Internet

In stillem Gedenken an die grössten Hypes der letzten 10 Jahre

Leichenschändung am Friedhof der Internet-Phänomene!

von Franz Lichtenegger
18 Mai 2017, 9:00am

Collage via VICE Media

Wie sagt man so schön? Ein Trend ist dann endgültig vorbei, wenn Madonna ihn mitmacht und/oder etablierte Medien darüber berichten. Letzteres geschah Anfang Mai, als sich die Süddeutsche Zeitung in eine hippe Mama verwandelte und total lässig erklärte, was eigentlich dieser verrückte Dab ist (R.I.P.). Und das zirka ein halbes Jahr, nachdem die On- und Offline-Ikone Betty White mit einem GIF von sich selbst in Dab-Pose durch das Netz kursierte. (Betty White war zu dem Zeitpunkt 95 Jahre alt.)

Begraben wurde der Dab anschliessend auf dem Friedhof der Hypes, in dem wir zu Ehren unseres ersten runden Geburtstags rumstochern dürfen. So viel sei schon mal verraten: Schön wird das nicht. Immerhin wurden in den vergangenen 10 Jahren – dem Internet sei Dank – so viele Strohfeuer-Phänomene wie noch nie zuvor geboren. Und ehe man "Ice Bucket Challenge" sagen konnte, waren sie auch schon wieder verschwunden. Puff. Einfach weg. Für immer verloren in der Vergänglichkeit des digitalen Seins.

In stillem Gedenken an:

Horror-Clowns († 2016)

Wir schreiben das Jahr 2016, Halloween steht vor der Tür und inzwischen hat auch der letzte Heath-Ledger-als-der-Joker mitbekommen, dass es dringend neue Grusel-Kostüme braucht. Als dann aber auf der ganzen Welt bewaffnete Menschen in Clowns-Masken Passanten erschrecken und attackieren, reagieren die meisten von uns eher eingeschüchtert. Sogar die Bild veröffentlicht einen Notwehr-Leitfaden mit dem Titel: "Darf ich zuschlagen, wenn mich ein Clown zu Tode erschreckt?"

Das waren noch Zeiten! The horror, the horror. In der Zwischenzeit standen übrigens viele der damaligen Clowns vor Gericht, was sich im besten Fall negativ auf eine Trend-Wiederholung 2017 auswirken könnte. Und obwohl die Headline "Was wurde eigentlich aus den Horror-Clowns?" im Grunde genommen seit der Erfindung von Horror-Clowns darauf wartet, geschrieben zu werden, werden wir sie an dieser Stelle nicht verwenden – aus dem einfachen Grund, dass wir den Teufel tun werden, uns freiwillig auf die Suche nach diesen geistesgestörten Monstern machen. Und weil wir im November 2016 bereits einen Artikel hatten, der so ähnlich hiess. Ähem. Schnell weiter zu:

Bubble Tea († 2012)

Es ist gerade mal 5 bis 6 Jahre her, da schossen Bubble-Tea-Shops noch wie Schwammerl aus dem Boden. Wisst ihr noch, wie aufregend das damals war, an diesen viel zu breiten Strohhalmen zu nuckeln, weil man dabei immer auch ein bisschen Angst hatte, eines dieser Kügelchen könnte durch zu hartes Zuzeln versehentlich als Ganzes in der Luftröhre landen und damit den eigenen qualvollen Erstickungstod verursachen? Pures Adrenalin!

Zugegeben, das Gesöff schmeckte immer ein bisschen zu sehr nach flüssigem Marzipan. Und noch nicht mal gutes Marzipan – mehr so labbriges Marzipan, das vor längerer Zeit in einem feuchten Keller vergessen wurde. Aber Bubble Tea war wenigstens noch ein aufregendes Trendgetränk – da waren kleine Bällchen drin, die man aufplatzen musste wie gefüllte Kaugummis! Das hat gefetzt! Davon kann so ein doofer Minzblatt-Hugo nur träumen.

Das grosse Bubble Tea-Sterben begann schliesslich im Sommer 2012, als plötzlich das Gerücht umging, die Kugeln würden Giftstoffe enthalten – was sich später wiederum als frei erfunden herausstellte. So einfach tötet man also einen Hype. Einfach lügen! Hey, habt ihr eigentlich schon gehört, dass es total ungesund ist, wenn man YouTuber zu Stars macht? Danke, Trump!

#Kony2012 († 2012)

Einer der wahrscheinlich berühmtesten Hashtags der 10er-Jahre ist mittlerweile zum Paradebeispiel für Slacktivism geworden: Ein Experiment, das zeigen sollte, ob ein Video einen Warlord und Kriegsverbrecher aus Uganda berühmt machen könnte – und wenn es ihn tatsächlich berühmt machen könnte, ob die Welt dann zusammenarbeiten würde, um ihn aufzuhalten.

Der Kurzfilm zur Kampagne wurde zum viralen Phänomen, neben vielen Spendengeldern gab es aber auch Kritik an der Darstellung des Konfliktes. Vor allem aus Uganda selbst. Im April diesen Jahres gab das ugandische Militär bekannt, die Jagd nach ihm beendet zu haben – nachdem Konys Armee auf unter 100 Kämpfer gesunken war, stelle er keine Gefahr mehr dar. Kony befindet sich weiterhin auf der Flucht.

Snapchat († 2016)

Gleich vorweg: Viele von euch mögen ja vielleicht noch fleissig auf Snapchat unterwegs sein und ja, vielleicht sollte man die App in Anbetracht ihrer jüngeren Zielgruppe auch noch nicht ganz abschreiben. Aber die Wahrheit ist nun mal, dass der Rest von uns sich mit der Einführung von Instagram-Storys vertschüsst hat.

