Flüchtlinge in Deutschland

"Ich habe für meine Flucht meine Seele geopfert"

Moro Yapha informiert seine Landsleute zu Hause in Gambia über Europa und muss ihnen manchmal den Tod ihrer Angehörigen melden. Dazu, ob sie überhaupt kommen sollen, hat er eine klare Meinung.

Marleen Fitterer

Fotos: Rebecca Rütten

Moro Yapha kam mit falschen Erwartungen nach Berlin, wie so viele Geflüchtete. Er dachte, hier studieren und arbeiten zu können. Er ist 28, kommt aus Gambia und ist 2014 über das Mittelmeer und Italien nach Deutschland geflohen. Gambia ist eines der ärmsten Länder Afrikas. Um die 10.000 Menschen flüchten jährlich von dort – und das bei einer Bevölkerung von nur zwei Millionen.

Nach sechs Monaten in Berlin sollte er nach Italien abgeschoben werden. Er ging nicht, baute sich ein Netzwerk auf, engagierte sich politisch und bekam eine Arbeitsbewilligung. Seitdem Moro geflüchtet ist, hat er es sich zur Aufgabe gemacht, ein Ansprechpartner für seine Landsleute zu sein. Denn die Menschen in den afrikanischen Herkunftsländern wissen oft nicht, wie gefährlich die Flucht ist und was in Deutschland auf sie zukommt.

VICE: Wie kommt es, dass viele Menschen in Afrika ein falsches Bild vom Leben in Deutschland haben?
Moro: Die Geflüchteten hier in Deutschland erzählen ihren Familien zu Hause nicht die Wahrheit, weil die Wahrheit zu erzählen, unangenehm ist. Sie schicken Geld und erzählen von tollen Jobs. Die Menschen in Afrika wissen nichts über die gefährliche Reise und die Zustände hier. Sie denken, du kommst hier her, bekommst ein Haus, Geld, eine Arbeit oder einen Studienplatz und alles wird gut. Aber das stimmt einfach nicht! Deshalb versuche ich, die Leute aufzuklären und die falschen Vorurteile aus dem Weg zu räumen. So baue ich zu hohe Erwartungen ab. Auf lange Sicht ist es mein Ziel, eine richtige Community oder Organisation aufzubauen, also eine vor Ort in Afrika, die informiert, vernetzt mit einer in Deutschland. Eine Community, die Kontinent mit Kontinent verbindet, Land mit Land, und vor allem: Menschen mit Menschen.

Was genau ist dein Job?
Ich arbeite im Görlitzer Park in Berlin als eine Art Mediator. Ich übersetze und helfe, wo ich kann. Viele Geflüchtete haben keine Arbeitserlaubnis und keine Perspektive. Aus der Not heraus fangen sie an zu dealen. Ich arbeite für Fixpunkt e.V., wir vermitteln zum Beispiel medizinische Hilfe für Geflüchtete, die keine Versicherung haben. Wir stellen auch den Kontakt zu Sozialarbeitern und Anwälten her.


Mit welchen Anliegen kommen die Menschen dort zu dir?
Ich beantworte Fragen zum Asylprozess und zur politischen Lage. Wissen, welches ich mir über die Jahre angeeignet habe. Ich kläre auch kulturelle Unterschiede auf. Zum Beispiel wie man sich gegenüber Frauen verhält. "Hey, you look so sexy!" Das funktioniert in Gambia, aber eben nicht hier.

Ich versuche auch, Geflüchtete, die mit Drogen dealen, zu überzeugen, dass sie einen legalen Weg finden sollen, um bleiben zu können. Hör auf mit Dealen oder anderen kriminellen Dingen! Lerne etwas, eigne dir Skills an, wenn du die Möglichkeit hast. Es gibt so viele Organisationen hier, die dir dabei helfen.

