Foto: Dominik Pichler

Ich habe eine Woche lang wie ein Fitness-Blogger gelebt

Dieses Jahr meine ich es ernst: Sport, gesunde Ernährung, Meditation! Wird mein Leben wirklich besser, wenn ich die Ratschläge von Influencern wie Sophia Thiel befolge?

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Jan. 10 2019, 8:26am

Foto: Dominik Pichler

Es ist der 1. Januar, 7:30 Uhr, 7:30 MORGENS, und ich stehe an der Ampel und mache diesen beknackten Jogger-Move, bei dem man im Stand weiterläuft, damit die Herzfrequenz bloss nicht sinkt. Auf der anderen Strassenseite warten ein paar Übriggebliebene, die wohl von der Silvester-Party kommen. Früher war ich einer von ihnen.

Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich frühmorgens, und unter Verwendung der buntesten Schimpfwörter, aus dem Bett gekrochen, um meinem Neujahrsvorsatz gerecht zu werden: Mehr Sport – dieses Mal wirklich! Jetzt fühle ich mich, im wahrsten Sinne des Wortes, wie ein laufendes Klischee.


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Damals, als ich noch wusste, wie sich Spass anfühlt, war ich alles andere als sportlich. Das ist auf meinen Hass gegen Schulsport zurückzuführen; meiner Meinung nach nur ein aus Mitleid erfundenes Fach, damit die Schüler, die nicht wissen, wie man lateinische Verben konjugiert, auch mal für eine Stunde in der Woche brillieren können. Toll, wie du diesen Ball getreten hast, Hannes, toll!

Nein, ich war nie sonderlich sportlich und weiss dennoch, dass Sport mir gut tut. Schaffe ich es, mich doch ins Fitness-Studio zu schleppen (mit einer hörbar genuschelten Lüge à la "Ja, ja, die drei Monate Reisen waren schön, aber jetzt ist es Zeit für SPORT!" auf den Lippen), merke ich nach dem Training sofort einen Unterschied: Ich habe mehr Energie, fühle mich auch ohne Kaffee morgens wach und manchmal gelingt es mir sogar, meine Füsse mit den Händen zu berühren. Meine Haut wird erst rot, dann reiner, und ich fühle mich auf diese arschige "Ich habe heute schon Sport gemacht! Und du?"-Art besser als all meine Mitmenschen.

2019, habe ich beschlossen, wird das Jahr, in dem Sport ein fester Bestandteil meines Alltags wird. So wie Zähneputzen. Nein, nicht einmal alle paar Wochen, sondern jeden einzelnen Tag – und gerne auch mehrmals. Ich weiss auch schon, wo ich mir die Inspiration für mein Experiment holen werde: bei Fitness-Bloggern.

Tag 1

Der Januar ist die Blütezeit für Fitness-Blogger; die Zeit, in der sie unsere Unsicherheiten zum Tanz bitten und uns daher mit Motivationssprüchen und 15-Prozent-Rabattcodes auf schlankmachenden Tee zumüllen, weil sie wissen, dass wir – nach einem ganzen Monat, in dem wir unser eigenes Körpergewicht in Lebkuchen gegessen haben – besonders empfänglich dafür sind.

Nach meinem Lauf suche ich mir ein paar beliebte Exemplare heraus: Sophia Thiel, Mady Morrisson, US-Fitness-Guru Jillian Michaels und einen Account namens @quotefit, der seine Follower mit Augenrollen verursachenden Zitaten wie "Wenn mein Körper STOP schreit, schreit mein Geist NIEMALS." motivieren will. Ich folge ihnen allen.

Wird es mir gelingen, eine Woche lang wie sie zu leben? Und, wenn ja, was wird es mit mir machen?

Tag 2

Ein Morgen-Workout, 40 Minuten am Hometrainer. Ich kann nur schwer den Drang unterdrücken, ein Selfie von meinem verschwitzten Gesicht auf Instagram mit der Caption "If it doesn’t challenge you, it doesn’t change you!!! #nopainnogain #noexcuses" zu posten. Ich will aber, dass die Leute mich weiterhin mögen, also widerstehe ich. Noch.

