Der grösste Darknet-Markt der Welt geht bald offline – und niemand weiss, wieso

Am 30. April schliesst Dream Market mit Ankündigung. Die Umstände sind mehr als mysteriös.

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12 April 2019, 8:30am

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Als sich am 26. März Menschen aus der ganzen Welt auf der Darknet-Seite Dream Market einloggten, begrüsste sie folgende Nachricht:

"Dieser Markt schliesst am 30. April 2019 und transferiert sein Angebot zu einem Partnerunternehmen." Es folgt eine .onion-Webadresse und der Hinweis: "momentan offline, öffnet bald".

Auf dem bis dahin grössten und meistgenutzten Darknet-Markt sind seitdem alle Geschäfte zum Stillstand gekommen. Viele Händler und User haben ihre Konten auf der Seite geleert. Wenn Dream Market dann Ende des Monats schliesst, verschwinden mit der Seite auch Hunderttausende illegale Angebote, die wöchentlich mehrere Millionen Dollar im Handel generiert haben.

Die Nachricht von der Dream-Schliessung fiel auf den gleichen Tag wie die Bekanntmachung des FBI, bei der Operation SaboTor mehrere Darknet-Drogenhändler hochgenommen zu haben. Insgesamt wurden 61 Menschen verhaftet und 50 Darknet-Accounts geschlossen. Bislang ist allerdings unklar, ob die Festnahmen in irgendeiner Verbindung zu Dream standen.

Kunden und Dealer fragen sich jetzt, ob Dreams Ende auch das Ende vom Darknet-Drogenhandel ist, wie wir ihn kennen. Hinter der angekündigten Partnerseite könnte sich nämlich ein sogenannter Honeypot verstecken, eine Lockfalle der Strafverfolgungsbehörden.

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Ein Ende mit Ansage: Angriff auf Dream?

Ganz überraschend kommt das Ende von Dream nicht. Bereits in den vergangenen zwei Monaten war die Seite aufgrund ständiger Hackerangriffe kaum benutzbar gewesen. Bei den als Distributed Denial of Service, oder kurz DDoS, bekannten Attacken bombardieren Angreifer die Startseite eines Internetangebots mit Millionen Anfragen und überlasten sie. Diese Angriffe dienen dazu, den Ruf einer Seite zu schädigen oder sie einfach unbenutzbar zu machen.

Ein Foren-Admin von Dream, Hugbunter, behauptete im Darknet-Reddit-Klon Dread, dass Dream von Hackern um 400.000 US-Dollar erpresst werde. Dream weigere sich allerdings zu zahlen. Hugbunter schrieb weiter, dass sich die Angreifer eine Schwachstelle des Tor-Browsers zunutze machen würden, die eine langanhaltende Attacke ohne grossen Aufwand ermögliche. Verifizieren lässt sich seine Behauptung vorerst nicht.

Für wichtige Mitteilungen an die Nutzerschaft verwenden Admins von Darknet-Märkten normalerweise eine verschlüsselte Signatur. Damit verifizieren sie, dass die Nachricht tatsächlich von ihnen stammt. Bei der aktuellen Ankündigung von Dream fehlt so eine Signatur allerdings.

Das hat viele Online-Dealer zu der Vermutung gebracht, dass Dreams schleichendes Ende eine Falle sein könnte. Sie vermuten, dass das FBI die Server der Seite oder zumindest den Account des Administrators bereits unter seine Kontrolle gebracht hat. Wenn Behörden tatsächlich die Kontrolle über Dream gewonnen haben sollten, dann scheinen sie es allerdings nicht besonders eilig zu haben, die Seite vom Netz zu nehmen.

Honeypots und Exit-Scams: Wie Darknet-Märkte normalerweise sterben

Es wäre nicht das erste Mal, dass Behörden Darknet-Märkte vor der Abschaltung unbemerkt infiltrieren, um möglichst viele Informationen über ihre Mitglieder zu sammeln. 2017 wurde im Zuge der Operation Bayonet 2.0, einer Zusammenarbeit von Europol, DEA und der niederländischen Polizei, AlphaBay abgeschaltet. Der Darknet-Markt war zu der Zeit zehnmal grösser, als es Silk Road je gewesen war. Der mutmassliche Betreiber Alexandre Cazes wurde in Thailand festgenommen. Wenige Tage später starb er im Gefängnis, er hatte sich vermutlich selbst getötet.