Auch wenn du am Ende wieder zurückgehen musst nach Afrika, dann kannst du wenigstens etwas mitnehmen. Das ist besser, als den ganzen Tag im Park abzuhängen, das bringt dich nicht weiter. Das sage ich ihnen immer wieder. Und die meisten hören auf mich. Aber ich spreche nicht nur mit Menschen hier, sondern vor allem auch mit meinen gambischen Brüdern und Schwestern in Afrika.

Welchen Rat gibst du Menschen in deinem Heimatland?
Die Menschen zu Hause fragen mich nach der besten Route, den Risiken, stellen Fragen über Asyl und Politik in der EU, zur Realität hier. Und die erzähle ich ihnen. Ich sage jedem: Komm nicht! Und rate ihnen davon ab, die Reise auf sich zu nehmen. Denn zuerst musst du es durch die Sahara schaffen, dich dann in den Camps in Libyen durchschlagen, bevor du bei der Fahrt über das Mittelmeer dein Leben aufs Spiel setzt. Das Risiko ist viel zu hoch und die Erwartungen sind falsch. Auch wenn du es am Ende nach Europa schaffst, die Chance ist gross, dass man wieder abgeschoben wird, und dann war alles umsonst. Ich rate den Menschen immer: Findet einen anderen Weg, aber nicht den über das Mittelmeer. Ich habe meine Seele dafür geopfert.

Wie erreichst du die Leute dort?
Ich habe eine Facebook-Gruppe, durch die man mich erreichen kann. Mittlerweile habe ich über 4.000 Follower. Ich informiere dort auch über Unfälle auf dem Mittelmeer. So versuche ich, den Menschen zu Hause zu zeigen, wie gefährlich die Flucht wirklich ist. Ich habe ausserdem viele Anfragen von Menschen in Gambia oder anderen afrikanischen Ländern, die wissen wollen, wie es einem Familienmitglied geht, das sich auf der Flucht befindet. Ich versuche, das dann herauszufinden, und poste Informationen zu neuen Unglücken. Wenn ich herausgefunden habe, dass der- oder diejenige gestorben ist, muss ich das der Familie mitteilen.


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Wie stehst du zum Asylgesetz und der aktuellen politischen Debatte? Wie sieht deine Lösung aus?
Wenn die Politiker diskutieren, dass sie die Grenzen schliessen und die Mittelmeer-Route sperren möchten – das ist doch keine Lösung. So wird es nur mehr und mehr Tote auf dem Weg geben. Für eine geeignete Lösung müssen die EU-Mitglieder an einen Tisch kommen und etwas ganz einfach festlegen: dass, egal in welchem Land du ankommst, du auch die Chance hast, in anderen EU-Ländern arbeiten zu dürfen. Den Menschen soll die Möglichkeit gegeben werden zu arbeiten, zu studieren. Es gibt so viele junge Menschen, die talentiert sind, die kreativ sein wollen, aber sie bekommen nicht die Chance. Sie wollen nicht kriminell werden. Aber oft haben sie keine andere Wahl.

Nimmst du eine Veränderung wahr seit Beginn der Flüchtlingsbewegung 2014?
Die Abschiebeverfahren gehen heutzutage viel schneller. Früher hat es ein halbes Jahr oder länger gedauert, dann gab es eine Duldung. Vor allem wenn du aus einem afrikanischen Land kommst, bekommst du schnell einen negativen Bescheid. Die ganze Flüchtlingskrise wird uns in die Schuhe geschoben. Es werden immer nur Menschen aus Afrika als Wirtschaftsflüchtlinge und Asyltouristen bezeichnet. Aber ich glaube, wir machen nur einen kleinen Teil aus. Wenn sie keine Bomben auf dich schmeissen in deinem Heimatland, dann wirst du nicht als richtiger Flüchtling angesehen. Klar, es muss Asyl geben für jeden, der vor Krieg flieht, ohne Frage. Aber jeder, der aus anderen Gründen flieht, persönliche oder ökonomische, sollte auch in Betracht gezogen werden. Lasst die Menschen arbeiten, gebt ihnen Schutz. Aber pauschalisiert nicht einfach!

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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