Machtspiele

"Der Handschlag" zwischen Donald Trump und Justin Trudeau – eine eingehende Analyse

Das war kein einfaches Händeschütteln. Das war der erste Schuss in einem unblutigen Krieg.

von Drew Brown
14 Februar 2017, 1:00pm

Titelfoto: imago/UPI Photo

Wenn Donald Trump seinen Gästen die Hand schüttelt, dann schüttelt er ihnen nicht die Hand, sondern schießt die erste Salve in einem unblutigen Krieg ab. Das ist keine Begrüßung, das ist Freistil-Armdrücken. Eine Demonstration der Überlegenheit gegenüber allen verweichlichten Politikern dieser Welt.

Und jetzt stell dir vor, du wirst ins Weiße Haus geladen. Du fährst vor, dir wird die Autotür geöffnet. Vor dir steht Donald Trump. Und Donald Trump will dir natürlich die Hand schütteln. Gestern fand sich der kanadische Premierminister Justin Trudeau in genau dieser Situation wieder.

Donald Trump ist ein echter Mann mit einer echten Frau und einer hartnäckigen Erfolgsgier. "The Donald" zerquetscht die Griffel von unbedeutenderen Männern mit seinen extrem mächtigen und garantiert nicht zu kleinen Händen. Wie ein großer Stern zieht er diese Männer in seine Umlaufbahn. Er reißt ihnen fast den Arm vom Körper und übermittelt damit eine eindeutige Botschaft: Ich habe hier das Sagen, ich bin dein Boss! Du wirst dich mir beugen, so wie sich mir alle Menschen beugen müssen.

Dieser Handschlag wird vom Gewicht seiner eigenen Bedeutungslosigkeit zerstört. Er stellt ein schwarzes Loch in Sachen Metakommentar da – und das in einer Welt, in der man losgelöst von Wahrheit, Verstand und Ordnung allem eine Bedeutung zuschreiben muss. Donald Trumps Handschlag ist ein Statement zum Versagen der Sprache vor dem Ende der Welt.

Darauf hat sich Justin Trudeau jedoch bestens vorbereitet. Nach stundenlanger Videoanalyse und einigen Extrarunden im Fitnessstudio kann er sich nun dem Wettbewerb der Willensstärke stellen. Und er wird keinen Millimeter zurückweichen. Trudeau ist ein Aristokrat und wurde von seinem Vater dementsprechend in allen Aspekten der modernen Staatsmannskunst ausgebildet. Dazu gehört auch das ordentliche Händeschütteln mit schmierigen Typen. Donald Trump ist der aufgeplusterte Superreiche, Justin Trudeau stellt den Verteidiger des nordamerikanischen Traums dar.

Während der Fahrt zum Weißen Haus geht es ausschließlich um den Handschlag. Wie sieht der perfekte Bewegungsablauf aus? Welche Eventualitäten könnten eintreten? Könnte Trump versuchen, eine der 32 möglichen Freimaurer-Begrüßungen einzubauen?

Die Autotür geht auf. Trudeau steigt aus und sieht sich mit Trumps ausgestreckter Hand konfrontiert. Er stützt sich an der Schulter des US-Präsidenten ab und erschafft so einen unüberwindbaren Schwerpunkt. Er macht alles richtig. Trump will sich jedoch nicht geschlagen geben. Er erhöht den Druck und versucht, diesen Bengel aus Kanada zu sich hinzuziehen.

Trudeau bewegt sich kein Stück. Er ist zu stark und kann es selbst kaum glauben. Er hat sich nicht brechen lassen. Er schaut Trump mit leuchtenden Augen an und scheint dabei "Sic semper tyrannis" zu schreien. Der versucht, die Situation ganz cool herunterzuspielen, und gestikuliert in die Kameras, bevor er den kanadischen Premierminister in seine Höhle der Lügen hineinbittet. Seine Verwirrung kann er dabei jedoch kaum verbergen.

Genau so haben wir es erwartet | Foto: imago | ZUMA Press

Im Oval Office sonnt sich Trudeau dann in seiner Selbstsicherheit. Trump hingegen schaut verunsichert und missmutig umher. Er weigert sich, dem kanadischen Disney-Prinz in seinem eigenen Zuhause einfach so den Sieg zu überlassen. "Ich glaube, die wollen noch mal einen Handschlag sehen", schlägt der US-Präsident vor. Ein letzter Versuch, sein Gesicht nicht komplett zu verlieren.

Trudeau ist bereit. Der Adrenalin-Endorphin-Cocktail schießt durch seine Adern. Noch nie zuvor hat er sich so mächtig gefühlt. Er muss sich richtig zusammenreißen, um nicht völlig auszurasten. Absoluter Fokus.

"Auf jeden Fall", schießt er zurück und setzt zum finalen Schlag an. Der Händedruck sitzt. Zwar wird auch noch ein wenig gezogen, aber keiner der beiden Männer knickt ein. Trump kann es nicht fassen und besinnt sich wieder auf seine grimmige Körperhaltung. Trudeau grinst erneut in die Kameras.

In telepathischer Einigkeit stoßen die beiden Männer einen Seufzer aus und denken sich: "Herrgott, was für ein Arschloch. Das wird ein langer Tag."

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.