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Dating

Online-Dating: Ab dem vierten Date seid ihr ein Paar

Die wichtigsten neuen Regeln für Tinder und die Zeit danach.

von Jessica Furseth
21 Oktober 2019, 9:23am

Alle Symbolfotos: Emily Bowler

Dating-Apps haben die Dynamik unserer Beziehungen komplett verändert. Und auch wenn sie oft frustrierend, zeitraubend und oberflächlich sind, haben sie in vielen Bereichen für mehr Klarheit gesorgt und einige überflüssige Gepflogenheiten des Kennenlernens abgeschafft. Wenn ihr euch auf einer Plattform kennenlernt, die "Cupid" im Namen hat, könnt ihr jedenfalls nicht mehr behaupten, euch "nur auf ein Bier zu treffen". Ihr habt definitiv ein Date.

Allein der Umstand, dass du dich überhaupt bei einer Dating-Plattform angemeldet hast, zwingt dich, ehrlich zu zu sein: Du suchst nach einer Beziehung – oder zumindest nach passablem Sex. Einen Tinder-Account zum "einfach nur Gucken" gibt es nicht. Sorry.


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Selbst wenn du jede Woche mit militärischer Disziplin drei Tinder-, Happn- oder OkCupid-Dates absolvierst, heisst das noch lange nicht, dass es dort auch funkt. Die gute Nachricht lautet allerdings, dass es noch nie so viele Möglichkeiten gab, die Suche nach dem oder der Richtigen zu beschleunigen. Die neue Geschwindigkeit bringt aber auch neue Spielregeln mit sich. Wir haben mit Nutzern von Dating-Portalen darüber gesprochen, wie sich das Kennenlernen für sie verändert hat.

1. Ein viertes Date gibt es nicht

Young couple hugging and kissing

Tom und ich waren gerade bei unserem dritten Date, als ich ihm sagte, dass wir zusammen sind, sollten wir uns ein weiteres Mal sehen. "Das sind die Regeln, vierte Dates gibt es nicht mehr", erklärte ich bestimmt, als wir gemeinsam durch die Stadt spazierten. Zum Glück fand er es witzig und nahm mein durch die Blume formuliertes Angebot an.

Bevor du jetzt mit irgendwelchen Einwänden kommst: Das soll nicht heissen, dass ihr beim vierten Date zusammenziehen müsst. Es geht lediglich darum, dass man an diesem Punkt weiss, ob man auf die Person steht oder nicht. Wie es dann weiter läuft, hängt von euch ab. Lockere Sexaffäre? Seriöses Interesse an jemandem, den du deinen Eltern vorstellen würdest? Wenn ihr Lust darauf habt, könnt ihr nebenher weiter andere Leute daten. Und ja, wenn es nicht mehr so gut läuft, könnt ihr euch auch wieder trennen. Das alles ändert aber nichts an einer Tatsache: Diese Geschichte mit der Person, die du jedes Wochenende nackt siehst, ist eine Beziehung.

Aber Regeln hin oder her: Unterstelle dem anderen nichts. Ross hat die Beziehung mit seiner aktuellen Freundin beim vierten Date eingetütet: "Nur um mich zu vergewissern, aber wir sind jetzt exklusiv, oder?" Sie habe ihm später gesagt, dass sie von seiner Direktheit überrascht gewesen sei, gleichzeitig fand sie es aber auch gut zu wissen, was er dachte. "Sie hat sich dann nicht länger gefragt, ob es vielleicht nur eine Affäre ist."

2. Niemand tut mehr so, als sei er schwer zu kriegen

Boy and girl kissing

OK, das mag vielleicht noch funktionieren, wenn du auf jemanden an der Uni oder im Büro stehst, dein Schwarm also jeden Tag mit dir in einem Gebäude eingepfercht ist. Dann kannst du dich täglich für diese Person herausputzen, nur um sie komplett zu ignorieren und so eine geheimnisvolle sexuelle Aura um dich herum zu erschaffen. Online kommt so ein Verhalten allerdings nur als Desinteresse rüber. Bei allem, was an Dating-Apps furchtbar ist, haben sie uns endlich Klarheit geschenkt. Ihr beide wisst genau, warum ihr hier seid – vorausgesetzt die Chemie stimmt.

3. Für die Definition eurer Beziehung ist es ganz egal, wie viel ihr miteinander quatscht und abhängt

Young couple on bed

Vor Jahren habe ich es mal gewagt, einem Typen nahezulegen, wir seien ein Paar. Schliesslich hatten wir uns zu dem Zeitpunkt fünf Monate lang ein- bis zweimal pro Woche gesehen. Unmissverständlich machte er mir klar, dass dem nicht so sei. Ich war verwirrt. Wenn das keine Beziehung ist, was dann? Um aus der peinlichen Situation herauszukommen, griff ich auf Sex zurück. Ich habe das Thema nie wieder angesprochen. Als ich vor Kurzem mit dem Typen darüber redete, sagte er: "Ja, das war eine Beziehung. Keine Ahnung, was da bei mir los war. Tut mir leid."

Beziehungen, die alle Merkmale einer Beziehung aufweisen, von den Beteiligten aber auf Teufel komm raus nicht so genannt werden, sind heute weit verbreitet. Auch Martha war davon ausgegangen, dass es eine Beziehung sei, als sie und ihr Partner ihre Tinder-Accounts löschten. Schnell wurde sie eines Besseren belehrt. "Er sagte ständig Frauen, wie heiss er sie finde, und hielt sich immer irgendwen warm."

