Nxivm

Warum ich mich von einer Geheimorganisation ausbeuten liess

Eine Herrin-Sklaven-Beziehung, Brandzeichen, Erpressung durch Nacktbilder: Ein Ex-Mitglied der Selbsthilfe-Organisation Nxivm erzählt, wie leicht Menschen manipulierbar sind.

von Sarah Edmondson; aufgeschrieben von Sarah Berman
29 November 2017, 8:09am

Sarah Edmondson bei einem Interview mit VICE

Im Oktober veröffentlichte die New York Times einen Enthüllungsbericht über die Missbrauchspraktiken einer Geheimorganisation für Frauen. Die geheime Gruppe gehört zu einer "philosophischen Bewegung" namens Nxivm. Die Times sprach mit ehemaligen Mitgliedern, die von erzwungenen Herr-Sklavin-Beziehungen erzählten. Dabei sollen die Frauen zur Initiation mit den Initialen des Nxivm-Anführers Keith Raniere gebrandmarkt worden sein. Rechtlich gegen die Gruppe vorzugehen, ist für die Frauen nicht leicht, Behörden haben das Brandmarken bisher als "einvernehmlich" eingestuft. Seit dem Erscheinen des Artikels ist das Ex-Mitglied Sarah Edmondson vielen Angriffen ausgesetzt: Dass sie die Nxivm-Lügen über persönliche Weiterentwicklung glaubte und sich entstellen liess, sei dumm und verblendet gewesen. Keith Raniere leitete im kanadischen Vancouver rechtliche Schritte gegen Sarah Edmondson ein. Edmondson arbeitet als Schauspielerin.

Dies ist Sarah Edmondsons Antwort auf das Unverständnis, die Beleidigungen und die üble Nachrede. Sie hat VICE mehr als ein Jahrzehnt der Manipulation geschildert, die ihr es unmöglich machte, die Organisation zu verlassen oder Missbrauch anzusprechen. Nxivm hat zwar nach dem Artikel in der New York Times eine Pressemitteilung veröffentlicht, auf unsere Bitte um Kommentar hat die Organisation aber nicht reagiert.

Alles begann auf einem Filmfestival. Ich liebte den Film What the Bleep Do We Know, denn er passte zu meinem Drang, ein besserer Mensch zu werden. Der Regisseur Mark Vicente war auf dem Festival, also musste ich ihm einfach persönlich sagen, wie begeistert ich war. Er sagte, dann würde mir vielleicht auch der Kurs gefallen, den er gerade absolviert hatte: ein 16-tägiges Nxivm-Programm. Wir unterhielten uns auch über Keith Raniere – angeblich ein unglaublich intelligenter Mann, der mit humanitärer Arbeit die Welt verbessere. Damals gefiel mir diese Vorstellung. Nur wenige Wochen später trat ich zu meinem ersten fünftägigen Programm an.

Die ersten paar Tage war ich noch sehr verschlossen. Meine Eltern sind beide Therapeuten – was konnten diese Leute mir also gross beibringen? Am ersten Tag kam ich nach Hause und googelte die Firma, denn das hatte ich vor der Kursanmeldung gar nicht getan. Die scharfe Kritik, auf die ich stiess, überraschte mich ein wenig. Ich rief Mark Vicente an und fragte ihn: "In was bin ich da auf deine Empfehlung reingeraten?" Er sagte: "Im Internet können die Leute viel schreiben, wenn der Tag lang ist. Es gibt natürlich Hetzkampagnen und Hater und so." Ich glaubte Mark, ich vertraute ihm. [Anm. d. Red.: Mark Vicente hat Nxivm verlassen, nachdem die Vorwürfe über die Geheimorganisation öffentlich geworden sind.]

Nxivm sichert sich auf clevere Weise dagegen ab, dass man sein Unbehagen zum Anlass nimmt zu gehen. Wer sich getriggert oder unwohl fühlt, der mache es ja richtig, denn nun könne man die Probleme im Kurs besprechen. Sie sagten immer: "Wenn du hier nicht darüber reden kannst, wo denn dann?" Unsere Probleme, sagten sie, seien unsere "Muster" – sie seien verantwortlich für das, was in unserem Leben schiefläuft. Ob jemand es immer anderen recht macht, ein Kontrollfreak oder immer das Opfer ist – wir haben alle unsere Muster. Wenn ich Bedenken äusserte, wurden sie zurückgeschleudert, denn die waren angeblich Teil meines Problems.

