Stanic – Die Kolumne

Ich trage keine BHs mehr – und das ist gut so

"Ich spreche nicht davon, dass ich völlig nackt vor die Tür gehe. Es geht darum, dass ich auf einen gottverdammten Büstenhalter verzichte."

von Alexandra Stanic
09 August 2019, 4:05pm

Foto Frau: Flickr | oakenroad || Collage: VICE

Feministin, Gastarbeitertochter und VICE-Kolumnistin: Alexandra Stanić schreibt wöchentlich darüber, wie sie Politik, Rassismus und Sexismus erlebt.

Ich stehe an der Supermarktkasse und spüre den Blick eines Mannes. Ich schätze ihn auf 50, er glotzt mich an, als würde ich gerade den Laden ausrauben. Ich habe keine Ahnung, was sein Problem ist – bis mir einfällt, dass ich keinen BH trage. Auf dem Weg nach Hause starren mich zwei weitere Männer an. Diese Blicke sind Alltag, seit ich auf BHs verzichte.

Trotz der Blicke fühle ich mich freier denn je. Ich muss unweigerlich an all die Sommer denken, die ich mich in dieses unbequeme Kleidungsstück gezwängt habe, das mir nichts weiter gebracht hat als mehr Schweiss. Ich habe mich gefangen gefühlt. In BHs, die unpraktisch und unangenehm waren; mit denen ich versucht habe, den gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden.

Heute frage ich mich: Wieso habe ich mich so lange für meine Brustwarzen geschämt? Und wie habe ich es geschafft, diese Scham loszuwerden?


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Das erste Mal kaufe ich mir mit 14 einen BH – einen Push-Up, mit Snoopy-Cartoons drauf. Ich habe ihn einer Freundin nachgekauft, alle jungen Frauen in meiner Klasse hatten schon BHs, ich war eine Nachzüglerin. Damals war klar: Wer keinen BH trägt, ist nicht nur komisch, sondern auch eklig. Unsere Sexualität wurde schon im Teenageralter als etwas dargestellt, wofür wir uns schämen müssen.

Über 20 Jahre später bestätigt eine Diskussion rund um die deutsche Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete diese sexistischen Ansichten: Weil sie ohne BH vor Gericht auftaucht, spricht die italienische Zeitung "Libero" von "Schamlosigkeit ohne Grenzen".

Ziemlich genau vor einem Jahr habe ich beschlossen, BHs aus meinem Kleiderschrank zu verbannen. Ich mag sie nicht und ich brauche sie – anders als viele Frauen – auch nicht aus gesundheitlichen Gründen. Vor meinem Entschluss gab es kein besseres Gefühl, als zu Hause anzukommen und den BH loszuwerden. Der BH ist jetzt weg und mit ihm das einengende Gefühl, das mich begleitet hat, seit ich 14 bin. Und die roten Stellen, die Druckstellen der Träger, sind auch weg. Zur Hölle mit diesem Teil. Mir geht es nicht darum, andere Frauen dafür zu verurteilen, wenn sie sich für BHs entscheiden: Wer sie mag oder braucht, soll sie selbstverständlich tragen.

Es ist nicht so, als hätten Männer nicht auch schon früher Unbehagen in mir ausgelöst, aber seit ich keine BHs mehr trage, sind die Blicke widerlicher und regelmässiger. Erst letzte Woche habe ich einen Mann an der Busstation gefragt, warum er so dumm glotzt. Er hat sich irritiert umgedreht. Besser so. Vor einem Jahr hätte ich mich noch nicht getraut, den Mann anzusprechen. Am Anfang habe ich mich dann doch irgendwie geschämt, das hat sich auch an meiner Haltung gezeigt. Ich habe mich immer ein bisschen kleiner gemacht. In der U-Bahn habe ich direkt die Tasche vors Dekoletée gesetzt, damit keiner auf die Idee kommt, dumm zu schauen. Ich habe enge, weisse oder durchsichtige T-Shirts gemieden, um nicht zu provozieren. Ich habe versucht, nicht bei Männern zu sitzen, um mir ihre Reaktionen zu ersparen. Die Scham war nach meinem Entschluss, meine BHs entweder zu verschenken oder wegzuwerfen, weiterhin Teil meines Alltags. Heute ist das anders.

Heute fordere ich ein Ausgangsverbot für alle, die aus ihren antifeministischen Löchern kriechen und erklären, dass es "völlig natürlich" sei, dass Männer Brustwarzen anstarren. Gut, vielleicht reichen auch verpflichtende, feministische Workshops, in denen sie lernen, ihre frauenverachtenden Impulse zu kontrollieren. Denn wir als Gesellschaft müssen aufhören, Brustwarzen zu sexualisieren. In diesen Workshops würden Männer und Frauen – denn ja, auch Frauen verurteilen andere für ihren Kleidungsstil – lernen, dass Frauen keine "Schlampen" sind, weil sie sich freizügiger anziehen – oder eben auf BHs verzichten. Sie würden lernen, dass es nicht um das Verhalten von Opfern sexualisierter Gewalt geht, sondern um das der Täter. Und nur um das klarzustellen: Auch Blicke können sexualisierte Belästigung sein. Jede Frau weiss, von welchen Blicken ich spreche.