Martha fand das alles verwirrend. Sie und ihr Freund sprachen täglich miteinander und halfen sich gegenseitig bei Problemen. Trotzdem wagte sie es nicht, Sachen in seiner Wohnung zu lassen. Nachdem sie unfassbare dreieinhalb Jahre um das Thema herumgeeiert waren, stellte Martha ihren Partner schliesslich vor ein Ultimatum. Anscheinend hat es funktioniert. "Wir hatten beide einfach unfassbare Angst", sagt sie. "Ich davor, mir wieder den falschen Typen zu angeln, er, weil ich schon Kinder hatte. Ich glaube, er wusste, dass es ernst werden würde."

4. "Keine AfDler, keine TERFS, keine Cops"

Boy and girl holding hands at night

Früher galt es als extrem unhöflich, sein Date nach den politischen Vorlieben zu fragen – das war so, als würde man einen Fremden auf der Strasse auf einen grossen Leberfleck am Hals ansprechen. Aber die Klimaapokalypse steht vor der Tür, und wir sind es einfach müde, uns mit irgendwelchen Deppen zu streiten. Nur noch wenige Menschen heutzutage wollen einen schönen Dienstagabend mit jemandem verplempern, der glaubt, dass Abtreibungsgesetze "ein witziges Thema" sind.

Das ist auch der Grund, warum ich als in Grossbritannien lebende Europäerin nach dem Referendum potentielle Dates auf ihre Einstellung zum Brexit abklopfte. Während eines Abendessens mit einem Engländer lernte ich dann allerdings auch die Schwachstellen des Screenings kennen. Obwohl "definitiv kein Leaver", informierte er mich stolz darüber, dass er seine Brexit-Stimme verschenkt hatte, "aus Protest dagegen, wie die EU mit Griechenland umgeht". Ich habe wortlos etwas Geld auf den Tisch gelegt und bin gegangen.

Die Nachrichtenlage ist anstrengend und verstörend genug. Ich möchte gerne meine Freizeit mit jemandem verbringen, mit dem ich zumindest halbwegs auf derselben Wellenlänge bin. Hayley sieht das auch so. "Ich konnte noch nie mit jemandem etwas anfangen, der rechte Tendenzen hat. Wir haben einfach andere Werte." Für Hayley geht es dabei auch um Zeitersparnis. "Ich will nicht mit jemandem über Feminismus, Schwulenrechte oder Gleichstellung diskutieren müssen, wenn ich eine Familie grossziehe."

Wenn du nur einen One-Night-Stand suchst, geht eigentlich alles – abgesehen von Faschos oder Vloggern natürlich.

5. Der schmale Grat des Textings

Young guy on phone

"Lust, was zu trinken?", ist eine furchtbare erste Nachricht. Selbst wenn du kurz vorm Verdursten bist: Niemand trifft sich mit wildfremden Leuten in einer Bar, ohne sich vorher schnell abgecheckt zu haben. Ich habe Menschen auf Dating-Apps schon Folgendes geschrieben: "Wir sind alle vielbeschäftigte Menschen, lass uns also ein paar Dealbreaker festlegen, bevor wir das Haus verlassen." Ein paar Leute fanden das komisch, womit ich aber auch kein Problem habe. Wir hätten eh nicht zusammengepasst.

Der Schwerpunkt dieses Screenings variiert von Person zu Person. Bei manchen ist es Politik, andere achten darauf, wie die Gesprächspartner über frühere Liebschaften sprechen. Es kann manchmal ein einfacher Satz sein, der sofort jegliches Interesse killt – Sätze wie "Ich nehme mich selbst nicht zu ernst", was in der Regel übersetzt bedeutet: "Ich spreche nicht gerne über meine Gefühle."

Bei Ed dreht sich das Abtasten vor allem um Sex. "Ich weiss halt, was ich mag", sagt er schulterzuckend. "Ich finde, dass die Einstellung zu Sex etwas über den Persönlichkeitstyp aussagt. Lass uns vögeln und gucken, ob wir zusammenpassen. Sonst hast du vielleicht fünf Dates mit jemandem und entwickelst Gefühle, nur um dann zu merken, dass das mit dem Sex bei euch nie passen wird."

Sobald du glaubst, es mit der Person mindestens einen Drink lang in einer Bar aushalten zu können, solltest du den Nachrichtenaustausch bis zu eurem Treffen auf das Nötigste beschränken. Es gibt nichts Nervigeres, als mit jemandem SMS-mässig schon in Emoji-Territorium vorgedrungen zu sein, nur um dann festzustellen, dass die Person in Wirklichkeit so viel Charisma hat wie ein Toastbrot.

"Es ist zu einfach, in Nachrichten etwas vorzutäuschen", sagt Kav, die sich schon mal in einer "intensiven Chat-Beziehung" wiederfand – mit jemandem, mit dem sie nicht klarkam, als sie ihn dann persönlich traf. Auch Emma sieht das so: "Jemand kann vielleicht toll schreiben, aber beim Treffen funkt es einfach nicht. Es ist extrem schade, wenn das passiert. Ich versuche also, meine Erwartungen etwas runterzufahren", sagt sie. "Ich schreibe jetzt immer, dass ich mich lieber beim Date weiter unterhalten würde."

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This article originally appeared on VICE UK.

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