Islamismus

Diese Demo fordert vom deutschen Staat Gerechtigkeit für IS-Kinder

"Jedes Kind hat ein Recht auf eine normale Kindheit", sagt Nadja, die für ihre Neffen kämpft.

von Matern Boeselager
29 April 2019, 3:38pm

Nadja demonstriert dafür, dass ihre Neffen nach Hause kommen können | Fotos: Yasmin Nickel

"Heiko Maas wird das Blut an seinen Händen haben", ruft Danisch Farooqi und zeigt dabei auf die gläserne Fassade des Auswärtigen Amtes. "Das Blut deutscher Kinder!"

Farooqi steht auf einer Bank direkt gegenüber vom Aussenministerium in Berlin, um ihn herum ein Dutzend Menschen, die an diesem verregneten Montagmorgen Schilder hochhalten. Darauf Namen und Gesichter von Kindern. Fast alle hier haben Verwandte – Söhne, Töchter, Brüder, Schwestern –, die sich dem Islamischen Staat (IS) angeschlossen haben. Sie sind nach Syrien gereist, im Glauben, den Plan Gottes zu erfüllen, wenn sie für das sogenannte Kalifat kämpfen.

Demonstranten halten Schilder mit Kinderfotos hoch
Rechts im Vordergrund: Danisch Farooqis Bruder mit dem Bild seiner Nichte Aaliya

"Mein jüngerer Bruder hat sich 2014 dem IS angeschlossen," sagt Nadja Zagarti. Nadja hatte noch versucht, ihn aufzuhalten: Kurz vor seiner Abreise ging sie mit ihrer Mutter zur Polizei, um ihn anzuzeigen – ohne Erfolg. Ihr Bruder konnte trotzdem ausreisen, schloss sich dem IS an und wurde schliesslich 2017 getötet – aber erst nachdem er zwei Kinder mit seiner Frau gezeugt hatte, die ihm nach Syrien hinterhergereist war. Frau und Kinder sitzen jetzt in einem Lager im Nordirak fast. "Die wollen wir zurück haben", sagt Nadja.

Viele der deutschen IS-Rekruten nahmen ihre Kinder mit in den Bürgerkrieg, manche bekamen auch dort noch Kinder. Nach dem Zusammenbruch des Islamischen Staates kamen viele dieser sehr jungen Kinder zusammen mit ihren Müttern in kurdische Gefangenenlager. Dort sitzen sie heute noch – vor allem, weil der deutsche Staat wenig unternimmt, um sie zurückzuholen.


Auch auf VICE: Warum Deutsche gegen den IS kämpfen


"Die deutsche Regierung will die Kinder nicht zurück", sagt Nadja. Offen werde die Bundesregierung das zwar nie zugeben, aber insgeheim habe man null Interesse daran, diese Menschen zurückzuholen. Tatsächlich gehört die deutsche Regierung mit zu den langsamsten, wenn es darum geht, ihre Staatsbürger aus dem Kriegsgebiet zurückkehren zu lassen, obwohl die Kurden sie nur zu gerne ziehen lassen würden. Ein Argument, das immer wieder vorgeschoben wird: Man habe ja keinen diplomatischen Kontakt zu den kurdischen Autoritäten, die die Menschen gefangen hielten. Dabei ist längst bekannt, dass der Bundesnachrichtendienst schon in den besagten Lagern zu Besuch war, um die deutschen IS-Anhänger zu identifizieren und teilweise auch zu verhören. Die Justizministerin wollte IS-Kämpfern sogar ihren deutschen Pass entziehen.

Ein Demonstrant vor dem Auswärtigen Amt

Andere Länder wie Frankreich haben IS-Mitglieder längst zu grossen Teilen zurückgeholt. Wenn sie wollte, könnte die Bundesregierung also durchaus. Es sieht aktuell aber so aus, als wolle sie eher nicht – was dann aber auch auf die Kosten der Kleinkinder geht, die in den Lagern leben müssen. "Die sind doch unschuldig!", sagt Nadja. "Jedes Kind hat ein Recht auf eine normale Kindheit."