Niemand hat das Recht, andere anzustarren, nur weil sie nicht der Norm entsprechen, in welcher Form auch immer. Viel eher sollten wir diese Norm in Frage stellen. Und jeder Mensch, der auch nur einen Funken Anstand und Empathie besitzt, kennt den Unterschied zwischen "starren" und mal eben kurz schauen. Ein feiner Unterschied, den vor allem Männer gerne ausblenden, weil sie denken, eine Frau ohne BH gebe ihnen das Go, sie mit ihren Blicken zu löchern.

Dieser Logik folgen im Übrigen auch Menschen, die Frauen die Schuld geben, wenn ihnen sexualisierte Gewalt angetan wird. Frauen sind an Übergriffen schuld, weil sie einen Rock, roten Lippenstift oder was auch immer tragen, was die Gesellschaft als "zu sexy" interpretiert. Ergo bin ich selber schuld, wenn ich dumm angestarrt werde, weil ich keinen BH trage. Aber ich werde mich nicht einschränken, nur weil es nicht in die Köpfe mancher passt, dass der Kleidungsstil einer Frau kein Freifahrtschein für sexualisierte Gewalt ist. Malo morgen, wie meine bosnischen Landsleute sagen würden, was so viel bedeutet wie: Nie und nimmer, träumt weiter. Die Wiener Soziologin Laura Wiesböck hält in einem Gastkommentar für die Tageszeitung die Presse zurecht fest, dass die Sichtbarkeit bestimmter Teile des weiblichen Körpers verpönt ist, nicht aber der sexualisierte Blick darauf.

Dabei sind es nicht nur Fremde, die mein BH-loses Dasein irritiert. Ein Freund von mir hat sich in einer WhatsApp-Gruppe über mich lustig gemacht. Er meinte, dass ich mich nun endgültig radikalisiert habe. Ob ich als Nächstes aufhören werde, mir die Achseln zu rasieren, hat er gefragt. Ich traf ihn kurz darauf in einer Shishabar – ohne BH. Ihm war das Treffen deutlich unangenehmer als mir, auch er hat die Blicke der anderen gespürt.

Je mehr Männer glotzen, umso sicherer bin ich in meiner Entscheidung. Jeder dieser Männer hat mich in meinen politischen Ansichten radikalisiert. Je offensichtlicher der Sexismus, umso offensiver meine Reaktion.

Ich wappne mich jetzt für die Kommentare, die mir erklären werden, dass ich mit meinen Nippeln Aufmerksamkeit erhaschen möchte. Ich habe herzlich wenig Interesse an Fremden, die mich anglotzen und meine Welt dreht sich auch nicht um die Aufmerksamkeit von Dudes, die ihren Sexismus mit "natürlichen, nicht abstellbaren Trieben" rechtfertigen.

Besonders absurd ist, dass Frauenkörper sexualisiert und gleichzeitig tabuisiert werden. Nicht umsonst löscht Instagram Beiträge, auf denen weibliche Nippel zu sehen sind. Der Gedanke, dass ich die Nippel einer Brustkrebs-Patientin letztes Jahr zensieren musste, bevor ich ihre Fotos auf Instagram teilen konnte, schmerzt noch immer.

Ich lache immer sehr laut und herzlich über Erklärungen von Männern, dass man doch auch gucken würde, wenn ein Mann unten ohne vor die Tür gehen würde. Ich spreche nicht davon, dass ich völlig nackt vor die Tür gehe. Es geht darum, dass ich auf einen gottverdammten Büstenhalter verzichte. Letztes Wochenende ist ein Mann ohne Shirt mit dem Fahrrad an mir vorbeigefahren, niemand hat ihn eines Blickes gewürdigt. Ich habe mir kurz vorgestellt, was passieren würde, wenn ich das tun würde. Was wäre das für eine Welt, wenn es plötzlich ganz normal wäre, dass Frauen etwa körperliche Arbeit verrichten, wie Bauarbeiter in der Hitze, und zwar nicht nur ohne BH, sondern ganz oben ohne? Könnte ich mich dann im Park oben ohne sonnen, ohne dass zumindest zwei Dudes auf mich zukommen und mich zutexten?

Ich befürchte, wir sind noch sehr weit weg entfernt von dieser Welt. Aber ich bin froh, dass ich an meiner eigenen Weltanschauung gearbeitet habe und die Scham, die ich meinem eigenen Körper gegenüber ein Leben lang empfunden habe, endgültig abgelegt habe. Wie mir das gelungen ist? Mein Körperbild hat sich mit Mitte 20 verändert. Ich habe den Spruch "Das gehört sich nicht" aus meinem Wortschatz gestrichen. Patriarchale Machtverhältnisse legen fest, was OK ist, was nicht. Da mache ich nicht mehr mit. In einer Welt, die vor allem Frauen konstant das Gefühl gibt, dass sie etwas an sich ändern müssen, um "genug" zu sein, ist es eine Form von Rebellion, sich selbst so zu nehmen, wie man ist. Dazu gehört auch, dass ich meinen Brüsten die Freiheit schenke, die sie sich wünschen.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.