Klimawandel

Netflix & Kill: So viel CO2 verursacht das Internet

Streamen ist auch nicht besser als Fliegen.

von Antonella Di Biase
27 September 2019, 9:53am

Illustration: Davide Bart. Salvemini

Im Internet kannst du dich über den zunehmend katastrophalen Zustand unseres Planeten informieren, aber es hat selbst nicht die beste Klimabilanz. Der Informations- und Kommunikationstechnik-Sektor – der so ziemlich alles vom Handynetz bis zum Fernseher auf deiner Kommode umfasst – produziert Untersuchungen zufolge etwa so viel CO2 wie der weltweite Flugverkehr. Er ist also für gut zwei Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich und in den kommenden Jahren sollen es noch mehr werden. Im Gegensatz zu Plastikstrohhalmen oder Flugreisen spricht allerdings kaum jemand davon, Instagram, Netflix oder Spotify zu verbieten.

Natürlich lassen sich die Umwelteinflüsse eines derartig komplexen Bereichs nur schwer genau berechnen. Einige Studien berücksichtigen Faktoren, die andere auslassen. Sollte das Fernsehen einbezogen werden? Und was ist mit den verheerenden Auswirkungen des Coltan-Abbaus im Kongo, das für Mikrochips unverzichtbar ist? Als Beispiel für die ganze Industrie und um zu verstehen, was momentan falsch läuft, reicht eigentlich das Gerät, das du wahrscheinlich gerade in deiner Hand hältst.


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"Unsere Smartphones und andere digitale Geräte haben im Laufe ihres Lebenszyklus einen signifikanten Einfluss auf den Planeten – von der Herstellung bis zur Entsorgung", schreibt Gary Cook, Greenpeace-Forschungsleiter für den IT-Bereich, in einer E-Mail. "IT-Firmen müssen ihre Lieferketten aufräumen und Produkte so entwerfen, dass sie so lange wie möglich halten und am Ende wiederverwertet und nicht weggeworfen werden", schreibt Cook. In anderen Worten: Wir sollten unser altes Handy nicht wegwerfen müssen, weil eine Reparatur teurer ist als ein neues Gerät.

Neben der kurzen Lebensdauer der Geräte gehören die gigantischen Datenzentren, die Clouds, Social-Plattformen und Suchmaschinen hosten, zu den grossen Umweltsündern der Industrie. Für den Betrieb und die Kühlung der Server werden ungeheure Strommengen benötigt. Um dieses Problem etwas abzumildern, hat Facebook einen Teil seiner Server an den nördlichen Polarkreis verfrachtet. Microsoft testet derweil, ob sich seine Datenzentren vor der schottischen Küste im kühlenden Meer versenken lassen. Apple wiederum hat seinen neuen Apple Park in Cupertino, Kalifornien, üppig mit Solarpanelen bestückt. Das Unternehmen gibt an, seinen Strom weltweit zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien zu beziehen.

Im Februar dieses Jahres veröffentlichte ein Greenpeace-Forschungsteam unter der Führung von Gary Cook einen Bericht zum Data Center Alley im US-Bundesstaat Virginia. Diese weltweit grösste Konzentration von Datenzentren befindet sich nicht zufällig an dieser Stelle. Die Strompreise hier gehören zu den günstigsten in den Vereinigten Staaten. Das sogenannte Silicon Valley der Ostküste benötigt Unmengen an Energie und 95 Prozent davon kommen aus fossilen Quellen. In Data Center Alley befinden sich auch 70 Prozent der IP-Adressen des Cloud-Computing-Giganten Amazon Web Service, AWS, der von vielen Unternehmen und Plattformen genutzt wird, die wir täglich verwenden.

"Der Zugang zu erneuerbaren Energien unterscheidet sich von Firma zu Firma und hängt auch davon ab, wo sich ihre Datenzentren befinden", erklärt Cook. "Aber bei Amazon und insbesondere AWS, dem Profitgenerator des Unternehmens, spielen geografische oder finanzielle Einschränkungen keine Rolle. Die Strategie des Unternehmens war immer schon, so schnell wie möglich zu wachsen und kein Geld auszugeben, wo es nicht unmittelbar notwendig ist", schreibt er. "Amazon/AWS sträubte sich anfangs noch gegen erneuerbare Energien, aber entschloss sich 2014 schliesslich doch zum Einlenken." Cook ergänzt allerdings, dass sich AWS inzwischen wieder von diesem Versprechen entfernt habe. "Sie haben in Virginia und an anderen Standorten schnell expandiert, ohne auf erneuerbare Energien zu setzen."

Gary Cook ist auch einer der Forscher hinter ClickClean. Diese Seite bewertet Internetgiganten nach ihrer Verwendung erneuerbarer Energien. Faktoren wie Transparenz, Effizienz und Lobbyarbeit spielen ebenfalls eine Rolle. Daten von 2017 zufolge befinden sich Apps, die in Verbindung mit Apple, Google und Facebook stehen, allesamt an der Spitze. Amazon, Netflix, Twitter und Soundcloud hingegen verwenden immer noch grösstenteils fossile Energie. Dem Bericht zufolge haben diese Unternehmen auch ein ernsthaftes Transparenz-Problem.

Während Google die Daten zu seinem CO2-Fussabdruck bereits 2011 öffentlich gemacht hat, behalten andere Unternehmen ihre Umweltbilanz lieber für sich. Oft ist es schwer, verlässliche Schätzungen zu treffen. "Das ist etwas, das diese Firmen uns Verbrauchern bereitstellen sollten", sagt Cook. "Zu Netflix haben wir zum Beispiel Eckdaten in unserem ClickClean-Report von 2017 und wir werden unsere Einschätzung des Unternehmens anpassen, wenn wir diesen Herbst unser Update veröffentlichen. Sie lassen uns richtig dafür arbeiten. Ihre Plattform läuft auf AWS."

Videostreaming nimmt einen grossen und ständigen Teil des Datenverkehrs ein. Insbesondere Netflix macht laut eines Berichts von Sandvine bis zu 15 Prozent des weltweiten Traffics aus – vier Prozentpunkte mehr als YouTube. Deswegen hat Greenpeace auch seine "Tell Netflix To Go Green"-Petition gestartet.

Natürlich könnten wir einfach unsere Social-Media-Konten löschen, auf Streaming verzichten und generell weniger online gehen, aber wir können auch die Unternehmen unterstützen, die etwas verändern. Für diejenigen, für die Googles Energiebilanz noch nicht gut genug ist, gibt es Ecoisa, eine Suchmaschine, die buchstäblich Bäume pflanzt. Vor allem sollten wir aber für unser Recht kämpfen, dass unsere Gadgets und Devices wieder reparierbar werden.

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This article originally appeared on VICE IT.