Der Anführer trug einen Titel, wir Schärpen – immer gab es eine Erklärung

Schon am ersten Tag sollten wir uns vor Keith Raniere als Anführer verbeugen und ihn als "Vanguard" ansprechen – Englisch für "Vorhut" oder "Vorreiter". Das war für mich ein Warnsignal, aber gleichzeitig liess es sich einfach erklären: Doktor, Sensei ... Menschen haben oft einen Titel. Wir bezeichnen sie so, weil sie etwas erreicht haben. Vanguard hatte seinen Titel verdient, weil er Anführer einer philosophischen Bewegung war. Daran ist doch nichts Seltsames. Wir trugen Schärpen, aber solche verschiedenfarbigen Rangabzeichen gibt es ja auch im Kampfsport. Auch daran ist doch nichts Seltsames. Immer gab es eine Erklärung.

Am dritten Tag waren sie dann endgültig zu mir vorgedrungen. Ich hatte ein paar grosse "Aha-Momente" und "Integrationen", wie sie es in den Executive Success Programs, ihrer Kursreihe, nannten. Und als der fünfte Tag vorbei war, dachte ich: "Das war grossartig. All meine Freunde und Freundinnen brauchen das hier. Ich will das nach Kanada bringen." (Damals gab es in Kanada noch keine Nxivm-Schule.) Ich fühlte mich, als habe sich ein Nebelschleier gelüftet: Ich war klarer im Kopf, ich traf bessere Entscheidungen, verstand andere Menschen besser. Ich war auf dem richtigen Weg zu Erfolg und Glück. Aber da war immer so ein kleiner Haken, den sie hinterliessen. Mit dir stimmte etwas nicht, du musstest daran arbeiten und natürlich noch mehr Trainings absolvieren. Obwohl ich mich gestärkt fühlte, hatte ich immer im Hinterkopf, dass ich mich weiterentwickeln musste, um wirklich glücklich zu sein. Sie hatten schon nach sehr kurzer Zeit fast eine Art Abhängigkeit in mir ausgelöst.

Sarah Edmondsons Nxivm-Namensschild | Foto mit freundlicher Genehmigung von Edmondson

Wenn man sich einer Gruppe angeschlossen hat, in die man so viel Zeit und Energie investiert, willst du es auch gut finden. Wenn du 3.000 Dollar für ein fünftägiges Training ausgibst, dann willst du, dass dein Leben bereichert wird, du sagst dir: "Das war eine gute Entscheidung, ich hatte richtig was davon." Und so blieb auch ich bei einer Sache, an der ich eigentlich Zweifel hatte.

Mein erstes Training hatte ich 2005. Von 2005 bis 2009 reiste ich ständig nach New York und Seattle, wo es damals bereits Nxivm-Zentren gab. Etwa einmal im Quartal organisierten wir ein Fünf-Tages-Training. Ich war die Hauptorganisatorin dieser Kurse und liebte diese Aufgabe. Ich holte sehr viele Teilnehmer ins Boot – darin war ich sehr gut, und das förderten sie. Nxivm flog mich zu persönlichen Trainings mit Keith Raniere nach Albany im Bundesstaat New York, er brachte mir viel über die Verkaufsstrategie bei. Ich war versessen darauf, Nxivm nach Kanada zu bringen, vor allem für all meine Freunde aus dem Schauspielgewerbe. Persönliche Weiterentwicklung hatten sie am meisten nötig, dachte ich. Und die Leute liebten die Kurse. 2009 wurden der Regisseur Mark Vicente und ich zu Geschäftspartnern und eröffneten den Nxivm-Ableger in Vancouver.