Nadja hat ihre Neffen Yusuf und Elyas noch nie kennengelernt, sie kennt sie nur von WhatsApp-Bildern. So geht es vielen hier: Sie kämpfen für die Rückkehr von Neffen, Nichten und Enkeln, die sie selbst noch nie oder seit Jahren nicht mehr gesehen haben.

Bei Danisch Farooqi, der die Demonstration organisiert hat, ist das anders: Er kämpft um seine eigene Tochter. Seine Ex-Frau und ihr neuer Mann nahmen die dreijährige Tochter vor fünf Jahren mit in den Islamischen Staat, seitdem hat Farooqi so gut wie nichts mehr von ihr gehört. Er weiss aber, dass sie in einem kurdischen Lager nahe dem syrischen Hassakeh sitzt – und dass sie dort wahrscheinlich leidet.

Danisch Farooqi schaut nach rechts
Danisch Farooqi versucht seit Jahren, seine achtjährige Tochter zurückzubekommen

"Über 200 ausländische Kinder sind dort bereits gestorben", sagt Farooqi. Die hygienischen Bedingungen im Lager seien "unter aller Sau", die Kinder könnten nicht richtig ernährt werden, immer wieder fingen Zelte Feuer. "Das ist keine Situation, in der man sein Kind sehen will", sagt Farooqi.

Farooqi kämpft bereits seit anderthalb Jahren gegen die deutschen Behörden, um seine Tochter zu retten. Man merkt ihm an, dass er schon einige Interviews gegeben hat. Nicht alle, die heute gekommen sind, sind so erfahren: Nadjas Mutter bricht immer wieder in Tränen aus, wenn sie den Kamera-Teams die Bilder ihrer Enkel auf dem Handy zeigt.

Nadjas Mutter zeigt ein Video ihres Enkels auf dem Handy
Nadjas Mutter mit einem Video ihres Enkels, der in einem kurdischen Gefangenenlager sitzt

Ansonsten läuft die Demonstration eher ruhig – ausser den knapp 20 Demonstrierenden und fast genauso vielen Journalisten ist auch kaum jemand da. Einmal gibt es jedoch Ärger, als der Islamist Bernhard Falk plötzlich auftaucht und sich zu den Familien stellt.

Falk, der sich aktuell viel mit "Gefangenenhilfe" für Terrorverdächtige beschäftigt und deshalb bei fast jedem grösseren IS-Prozess in Deutschland auftaucht, erklärte, er sei zwar nicht direkt zur Demonstration eingeladen worden, habe aber davon erfahren und wolle hier seine Unterstützung zeigen. Das gefällt nicht allen.

"Was machen Sie hier?", konfrontieren ihn Nadja und ihre Freundin Meral, die ihren Bruder ebenfalls an den IS verloren hat. "Sie haben das ganze doch mit unterstützt!"
"Wenn ich das getan habe, warum bin ich dann nicht verhaftet?", erwidert Falk.
"Weil sie dafür zu geschickt sind! Sie sollten jetzt gehen!"

Falk versucht noch zu erklären, dass es jedermanns freie Entscheidung gewesen sei, sich dem Islamischen Staat anzuschliessen, zieht sich aber dann ein paar Meter hinter einen Baum zurück. "Das ist so scheisse, dass der hier einfach auftaucht und sich zu den Familien stellt, das versaut denen doch das Bild", sagt Meral. Falk bleibt dann auch nicht bis zum Ende, vor Farooqis Rede ist er schon weg.

Danisch Farooqi hofft, dass diese Demonstration etwas bewirkt. "Ausser der Aufmerksamkeit haben wir nichts, mit dem wir kämpfen können", sagt er. "Wir sind gezwungen, uns hier hinzustellen und zu sagen: Jetzt redet mit uns. Es geht um unsere Kinder."

Folge Matern auf Twitter und VICE auf Facebook, Twitter und Instagram

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.