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Wir müssen über sexuelle Belästigung am Land reden

"Ich glaube, am Land lassen sich die Mädchen von Haus aus mehr gefallen. In der Stadt kriegst du schneller eine blöde Goschn zurück."

von Franz Lichtenegger
19 Juli 2016, 5:00am

Foto: CC0 Public Domain

"Es gibt Tage, an denen fühle ich mich sicher, wenn ich nachts alleine joggen gehe. An anderen Tagen wechsle ich öfter mal die Straßenseite, klar. Da hat man schon Angst. Aber die wirklich schlimmen Dinge, die richtigen Übergriffe, die sind mir persönlich eigentlich alle am Land passiert, auf so Dorffesten." Katrin* ist in Kärnten aufgewachsen. Seit fünf Jahren lebt sie in Wien, alle drei Monate ist sie noch in ihrem Heimatort.

Wenn wir früher über sexuelle Belästigung geredet haben, haben wir wahrscheinlich als erstes—leider—an den Arbeitsplatz und die Familie gedacht. Vielleicht auch an Schulen, Universitäten, an alltägliche Schauplätze. Heute—wenn eine Wiener Studentin auf einem Spaziergang zwischen Westbahnhof und Burggasse elf Mal von unterschiedlichen Männergruppen angesprochen wird—, denken wir bei sexueller Belästigung zuerst an öffentliche Plätze in Ballungsräumen. Oder eben dort, wo ein Flüchtlingsheim in der Nähe ist.

Wir denken an bekannte, häufig publizierte Vorfälle. Wir denken an Schwimmbäder, an Konzerte, an Bahnhöfe und leere Straßen. Wir denken an die Vorfälle—zum Teil Vergewaltigungen—am Praterstern, in Köln, am Donauinselfest, in Clubs. Und wir denken an dieses Gefühl, das einem beim Lesen der Berichte beschleicht, während wir auf die Stelle im Text warten, an der die Nationalität des Täters erwähnt wird. Ob sie gleich im ersten Absatz von einem "Wo soll das noch hinführen?" eingeleitet wird, ob sie gemeinsam mit dem Alter als Belanglosigkeit stehenbleibt, ob sie überhaupt vorkommt.

Ich denke vor allem an Freundinnen vom Land, die zu Besuch in Wien sind. Freundinnen, die ich zur Toilette, zum Bankomaten, zum Bahnhof begleite, weil sie mich darum bitten. Weil man ja nie wisse, weil womöglich etwas passieren könne. Und weil nun mal hier in der Stadt der Großteil der Vorfälle passiere, von denen sie immer wieder lesen.

Unsere Kolumne #NichtMehrWegschauen soll all diese Vorfälle aufzeigen, Bewusstsein schaffen und sensibilisieren. In der Stadt, aber auch darüber hinaus. Denn wir möchten auch—ohne dabei die erwähnten Geschehnisse zu beschwichtigen—Aspekte beleuchten, die leichter übersehen werden, weil sie absurderweise als gesellschaftlich akzeptiert und Teil unserer Kultur gelten.

Sexuelle Belästigung gehört nämlich auch in ländlichen Regionen zum Alltag; dort, wo die oft zum Volksglauben hochgepuschten Ursachen für Übergriffe—wie Kriminalitätsrate und Ausländeranteil—vergleichsweise niedrig sind.

Foto: CC0 Public Domain

In Österreich gibt es über das Jahr verteilt regelmäßig Veranstaltungen, die dem Münchner Oktoberfest vielleicht nicht in Sachen Besucherzahlen, aber im Hinblick auf die allgemeine Mentalität und Zielgruppe doch recht nahekommen. Das größte kollektive Besäufnis der Welt ist bekanntermaßen eine Brutstätte für Übergriffe und Vergewaltigungen. Für kleinere österreichische Veranstaltungen wie Zeltfeste, Kirtage oder Jahrmärkte gibt es diesbezüglich keine offiziellen Zahlen. Wer aber schon mal auf einem Dorffest war, weiß, dass ein Arschgrapscher dort nicht selten ungefähr so gängig ist wie ein Handschlag.

Wolfgang* ist 25 und pendelt regelmäßig zwischen Land und Stadt. Einen Unterschied in der Fortgeh- und Flirtkultur kann er dabei recht schnell ausmachen: "Ich glaube, am Land lassen sich die Mädchen von Haus aus mehr gefallen. In der Stadt kriegst du schneller eine blöde Goschn zurück—am Land lassen sie mehr zu, haben mehr Geduld. Deshalb ist das Fortgehen am Land auch ganz anders als in der Stadt."