Das Konzept des "Pfands" und der Strafe kam erst Jahre nach Edmonsons Beitritt bei Nxivm erstmals auf

Das Konzept des "Pfands" und der Strafe kam bei Nxivm zum ersten Mal in einem Programm namens "Menschlicher Schmerz" auf. Das war vielleicht 2011 oder 2012. Es handelte sich um ein achttägiges Training für Mitglieder der Stufe 2, also nach dem Einführungstraining. Die Kursleiter forderten die Teilnehmer auf, ein Pfand abzugeben, das ihrer Verpflichtung zur Weiterentwicklung Gewicht verlieh. Wenn sie ihre Vorhaben nicht einhielten, verloren sie den Gegenstand oder mussten sich einer Strafe fügen. Ich machte das selbst nicht mit, aber es gehörte zum Programm. Wenn jemand etwas nicht erledigte oder scheiterte, schlief die Person etwa eine Woche lang auf dem Boden, oder duschte nur noch kalt.

Sarah Edmondson mit ihrem Mann | Foto mit freundlicher Genehmigung von Edmondson

Mein Mann war Teil einer Männergruppe und hatte sich verpflichtet, eine gewisse Anzahl Männer anzuwerben. Wenn er es nicht schaffte, musste er die College-Jacke abgeben, die er als Quarterback des Footballteams getragen hatte. Bei den Frauen drehten sich die Strafen meist um die Kalorienzufuhr. Einmal bekam ich mit, dass eine Frau nur 300 Kalorien täglich ass, wegen irgendeiner Regelübertretung. Sie nahm nur Brei aus gefrorenen Zucchini und Tomateneintopf zu sich. So hatte ich mir das alles nicht vorgestellt. Aber ich war eine Anführerin, und als solche musste ich alle neuen Trainings mitmachen. Als diese Regeln eingeführt wurden, nahm ich für mich nur das mit, womit ich auch etwas anfangen konnte.

Sie sollte Nacktfotos abgeben und ihre schlimmsten Geheimnisse verraten

Die Nacktfotos kamen erst später, als ich für die Geheimorganisation angeworben wurde. Lauren Salzman ist die Tochter der Präsidentin der Organisation. Sie kam vergangenen Januar nach Vancouver und wohnte damals bei mir. Lauren war wie meine beste Freundin. Sie war die erste Brautjungfer bei meiner Hochzeit – sie war es sogar, die uns auf der Feier traute. Sie ist die Patin unseres Sohns und damals vertraute ich mich ihr häufig an. Sie war meine Therapeutin. Lauren sagte bei ihrem Besuch: "Ich will dich zu einer grossartigen Sache einladen, die dein Leben verändern wird. Es hat meins verändert wie noch nie etwas zuvor. Aber bevor ich dir davon erzähle, musst du mir etwas geben, das beweist, dass du niemals darüber reden wirst. Du musst nicht, du brauchst nicht Ja sagen, aber was auch immer du mir gibst, behalte ich für den Rest meines Lebens, damit das streng geheim bleibt."

Ich fragte: "Was denn zum Beispiel?" Und sie sagte: "Ach, ich weiss nicht, ein Nacktfoto oder ein Familiengeheimnis oder so was." Ich sagte, ich würde ihr kein Nacktfoto geben. Mir war das furchtbar unangenehm. Wieder ein riesiges Warnsignal. Ich sprach es diesmal sogar an, und sie sagte: "Sehr gut. Es sollte etwas sein, wo dir beim blossen Gedanken schon schlecht wird – so ist sicher, dass dein Versprechen etwas wert ist und dass du niemals darüber sprichst." Ich schrieb ihr einige Geheimnisse auf, doch die waren ihr nicht brisant genug. Also musste ich noch mehr Dinge aufschreiben, die ich getan hatte – in Wirklichkeit log ich, denn ich hatte gar nicht so viel auf dem Kerbholz.

Der Geheimbund für Frauen sollte eine Organisation für das Gute sein

Und dann durfte ich erfahren, worum es ging: eine weltweite Frauengruppe, die nichts mit Nxivm, Keith oder den Executive Success Programs zu tun habe. Sie erzählte mir von einem "Badass bitch bootcamp" – ich finde es so peinlich, dass dieser Name jetzt in einer Zeitung wie der New York Times steht. Es sollte eine Art Geheimorganisation für das Gute sein, in etwa wie die Freimauer, nur eben für Frauen. Und wir würden die Welt verändern.