Michael Buchinger bei seinem Workout
Fotos von Fitness-Bloggern mit verschwitztem Gesicht kommen auf Instagram nicht gut an | Foto: Dominik Pichler

"Einmal am Tag Sport machen und mich automatisch besser als 90 Prozent der Weltbevölkerung fühlen? Daran könnte ich mich gewöhnen!", denke ich mir , als ich, kurz darauf und selbstgefällig, eine Tiefkühlpizza der Sorte "BIG Pizza X-tra Cheese" in den Backofen schiebe. Dann öffne ich Instagram und sehe, dass mein Selbstexperiment wohl doch nicht so leicht sein wird wie gedacht: Nicht nur einer, sondern gleich drei der Fitness-Accounts, denen ich folge, weisen mich darauf hin, dass die erste Januarwoche doch der perfekte Zeitpunkt für eine Detox-Kur sei. Nur bei Sport in Kombination mit gesunder Ernährung könne man schnellstmöglich Ergebnisse sehen. "Oh, ist dem so?", frage ich mich, während mir ein klein bisschen des besonders wohlschmeckenden "X-tra Cheese" aus dem Mund fällt.

Na gut. Kurzerhand beschliesse ich, mich diese Woche auch gesünder zu ernähren. Aber nicht, bevor ich noch einen grossen Bissen meiner Pizza nehme, an dem ich mir prompt den Gaumen verbrenne. Ein schlechtes Omen. Oft sind es jene, die wir am meisten lieben, die uns am meisten wehtun.

Tag 3

Sophia Thiel liebt "Meal Prep" – ein meines Erachtens nach irrsinnig doofer Name, den trendy Fitness-Blogger dem Vorbereiten von Mahlzeiten gegeben haben. Obwohl ich heute von so einem Muskelkater geplagt bin, dass ich am liebsten nur im Bett liegen und bei dem chinesischen Lieferservice meines Vertrauens so viel bestellen möchte, dass sie meinem Essen gleich drei Paar Stäbchen beilegen, fahre ich in den Biomarkt und gebe 130 Euro aus.

Michael Buchinger kocht wie Fitness-Blogger
Nach der "Meal-Prep" ist das teure Essen instagramable | Foto: Dominik Pichler

Weder der "Reis", bei dem es sich eigentlich um zerkleinerten Blumenkohl handelt, noch die "Zoodle-Suppe" (Übersetzungshilfe: Zucchini-Nudel-Suppe) füllen das Tiefkühlpizza-grosse Loch in meinem Herzen. Es ist mir noch nie so leicht gefallen, beim Kochen nicht den Löffel abzulecken.

Mein Workout für den heutigen Tag stammt von Mike Matthews, Autor der Fitness-Bibel "Bigger, Leaner, Stronger". Er hat empfohlen, ein Ab Wheel (einen dieser Bauchtrainer, die man vorwiegend im Teleshopping-Kanal findet) zu kaufen und damit ein paar Mal auf und ab zu rollen – aber damit das nicht zu einfach wird, trage ich dabei, Tipp von Mike, eine Gewicht-Weste. Das Teil ist zehn Kilo schwer und man zieht es an, um etwa bei Bauchmuskel-Übungen schnellere Ergebnisse zu erzielen. Ich bin mir sicher, dass es ausschliesslich von Fitness-Liebhabern verwendet wird und von der Mafia, um Verräter im Meer zu ertränken.

Tag 4

Es ist schön zu sehen, dass es nur wenige Tage gedauert hat, meine alten, schlechten Gewohnheiten, durch neue, bessere zu ersetzen. "Komisch, dass es mal eine Zeit gab, in der ich nicht täglich Sport betrieben habe!", sage ich, während ich Übungen mit dem Thera-Band mache. Ich schüttle den Kopf.

Ja, ist es womöglich gar an der Zeit, einen eigenen Fitness-Blog zu starten?