Ob er dazwischen geht, wenn er fragwürdige Übergriffe beobachtet? "Wenn jemand einer Frau an den Arsch greift, dann sag ich noch nichts—weil da denk ich mir, sie hat ja immer noch die Möglichkeit, dass sie weggeht." Ginge es jedoch um eine Kellnerin, die womöglich schon über längere Zeit eindeutige Kommentare und Handgreiflichkeiten erträgt, so würde er sofort einschreiten.

Martina* ist so eine Kellnerin. "Am Land hat mir ein Gast mal unter den Rock gegriffen und davor schon an die Brüste gefasst", erzählt sie. "Dem hab ich dann eine gewatscht, da war er nicht so glücklich." Eine generelle Abweichung zwischen den Verhaltensweisen ländlicher und städtischer Gäste sieht sie aber nicht: "In der Stadt kellnere ich auf ganz anderen Veranstaltungen, deswegen kann ich das nicht wirklich beurteilen. Was ich aber vom Fortgehen am Land weiß, ist, dass dich viel eher ältere Hawara angrapschen—die richtig grausigen. Und das ist beim Kellnern auch so."

Tatsächlich scheinen es vor allem ältere Herren zu sein, die gegenüber jungen Frauen auf eine Art zudringlich werden, in der sie sich verhalten, als würden sie damit so was wie ihr gutes Recht einfordern. Nahezu alle Frauen in meinem direkten Umfeld—von Freundinnen und Vorgesetzten bis hin zu meiner Mutter—antworten sofort mit "Ja", als ich sie frage, ob sie schon mal von einem Mann höheren Alters angemacht oder begrapscht wurden.

In manchen Fällen sind es Fremde—in den meisten aber sind es Nachbarn, Bekannte, Väter von Ex-Freunden, Schwieger- und Großväter. Diese Fälle beschränken sich nicht auf den ländlichen Raum; und trotzdem wird es—meiner persönlichen Erfahrung nach—auf einem Dorffest eher akzeptiert, wenn der halbe Männergesangsverein der Kellnerin beim Bestellen über den Hintern streichelt und anzügliche Bemerkungen in ihre Richtung wirft. Aber warum?

Lukas Alexander, Studienassistent und Projektmitarbeiter am Institut für Soziologie der Universität Wien, hat dazu ein paar schlüssige Vermutungen: "Ich würde sagen, dass am Land ein traditionelleres Rollenverständnis herrscht, das dazu führt, dass die Frau-Mann-Beziehung anders gelebt wird. Sexuelle Belästigung von Seiten der Männer wird eher toleriert, da Frauen ihnen gegenüber untergeordnet wahrgenommen werden." Darüber hinaus erwähnt Alexander die ausgeprägtere Vernetzung am Land, die möglicherweise dazu beitragen könnte, dass Frauen bei Belästigungen weniger Stress ausgesetzt sind: "Man kennt sich einfach."

"Was als übergriffig erlebt wird, hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Aber leider ist man immer noch stigmatisiert als Opfer."

"Kavaliersdelikte" nennt Laura* solche Belästigungen—begleitet von diesen Anführungszeichen, die man mit den Fingern macht. Auch sie ist am Land aufgewachsen, glaubt aber nicht, dass es dort viele sexuelle Übergriffe gibt. Dennoch erzählt sie, dass ihr schon öfter "Typen beim Fortgehen an den Arsch gegriffen, anzügliche Kommentare gemacht oder mich zu lange festgehalten haben".

Genau das sei es auch, was sie an der Debatte hinsichtlich der von Ausländern ausgehenden sexuellen Gefahr stört: "Einerseits wird behauptet, dass diese Männer keinen Respekt für Frauen haben, gleichzeitig aber sieht man viele dieser Kavaliersdelikte bei uns als normal an. Ich kann für mich sagen, dass ich mich von 'unseren' Männern, vor allem beim Fortgehen, oft nicht respektiert oder geschätzt gefühlt habe, sondern mehr als Sexualobjekt, wo zumindest hingreifen erlaubt ist." Es stelle sich die Frage, wo sexuelle Belästigung anfängt.

Auch die Wiener Psychotherapeutin Dr. Sigrun Roßmanith spricht von einer Grauzone, möchte aber die Ernsthaftigkeit des Problems nicht infrage stellen und glaubt, eine Bewegung zu erkennen: "Was als übergriffig oder kränkend erlebt wird, hat sich in den letzten Jahren stark verändert." Zusätzlich zur Bekanntschaft von Täter und Opfer, die auch für die Expertin ein Mitgrund für die vermeintlich größere Toleranz darstellt, hält ihrer Meinung nach auch das damit verbundene Schamgefühl viele Frauen davon ab, Anzeige zu erstatten; oder überhaupt nur irgendetwas zu sagen: "Man ist ja leider stigmatisiert als Opfer." Victim-Blaming ist das Stichwort. Trotzdem—keine Erklärung lässt einen wirklich zufrieden zurück.

