direkt mit dem Album zu tun haben—bestenfalls Skandale oder Streit.

5. Social Media (die bestenfalls ein ergänzendes, persönlicheres Bild als die Medien zeichnen).

6. Klassische PR, und zu guter Letzt

7. Qualitativ hochwertige Songs/ein gutes Album (leider viel weniger wichtig, als man sich das als Idealist wünscht).

Jemand, der diesen Plan von vorne bis hinten abzuarbeiten scheint, ist Bushido. An diesem Freitag kommt sein Album Sonny Black, passenderweise am Valentinstag. Dass so ziemlich jeder Journalist in Deutschland, der sich auch nur halbwegs mit Musik beschäftigt, über ein neues Bushido-Album schreibt, ist eigentlich klar. Damit aber wirklich niemand an ihm vorbeikommt, hat er im Sommer in einem Feature auf einem Track seines Labelkollegen und Protegé Shindy für einen handfesten Skandal gesorgt. Damit hat er quasi im Vorbeigehen seine Stellung in der deutschsprachigen Musikszene deutlich gemacht und dafür gesorgt, dass sich die Kritiker (wieder) für seine Musik interessieren.

Da Bushido selten im Radio gespielt wird, sind Videoveröffentlichungen für ihn das wichtigste Promo-Werkzeug. Der Stand heute: Zwei Videos von seinem neuen Album  hat er auf Youtube veröffentlicht. Viel krasser eingeschlagen hat allerdings ein Track, der gar nicht auf dem Album ist: „Leben und Tod des Kenneth Glöckler”. Das Video, veröffentlicht am 22. November 2013, knackte mit mehr als vier Millionen Views am ersten Wochenende den deutschen Youtube-Startrekord und war die perfekte Ankündigung für das neue Album, dessen Releasedatum hier erstmals bekannt gegeben wurde.

Kurz vor Weihnachten folgte „Mitten in der Nacht“. Weniger spektakulär, aber doch ein deutlicher Hinweis darauf, dass Bushido nach wie vor Streetrap macht und—im Gegensatz zu einem ehemaligen Freund—keinen Bock auf Songs übers Windeln wechseln hat. Die dritte Vorab-VÖ war vor etwas mehr als zwei Wochen der Song „Gangsta Rap Kings“.

Damit wären wir auch schon bei Punkt drei: „Features & Gastmusiker“. Über die Qualität der Rap-Parts von Bushido, Kollegah und Farid Bang kann man sich streiten, aber dieses erste Feature mit dem Boss und dem Banger (übrigens gibt es nur zwei Feature-Tracks auf dem gesamten Album) ist per se eine ziemliche Ansage. Zum einen, weil die beiden mit JBG2 vor ziemlich genau zwölf Monaten eines der erfolgreichsten deutschen Rap-Alben der letzten Jahre veröffentlicht haben. Zum anderen, weil Kollegah und Farid traditionell Beef mit Fler haben, der ehedem äußerst eng mit Bushido verbandelt war. Ein klassischer Boss-Move, mit dem Bushido die Aufmerksamkeit der Rap-Fans, die sich in endlosen Facebook- und Youtube-Debatten über die Bedeutung einer solchen Kollaboration stritten, mal wieder sicher war.

Der andere Gastmusiker auf Sonny Black ist Shindy. Das ist zwar weniger spektakulär, da kaum überraschend, aber definitiv verdient. Schließlich schreibt Shindy Texte für zwei.

Den Punkt „nicht Album-orientierte Medienberichte“ beherrscht Bushido aus dem Effeff. Ob das immer mit Absicht geschieht, sei mal dahingestellt. Aber die Medien (wir einbegriffen) spielen auf jedem Fall mit. Da waren im letzten Jahr allein zwei Coverstorys im Stern, die Berichterstattung auf sämtlichen deutschen Nachrichtenportalen und Zeitungen zu „Stress ohne Grund“, dann der nicht aufhörende Nachbarschaftsstreit um die Villa in Kleinmachnow. Bild, BZ und Co. können es eh nicht lassen, zu jedem Anlass Großbuchstaben zu drucken. Der Streit mit Kay One und regelmäßiger Tweef mit Fler ziehen von RTL bis ZDF noch den letzten Promireporter mit hinein.

Auch wenn all das herzlich wenig mit Sonny Black zu tun hat, ist die bevorstehende Veröffentlichung auf diese Art doch durchweg präsent. Der Zeitpunkt ist angesichts der neuesten Staffel von DSDS tatsächlich genial: Immer wenn Kay One im Fernsehen zu sehen ist, denkt man sich hinter ihm Bushidos Schatten—ohne selbst auch nur einen Finger krumm zu machen, hat Bushido auf diese Art jeden Samstag zur Primetime vor Millionen Zuschauern die Promomaschine laufen.

Neben den fremdgesteuerten Artikeln in der Medienwelt arbeitet Bushido außerdem sehr konzentriert und persönlich an seiner Außenwirkung: per Social Media. Bei Twitter ist er schon lange äußerst aktiv und erfolgreich, ein Tweet kann in der echten Welt für mächtig Aufregung sorgen—siehe Müller-Shitstorm, über den heute schon wieder diverse Rapmedien berichten, nachdem Bushido folgenden Befehl twitterte:

Noch interessanter ist aber sein Instagram-Profil. Dort präsentiert sich der Gangsta Rap King als liebender Ehemann, zeigt Backstage-Bilder von Videodrehs—inklusive dem ersten gemeinsamen Bild mit Kollegah und Farid Bang, das zu kollektiven Ausrastern bei Fans geführt hat—und postet Selfies aus dem Krankenhaus. So schafft er ein persönliches, fast intimes Gegenbild zum öffentlichen Image:

Abgerundet wird all das in den letzten Wochen vor der Albumveröffentlichung mit jeder Menge klassischer Promo: Interviews mit Rap-Medien in Video und Schrift sind gerade alles andere als eine Seltenheit, alleine mit 16bars und rap.de hat Bushido stundenlang gesprochen. Offensichtlich will er die Deutungshoheit über Sonny Black nicht komplett anderen überlassen.

Letzter Punkt: ein qualitativ hochwertiges Album. Dieser Punkt ist vor allem wichtig, wenn ein Musiker auch in der zweiten und dritten Woche noch CDs verkaufen will. Den ersten Schub hat Bushido mit Punkt eins bis sechs auf jeden Fall sicher. Aber hält sich Sonny Black länger oben in den Charts? Das ist für uns schwer zu sagen, da wir das Album noch nicht in voller Länge hören konnten. Mühe haben sich die Beteiligten definitiv gegeben, wie man etwa bei „Mitten in der Nacht“ hören kann. Ja, die Beats klingen wie der Beathovens Remix von Sidos „Mein Block“ und die Texte stammen vermutlich nicht aus Bushidos Feder. Aber wen interessieren Diebstahl und Ghostwriting—wenn sie gut gemacht sind?

Wie es scheint, hat Bushido einen verdammt guten Weg gefunden, sein neues Album zu bewerben. Und wenn nicht irgendwas vollkommen abwegiges geschieht, wird Sonny Black am Freitag einschlagen. Mit oder ohne Müller.