Nach der Schliessung von AlphaBay wichen Tausende auf einen anderen Darknet-Markt aus: Hansa. Dort wartete aber bereits die niederländische Polizei auf sie. Im Verborgenen hatten sich die Behörden bei Hansa über mehrere Wochen vor dem AlphaBay-Exodus als Betreiber eingenistet, kaperten das Verschlüsselungssystem der Seite und sammelten Userdaten. Alle Käuferinnen und Käufer, die ihren Wohnort als Lieferadresse angaben, halfen den niederländischen Strafverfolgungsbehörden auf diese Weise unabsichtlich bei der Ermittlung.

"Weil der Hansa-Honeypot so viele Menschen erwischt hat, begegnen die User Dreams Ankündigung der Neueröffnung an anderer Stelle mit entsprechender Skepsis", sagt Patrick Shortis, ein Kriminologe an der Manchester University, der sich auf Darknet-Märkte und Kryptowährungen spezialisiert hat. "Die User befürchten, dass entweder der aktuelle Markt oder sein Ersatz von Strafverfolgungsbehörden unterwandert ist."

Das Hauptziel der Behörden im Kampf gegen Darknet-Märkte ist, das Vertrauen der Nutzerinnen und Nutzer in die Seiten zu untergraben. Störungen sollen eine Seite schwach aussehen lassen, was wiederum Menschen davon abschreckt, sie zu benutzen. "Die Schliessung grosser Märkte hat in der Vergangenheit für Aufregung gesorgt. Die Szene braucht immer eine gewisse Zeit, sich davon zu erholen, und das Vertrauen der User schwindet", sagt Teodora Groshkova, Darknet-Expertin am European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction.


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Auch für Shortis klingt die Schliessung von Dream verdächtig. "Kryptomärkte wickeln sich normalerweise nicht einfach ab", sagt er. "In der Regel nehmen die Admins die Seite vom Netz und suchen mit den User-Beiträgen aus dem Treuhandsystem das Weite – diese Masche ist auch als 'Exit-Scam' bekannt." 2015 wurde der Kryptomarkt Agora zwar tatsächlich ordentlich von seinen Admins abgewickelt, aber der Fall gilt bis heute als absolute Ausnahme.

"Noch seltsamer wird das alles durch die angekündigte Neueröffnung unter neuer URL", so Shortis. Immerhin müssten Tausende User dort komplett von vorne anfangen.

Würde also das Ende von Dream eine Zäsur im Darknet-Handel markieren? Nein, sagt Shortis. "Die Community ist widerstandsfähig, technisch versiert, kooperativ und hat solche Phasen schon mehrmals durchgemacht. Der Handel mag vielleicht durch solche Geschehnisse kurzzeitig einbrechen, aber er erholt sich auch schnell wieder. Ich sehe nicht, warum das hier anders sein sollte."

Genau wie beim klassischen Strassenhandel hilft die Schliessung einer Seite wenig dabei, die Nachfrage zu reduzieren. Userinnen und User versuchen stattdessen fieberhaft, anderweitig Kontakt zu ihren Lieblingshändler aufzunehmen, wie sich an erhöhten Forenaktivitäten beobachten lässt.

Und wo der eine Anbieter verliert, gewinnt ein anderer: Ein verhältnismässig neuer Markt, Wall Street, konnte kurz nach Dreams Bekanntmachung einen gigantischen Nutzer-Zuwachs verzeichnen. Inzwischen hat die Seite über eine Million registrierte Konten.

In jedem Fall ist der Wettlauf zwischen Händlern und Polizei noch lange nicht vorbei. Es gibt noch reichlich andere Darknet-Märkte und manche Händler betreiben eigene Marktplätze. Neben dem Darknet werden Drogengeschäfte auch weiter über Apps wie Wickr, Telegram, Signal, Instagram und Facebook abgewickelt oder einfach per SMS.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE UK.

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