Meine Kollegin Nadja aus der Schweiz hat sich mit Victim-Blaming bereits auseinandergesetzt, indem sie ihre persönlichen Erfahrungen aufgeschrieben hat. Bereits seit ihrer Kindheit sind sexuelle Belästigungen und Übergriffe Teil ihres Lebens—und seit ihrer Kindheit wurde ihr auch gesagt, sie solle ebendiese Übergriffe als Kompliment ansehen.

Wirft man einen Blick zurück auf frühere Generationen, wird einem schnell bewusst, wie tief Victim-Blaming in unserer Gesellschaft tatsächlich verankert ist; auch, aber nicht nur bei sexuellen und sexualisierten Übergriffen. Meine Oma litt Zeit ihres Lebens an einseitiger Hörschwäche, ausgelöst durch eine Ohrfeige, die sie als junge Frau für ein "Nein" kassiert hatte—in aller Öffentlichkeit.

Niemand sprach jemals darüber. Heute kann ich nur annehmen, dass sie sich dafür schämte. Die Großmutter einer Freundin erinnert sich daran, von ihrem Ehemann quer durch den Raum geschlagen worden zu sein, dafür, dass sie das falsche Bier gekauft hatte. Zur Polizei wäre sie damals nicht gegangen, weil es ihr "peinlich" gewesen wäre. Über konkrete sexuelle Übergriffe wollen die meisten Frauen früherer Generationen heute nicht mehr sprechen.

Vorerst gibt es noch keine Statistiken, die eine vermeintlich höhere Toleranz gegenüber Belästigungen am Land stützen könnten—die dafür benötigten Daten werden meist schlechtweg nicht erhoben. Üblicherweise berücksichtigen Studien Faktoren wie Schweregrad, Alter, Beziehung zum Täter, Lebensbereich und Ort der Übergriffe—regionale Aspekte werden jedoch bislang ignoriert.

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Auf Anfrage bei der Statistik Austria heißt es, entsprechende Daten, die die Opfer sexueller Gewalt geografisch einteilen, würden nicht vorliegen. Die Statistiken würden vom Bundeskriminalamt erhoben—aber auch dort verfüge man nicht über derartige Daten.

Bei der Statistik Austria ist man der Ansicht, dass man vor allem am Land wohl mit einer "sehr hohen Dunkelziffer" rechnen müsse, wenn es um sexuelle Übergriffe geht. In Gegenden, in denen jeder jeden kennt, passiert viel hinter vorgehaltener Hand—ein Ansatz für mehr Sichtbarkeit ist wohl die Einführung von Anlaufstellen, an die sich Betroffene wenden können, ohne sich dafür schämen zu müssen.

Das niederösterreichische "Frauentelefon" wurde bereits 2005 eingerichtet—damals sollte das Projekt vor allem Frauen im ländlichen Raum zugute kommen, die dadurch Hilfestellung von Expertinnen erfahren sollten, anonym und kostenlos. Inzwischen, so Elisabeth Schreiner vom Hilfswerk Österreich, sei es zu einer allgemeinen Anlaufstelle für Frauen geworden. 8 Prozent aller dort eingehenden Anrufe betreffen das Thema Gewalt, darin sind auch Fälle der sexuellen Gewalt enthalten. Jedoch seien die "Anrufe anonym und vertraulich", was eine geografische Zuordnung nicht möglich mache.

Eine der ersten Studien zu sexueller Belästigung im ländlichen Raum führte die australische Forscherin Dr. Skye Sanders durch. 93 Prozent der befragten Frauen, die im landwirtschaftlichen Bereich tätig sind, gaben an, am Arbeitsplatz bereits Opfer sexueller Belästigungen gewesen zu sein. 80 Prozent der Frauen glauben, diese Belästigungen wären selbstverschuldet. Ihre Forschungsergebnisse können zwar nicht blindlings auf andere Länder umgemünzt werden—trotzdem werfen sie zum ersten Mal Licht auf ein Problem, mit dem wir uns bis jetzt einfach nicht befasst haben. Ein Problem, das es von nun an gilt, näher zu untersuchen und damit ein längst überfälliges Schweigen zu brechen.

Jeder Vorfall, jeder Übergriff hat dieselbe Aufmerksamkeit verdient—helft uns dabei, das in die Praxis umzusetzen und schickt eure Erfahrungen vertraulich an NichtMehrWegschauen@vice.at oder postet öffentlich unter #NichtMehrWegschauen. Sexuelle Belästigung darf nicht ignoriert oder toleriert werden—egal, ob sie nun auf der Straße in Wien oder am Zeltfest in Bad Oaschloch stattfindet.

Franz auf Twitter: @FranzLicht


* Namen von der Redaktion geändert

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