Dass ich heute so gut gelaunt bin, muss ich ausnutzen, um eine weitere Sache zu probieren, von der besonders Mady Morrisson schwärmt: Meditation! Zum Glück habe ich schon im vergangenen März ein Jahres-Abo der Meditations-App Headspace für 80 Euro gekauft – und seitdem kein einziges Mal genutzt.

Michael Buchinger beim meditieren
Die nie genutzte Meditations-App hat endlich einen Sinn | Foto: Dominik Pichler

"Stop dreaming, start doing!", denke ich mir nun und setze mich am Nachmittag auf mein Bett, um dort 20 Minuten mit der App zu meditieren. Ich atme tief ein, tief aus und denke dabei an absolut nichts. Drei Stunden später komme ich wieder zu mir. Hm, davon mache ich mal lieber kein Foto für meinen Fitness-Blog.

Tag 5

Okay, ich gebe es ja zu: Spätestens heute fühle ich mich – abgesehen von meinem wahnsinnigen Muskelkater – tatsächlich ganz gut. Topmotiviert wie Olivia Newton-John im Musikvideo zu “Physical” springe ich morgens aus dem Bett und lechze direkt nach einem Smoothie, der so aussieht, als hätte er bereits eine Runde in Gwyneth Paltrows makellosen Verdauungstrakt gedreht. Und was sehe ich da im Spiegel? Ist meine Haut etwa reiner?

Michi Buchinger trinkt einen Smoothie
Statt einem Smoothie zu trinken, würde Michi lieber eine Tiefkühlpizza essen | Foto: Dominik Pichler

Vielleicht ist das dieser Energie-Boost, von dem alle Fitness-Liebhaber sprechen, oder vielleicht liegt es daran, dass ich gestern Nachmittag einfach mal ein dreistündiges Nickerchen gemacht habe, aber heute fühle ich mich SEHR FIT und beschliesse, zum Abschluss meines Experiments ein Fitness-Video einer Frau namens Jillian Michaels nachzuturnen.

Jillian ist gemein. Sie schreit ihre Background-Turnerinnen an, als wären sie für Donald Trumps Präsidentschaft verantwortlich. Besonders in den Momenten, in denen ich schlapp mache, brüllt sie aus dem Bildschirm heraus, als könne sie über meine MacBook-Kamera sehen, dass ich während meines Hampelmanns gedanklich längst wieder bei der Tiefkühlpizza bin.

Doch ihre Methode hat Wirkung: Aus purer Angst turne ich das Video bis zum Ende mit, und da lässt sie mich auch wissen, dass ich in der Jillian Michaels App (85 Euro pro Jahr) weitere tolle Übungen finde.

Da dämmert mir, was ich insgeheim ohnehin schon die ganze Woche lang gewittert habe: Fit sein ist super. Aber die Fitness-Industrie ist widerlich. Ja, in den vergangenen Tagen habe ich mich mithilfe meiner Fitness-Vorbilder fitter und motivierter gefühlt. Gleichzeitig hatte ich so oft wie noch nie die Möglichkeit, Geld für Dinge auszugeben, die ich nicht wirklich brauche: Apps, Abnehm-Tee, Fitness-Studio-Mitgliedschaften, Equipment und Bücher. Ich komme mir vor wie auf einer digitalen Tupper-Party.

Fitness-Gurus motivieren, und wer sich an ihnen orientiert, lernt coole Sprüche, die man sich als Arschgeweih tätowieren lassen könnte, läuft aber Gefahr, dass mit seinen Unsicherheiten gespielt wird und einem völlig unnötige Dinge verkauft werden. Dabei gibt es viele Sportarten, die vollkommen gratis sind. Man braucht auch keine App, um 20 Minuten lang an nichts zu denken.

Mein liebster Sport ist und bleibt das gute, alte Joggen. Und ausschliesslich das mache ich ab jetzt auch. Und zwar jeden Tag. Dieses Mal wirklich.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE AT.

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