Bei jeder neuen Enthüllung, jedem neuen Schritt hatte ich massive Bedenken. Lauren erklärte mir die Details: Der erste Schritt sei eine Verpflichtung ihr gegenüber auf Lebenszeit – die hatte ich als ihre beste Freundin ja eigentlich schon. Der zweite Schritt war, dass ich ihr Gehorsam schwören musste, im Rahmen einer Herrin-Sklavin-Beziehung. Ich wusste ja bereits, was Aussenstehende über Nxivm dachten, und hatte deshalb Bedenken, aber bei Lauren war es ja anders. Ich dachte immer nur, ihr könne ich schliesslich vertrauen, und wenn sie sagte, das sei gut, dann stimme es wohl.

Unser letztes Programm auf dem Lehrplan handelte von Geschlechterbeziehungen, Sex und Identität. Keith lehrte uns, dass es zu den grössten – von vielen – Unzulänglichkeiten der Frau gehöre, dass wir schwach wären und keinen Charakter hätten. Wir würden uns Gefühlen hingeben und wären alle Prinzessinnen. Er sagte uns, Frauen würden immer Ausschau nach der "Hintertür" halten – dem einfachen, feigen Ausweg aus einer Verpflichtung. Selbst wenn es um Ehe geht, würden Frauen angeblich denken: "Na ja, wir können uns ja jederzeit scheiden lassen." Wir wären alle opportunistisch. Inzwischen weiss ich, dass das nichts mit der Wahrheit zu tun hat. Es ist einfach nur Keith Ranieres Meinung über Frauen, und es ist Bullshit.

Keith Raniere gab sich als eine Art Botschafter für Frauen aus

Ich denke, er bekam diese Indoktrinierung durch, indem er es vermied zu sagen: "Das ist meine Meinung über euch." Stattdessen sagte er, das sei nun mal die öffentliche Wahrnehmung, und deshalb seien wir auch nicht gleichgestellt. Männer, liess er uns wissen, sähen uns so. Rückblickend verstehe ich, dass er versuchte, sich als eine Art Botschafter für Frauen auszugeben. Ich absolvierte zehn dieser achttägigen Trainings – das bedeutet, dass ich insgesamt 80 Vierzehn-Stunden-Tage lang diesem Thema ausgesetzt war. Das ist sehr viel Zeit. Viele Dinge, die man uns in dieser Zeit sagte, analysiere ich jetzt erst richtig.

Sarah Edmondsons Brandzeichen | Foto mit freundlicher Genehmigung von Edmondson

Vergangenen März flog ich von Vancouver nach Albany. Meine Initiation für die Geheimorganisation stand bevor – es sollte ein Tattoo sein, und ich wollte keines. Die Herrin-Sklavin-Beziehung war für mich schon sehr seltsam, aber das Tattoo machte mir wirklich Sorgen. Ich habe keine Tattoos und keine Piercings. Lauren sagte: "Daran arbeiten wir mit dir – du hast einfach ein paar Ängste." Sie brachte mich in ihr Gästezimmer und sagte, ich solle mich ausziehen und eine Augenbinde anlegen. Ich war verdutzt, aber sie sagte: "Tu es einfach. Du hast Gehorsam geschworen. Ich bin's doch, Sarah. Los, zieh dich einfach aus." Sie hatte mich schon nackt gesehen, also gab ich mir einen Ruck und tat es.

Ich legte die Augenbinde an und hörte, das Menschen durchs Haus liefen. Ich wusste, dass die anderen Frauen noch kommen würden. Und dann waren da auf einmal vier von ihnen, die ich alle schon von Nxivm kannte. Aber nicht so gut – nackt hatte ich sie jedenfalls noch nicht gesehen. Und nun sassen wir da in dem Zimmer, im Schneidersitz, völlig entblösst und verletzlich. Wir fanden es alle seltsam, aber Lauren sagte: "Leute, beruhigt euch mal. Werdet mit euren Körperkomplexen fertig. Es ist keine grosse Sache. Wir sind eine Schwesternschaft. Entspannt euch." Alles wurde dermassen normalisiert und kleingeredet. Und das ist einer der Knackpunkte: Wer in dieser Welt der Manipulation etwas unangenehm findet, hat einfach selbst Probleme. In einem solchen Klima kann man kaum noch sagen: "Hey, das hier ist nicht in Ordnung. Warum machen wir das?"