Und das aus gutem Grund: Rückblickend betrachtet hat Snapchat nie viel von sich gegeben, im Gegenzug dafür aber irrational viel genommen: Speicher, Akku, Zeit und jeglichen Bezug zur filterlosen Realität. Ein sauberer Schnitt war mehr Notwendigkeit als Option. Was übrig bleibt, sind wehmütige Erinnerungen an eine Zeit, in der wir Tränen über Face-Swaps lachten, Blumenkronen auf unseren Köpfen trugen und Regenbögen kotzten.

Krocha († 2008)

Hört ihr das? Dieses nölige Saxofon dort in der Ferne? Eine Stimme, die ganz zart flüstert: "Here's my key, philosophy"? Der schranzige Stampf-Beat? Das sind die bittersüssen Klänge von "Infinity 2008" – einer Hymne, die uns bis heute an die sterblichen Überreste einer Jugendkultur erinnert, die dieses schöne Österreich für immer geprägt hat: der Krocha.

Denkt man an Palitücher, Ed Hardy und Selbstbräuner, dann mag es den Eindruck erwecken, der Krocha wäre nichts weiter als ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit. Die Wahrheit ist aber, dass der Krocha noch keine 10 Jahre unter der Erde liegt – und in Wahrheit immer noch Teil von uns ist. Was kein Widerspruch ist. Man kann etwas begraben und trotzdem in sich haben. Man nennt es "österreichische Mentalität". Moder und Morbidität ftw!

YOLO († 2011)

Man kann von YOLO halten, was man will – das ändert aber alles nichts an der Tatsache, dass das österreichische Gesundheitsministerium im Jahr 2015 (!) dachte, es wäre eine super Idee, eine Nichtraucher-Kampagne für Jugendliche mit diesem Slogan zu beglücken: "Leb dein Leben. Ohne Rauch. YOLO." Das ist wirklich passiert und ganz egal, wie sehr ihr Akronyme hasst – diese schöne Episode österreichischen Alltags wäre nun mal nicht möglich gewesen ohne ein so totes Modewort wie YOLO (das streng genommen genau in dem Augenblick starb, in dem es von Drake getwittert und massentauglich gemacht wurde).

Harlem Shake († 2013)

"Gangnam Style", "Kabinenparty", Atzen, generell Dubstep und irgendwie auch Vuvuzelas – all das war wohl nicht ganz unschuldig an der musikalischen Entwicklung, die wir im vergangenen Jahrzehnt gemeinsam zurückgelegt haben. Dennoch fühlen sich die genannten Trends doch noch ansatzweise präsent und auch halbwegs abrufbar in unserem Bewusstsein an. Konträr dazu liegt die Biernominierung unter den Musikvideo-Hypes: der "Harlem Shake".

Wenn man an die damals entstandenen "Harlem Shake"-Videos denkt, ist es, als wäre es einfach nur ein mittelguter, verwirrender Traum gewesen. Die Art Traum, die man sich beim besten Willen nicht erklären kann. Aber war der "Harlem Shake" tatsächlich so schlimm, dass wir ihn gänzlich von unserer Festplatte löschen mussten? Nein, die Belanglosigkeit erklärt sich vielmehr am Fehlen charakteristischer Tanzbewegungen. Das war nun mal kein "Macarena", kein "Ketchup Song" – und sicherlich kein "Gangnam Style".

Candy Crush Saga († 2014)

Früher, als die Welt noch in Ordnung war, hatten wir ja einen ganz anderen Bezug zum Prinzip einer Tragödie. 2017 sind wir Bullshit gegenüber dermassen abgehärtet, dass ein Tag ohne Aufreger aus dem Weissen Haus schon als grandioser Erfolg zu verbuchen ist. Kaum auszudenken, dass es mal eine Zeit gab, in der die Candy Crush-Anfragen unserer eigenen Mütter unser grösstes Problem waren.

Ein App-Hype ist heutzutage kurzweiliger als je zuvor – wir konnten noch gar nicht darüber schreiben, da war die FaceApp auch schon wieder am absteigenden Ast. Candy Crush hingegen war von Dauer. Es ist im Grunde genommen nur eine Frage der Zeit, bis die Mächtigen ein völlig undurchdachtes Movie-Franchise daraus entwickeln. Genauso tot wie Angry Birds, FarmVille, Draw Something, Words with Friends und Quizduell sind übrigens auch unsere Daumen.

Pokémon Go († 2016)

"Verbrechen, Gewalt und Todesfälle bei Pokémon Go", "Mädchen spielt Pokémon Go und findet eine Leiche", "Ich habe seit Pokémon Go 8 Kilo abgenommen" – die Situation geriet ausser Kontrolle und wir alle haben zugesehen. Wir haben mitgemacht, wir haben mitgelacht und ja, wahrscheinlich sind wir auch alle ein bisschen schuld daran, dass Pokémon Go sterben musste.

Kaum ein popkulturelles Ereignis hat das vergangene Jahr so geprägt wie diese eine App. 2016 war "Pokémon Go" noch vor "iPhone 7" und "Donald Trump" der weltweit meistgesuchte Begriff auf Google. Pokémon Go ging über die Grenzen eines Handybildschirms hinaus. Pokémon Go war gross – grösser als alles, was wir sind. Grösser als Zeit, grösser als das Leben. Und genau deshalb musste Pokémon Go sterben – ein bisschen so wie Scarlett Johansson in Lucy. Für immer in unseren Herzen. Ruhe in Frieden.

Franz auf Twitter: @FranzLicht

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