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Mode

Die Geschichte des Hoodies

Der Hoodie ist eines der beliebtesten und funktionalsten Mode-Basics unserer Zeit, doch in den USA ist er auch ein Symbol für rassistische Ungleichheit und afroamerikanischen Widerstand.

von Alice Newell-Hanson
25 Dezember 2016, 5:00am
Foto von Getty Images

Aus der Sie kommen nachts raus Ausgabe

Im September erschien Whoopi Goldberg in ihrer Talksendung The View in einem 1.050 Dollar teuren Kapuzenpulli des fanatisch bewunderten französischen Fashion-Kollektivs Vetements. Darauf stand "May the bridges I burn light the way", was interessanterweise kein altes Sprichwort ist, sondern ein Zitat des Nachwuchs-Nihilisten Dylan McKay aus Beverly Hills 90210. Dem Magazin New York sagte sie: "Ich hätte auch ein Shirt mit der Aufschrift 'Don't fuck with me' getragen." Sie hatte kurz zuvor Strut, ihre Show über Transgender-Models, gestartet und würde bald ihr Ausscheiden bei The View verkünden. Whoopi out.

Doch ihre Kleiderwahl war auch ohne diesen Bezug zu ihrer Karriere interessant. Mit diesem Auftritt brach Whoopi mit der langen The View-Tradition der adretten Kleider und Business-Casual-Blusen. Stattdessen wählte sie eines der bedeutungsschwersten Symbole der amerikanischen Alltagskluft zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Arm und Reich. Wie die Schlaghose in den 1970ern stellt der Hoodie in diesem Jahrtausend eine Art modetechnisches Resumee der amerikanischen sozialen Konflikte dar.

Dabei begann die Geschichte des Hoodies ganz unschuldig. Die Freizeitkleidungsmarke Champion produzierte die ersten Kapuzenpullis in den 1930ern, um Lagerarbeiter im US-Staat New York gegen Wind und Kälte zu schützen. Bald wurden sie von Sportlern getragen—und dann von so ziemlich allen Bewohnern der Nordhalbkugel, die im Winter vor die Tür gingen. 1976 drosch Sylvester Stallone in Rocky in einem graumelierten Hoodie auf gefrorene Tierkadaver ein, der die Einfachheit und Funktionalität des Kleidungsstück auf den Punkt brachte.

In New York City bekam der Hoodie mit dem Aufkommen von HipHop eine weitere Funktion: Graffiti-Künstler trugen ihn, um ihre Identität zu verbergen, während sie Wände und U-Bahn-Waggons taggten. Statt nur vor Kälte schützte der Kapuzenpullover nun auch vor Gesetzeshütern.

"Er gehörte einfach zum frühen Street- oder Grunge-Look", sagt mir die HipHop-Historikerin Halifu Osumare. "Ich finde es faszinierend, dass die Straßenkultur von der Haute Couture kopiert und kommerzialisiert wird." Sie merkt an, dass der Hoodie sich seit den 1970ern von einem bewußt schlichten Kleidungsstück in ein oft stark verziertes Statussymbol für HipHop-Stars entwickelte. (2006 erwarb das Londoner Victoria and Albert Museum für seine ständige Sammlung einen juwelenverzierten Hoodie, der Sean "Puff Daddy" Combs gehörte.)

Angeregt vom wirtschaftlichen Erfolg der HipHop-Kultur adaptierten in den 1990ern große US-Modehäuser wie Ralph Lauren und Tommy Hilfiger den sportlichen Street-Style für Diffusion Lines wie Polo und Tommy Sport. Damit sollten die Assoziationen mit Kleinkriminalität und Underground-Kunst zu einer Aura der "urbanen" Coolness sublimiert werden.

Im Februar 2012 wurde der 17-jährige Schüler Trayvon Martin in einer bewachten Wohnanlage in Florida erschossen. Er trug einen Hoodie. Der Schütze, George Zimmerman, sagte Augenblicke zuvor in seinem Notruf, der junge Mann trage "einen dunklen Hoodie, einen grauen" und wirke wie ein "verdächtiger Typ".

In den Tagen nach der Tat schoben mehrere FOX-News-Moderatoren Martins Tod auf seinen Kleidungsstil, was die Debatte über die Rolle des Hoodies im Racial Profiling anheizte. "Er trug einen Hoodie und er hatte ein bestimmtes Aussehen. So sehen ‚Gangstas' aus", sagte Bill O'Reilly. Mitte März war der Hoodie bereits gleichzeitig Symbol des amerikanischen Rassismus und ein Emblem für den Kampf dagegen. Tausende versammelten sich in New York City zum Million Hoodie March.

Auf Instagram postete der NBA-Spieler LeBron James ein Bild seines Teams Miami Heat in Hoodies mit den Hashtags #WeAreTrayvonMartin, #Hoodies, #Stereotyped und #WeWantJustice.

Osumare nennt zwei Figuren, die—was unsere Wahrnehmung des Hoodies angeht—jeweils ein Ende des Spektrums markieren: Trayvon Martin und Mark Zuckerberg. Einer steht für die anhaltende Dämonisierung junger schwarzer Männer, während der andere, der oft Hoodies zur jährlichen Aktionärsversammlung seiner Firma trägt, eine ironische Ikone des nerdigen Normcore-Stils geworden ist—und Multimilliardär.

Der Hoodie, so Osumare, sei "ein wesentliches Symbol für das Verhältnis zwischen Straßenkultur und Kapitalismus", das nun einen festen Teil in der amerikanischen Rassismus-Geschichte innehabe. Letzteres ist wohl schon lange so—bereits 1993 schuf David Hammon mit In the Hood ein eindringliches visuelles Kunstwerk zum Thema, und 2015 sagte Hillary Clinton: "Der Anblick eines jungen schwarzen Mannes in einem Hoodie versetzt noch immer viele in Furcht." Doch wir tragen ihn alle, denn er lässt uns nicht nur mit Kleidung rebellieren, sondern ist auch einfach zeitlos cool.