Die Frauen halfen dabei, sich gegenseitig die Brandzeichen zuzufügen

Dann kam Dr. Danielle Roberts rein, die ich auch schon von Nxivm kannte. Jeweils drei Frauen mussten eine am Boden festhalten, während die vierte alles filmte. Von allem, was ich hier beschreibe, existieren irgendwo Videoaufnahmen. Die erste Frau legte sich auf den Tisch, und dann setzten die anderen Frauen und ich uns auf sie und hielten ihre Beine fest. Als sie ihr den ersten Strich ins Fleisch brannten, weinten und zitterten wir, umklammerten einander. Es war grauenvoll. Wie ein schlechter Horrorfilm. Wir hatten sogar OP-Masken auf, weil der Gestank von verbranntem Fleisch so stark war. Jede Faser meines Körpers schrie: "Sieh zu, dass du hier wegkommst. Lauf!"

Aber ich dachte auch durchgehend: "Ich habe keine Auto. Ich bin nackt. Ich bin in einem winzigen Kaff im Staat New York. Was soll ich denn machen, meinem Mann schreiben? Dann ist das Geheimnis raus, und das kann ich nicht machen, immerhin habe ich einen Eid geschworen ... Wie soll ich das anstellen?" Ich hatte keine Antwort, aber ich musste einfach weg von dort. Ich sah zu, wie die beiden anderen Frauen gebrandmarkt wurden, und dann ging ich fort. Nicht körperlich, aber geistig war ich nicht mehr anwesend. Ich dachte an die Geburt meines Sohns, ich dachte daran, wie sehr ich ihn liebe, und ich dachte ans Starksein. Darauf konzentrierte ich mich. Der Schmerz der Verbrennung sitzt mir trotzdem noch immer in den Knochen. Stell dir vor, jemand entzündet ein Streichholz und zieht dann damit Linien in deinem Schritt.

Alles geschah in winzigen Schritten – wie beim Frosch im Kochtopf

Nachdem ich der Geheimorganisation beigetreten war, hatte ich richtig Angst. Und ich musste mehr Material als Pfand abgeben – nicht nur gab ich ihnen nun tatsächlich Nacktfotos, ich gab ihnen auch ein Video, in dem ich schlecht über alle Menschen rede, die mir wichtig sind. Im Vergleich zu dem Pfand anderer Frauen ist das noch gar nichts, aber das erfuhr ich erst später. Andere Frauen gaben richtige Nacktvideos von sich. Ich frage mich, wo die inzwischen sind. Ich hatte grosse Angst, dass sie mein Pfand veröffentlichen könnten – aber genau das war ja auch ihre Absicht.

Inzwischen hat sich meine ganze Mentalität geändert. Ich hatte viele Therapiestunden, um zu verarbeiten, wie sehr ich mich für mein Handeln schäme, und wie schuldig ich mich dafür fühle, dass ich so viele neue Mitglieder angeworben habe. Ich habe viele Warnzeichen übersehen oder ignoriert. Aber wenn es mir nicht schon besser ginge, könnte ich auch nicht darüber sprechen. Es gibt Frauen da draussen, die Brandzeichen tragen, und es nicht schaffen, auch nur ein Wort darüber zu sagen. Die Frauen leiden so sehr, dass sie nicht einmal die Kraft haben, morgens aufzustehen. Diese Menschen haben so viel zerstört.

Wenn die Leute nicht verstehen, wie ich dieser Gruppe beitreten oder so lange dabeibleiben konnte, fällt mir immer die Parabel mit dem Frosch im Kochtopf ein: Wenn man einen Frosch in heisses Wasser wirft, springt er raus – doch erhitzt man es nur langsam, spürt er die Gefahr nicht und bleibt drin, bis es zu spät ist. Hätte Lauren mich gefragt: "Hey, willst du dieser Gruppe beitreten? Du musst dir nur Keiths Initialen in den Schritt brennen lassen", dann hätte ich gesagt, sie braucht einen Psychiater. Stattdessen geschah alles in winzigen Schritten, während gleichzeitig immer mehr für mich auf dem Spiel stand und wir immer mehr genötigt und erpresst wurden. Viele sagen, man könne doch einfach abhauen, weglaufen. "Du hättest doch gehen können", sagen sie. Aber die Wahrheit ist, dass mir das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr klar war.

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