Reisen

Mullahs, Skateparks und Designer-Imitate – unterwegs im modernen Iran

Da meine letzte Reise in die Heimat meiner Eltern schon 15 Jahre zurücklag, wollte ich herausfinden, wie sich die Dinge im Iran entwickelt haben—und gleichzeitig zu meinen Wurzeln zurückkehren.

von Roya Azadi
02 Dezember 2016, 5:00am

Die Königsmoschee auf dem Meidān-e Naghsh-e Jahan in Isfahan

Meine Eltern stammen beide aus dem Iran. Gelebt habe ich dort jedoch nie. Als ich noch klein war, haben wir öfters Familienmitglieder besucht, aber mit der Zeit wurden diese Besuche auch immer seltener. Der Iran fühlte sich irgendwann mehr an wie ein Teil meiner Geschichte als ein Teil meiner Identität. Anfang des Jahres fiel mir dann auf, dass seit meiner letzten Reise in die Heimat meiner Eltern schon 15 Jahre vergangen waren.

Man könnte also sagen, dass dieser Trip ein Versuch war, zu meinen Wurzeln zurückzukehren—so klischeehaft das jetzt auch klingen mag. Ich wollte den Iran verstehen und herausfinden, ob die gefilterten Bilder und Ansichten, die uns von dort aus erreichen, der Wahrheit entsprechen. Einerseits tun sie das, andererseits aber auch wieder nicht. Der Iran ist ein hin- und hergerissener Ort. Der Iran ist eine Million Dinge gleichzeitig. Der Iran ist ein Land, in dem meilenweit auseinanderliegende Weltanschauungen nebeneinander existieren.

Teheran

Ein Beispiel hierfür ist die Art und Weise, wie sich Frauen anziehen sollen. Überall auf der Welt sind Frauenkörper das Thema religiöser und politischer Debatten. In den vergangen 100 Jahren waren Kopftücher im Iran zum Beispiel entweder verboten oder vorgeschrieben—je nachdem, wer eben gerade an der Macht war. In der Hauptstadt Teheran sieht man häufig junge Frauen in westlichen Outfits und Roosari-Kopftuch, die direkt neben Frauen in Tschadors auf den Zug warten.

Teheran ist meiner Meinung nach so voller Gegensätze, weil die Leute dort auf engstem Raum zusammenleben. Die Metropolregion hat ganze 16 Millionen Einwohner—das sind 12.500 Menschen pro Quadratkilometer (zum Vergleich: In Berlin sind es "nur" 3.809 Menschen pro Quadratkilometer). Als ich in Teheran ankam, gab man mir als erstes den Tipp, zwischen 16 und 21 Uhr in kein Auto einzusteigen, weil die Straßen in diesem Zeitraum so unglaublich verstopft sind. Man schätzt, dass jeden Tag 25 Menschen aufgrund der Luftverschmutzung sterben.

Der Ausblick entlang einer Straße durch das Elburs-Gebirge

Viele der Menschen, die in den vergangenen 30 Jahren nach Teheran gezogen sind, stammen aus den ländlichen Gegenden des Iran und wollten der finanziellen Not entkommen. Die Regierung versucht jetzt, ungefähr fünf Millionen Einwohner außerhalb der Stadt anzusiedeln, indem sie großzügige finanzielle Anreize und andere überzeugende Maßnahmen schafft. Wenn man aus Teheran rausfährt, kommt man an vielen kleinen, in den Bergen liegenden Reißbrett-Städten vorbei. Ein komischer, fast schon gespenstischer Anblick.

Ein Restaurant im Elburs-Gebirge auf der Strecke zwischen Teheran und Sari. Was hier an Gastfreundschaft, Speisequalität und Besteck fehlt, wird durch die komplett aus Marmor bestehenden Wände wieder wettgemacht

Gewürze auf dem Vakil-Basar in Schiraz

Schiraz ist eine der ältesten Städte des Iran und der dortige Vakil-Basar lässt sich bis zum 11. Jahrhundert zurückverfolgen (die derzeitige Halle wurde jedoch erst in den 1760ern gebaut). Die Geschichte dieses Orts und der Gedanke daran, dass schon meine Vorfahren durch diese Hallen spazierten, haben mich doch sehr bewegt. Aber auch die feilgebotenen Gewürze waren unglaublich beeindruckend.

Eine echte Zara-Filiale in Schiraz

Nachdem Materialismus im Iran jahrzehntelang als Übel der westlichen Welt abgetan wurde, scheint man dort inzwischen die Lektion gelernt zu haben, die viele Eltern auf der ganzen Welt ebenfalls irgendwann lernen müssen: Kein Mensch, keine Regierung, keine internationale Sanktionsmaßnahme und kein sinkendes Bruttoinlandsprodukt kann sich zwischen eine junge Frau und ihren Wunsch nach angesagter Mode stellen.

Irgendwo zwischen Shiraz und Isfahan

Eigentlich wollte ich nicht auf den Straßen des Iran durch das Land reisen, aber mein fehlendes Organisationstalent zwang mich dann doch dazu. Dabei ist mir eine Sache aufgefallen: Die Busse dort sind zwar recht langsam, aber dafür überraschend luxuriös. Und die Fahrer verteilen Snack-Pakete, die qualitätsmäßig im oberen Mittelfeld und quantitätsmäßig ganz vorne liegen.

Isfahan

Isfahan war einst eine Stadt an der Seidenstraße und so kosmopolitisch, dass manche Leute sie als die "halbe Welt" bezeichneten. Auf einem Platz, der bereits im Zeitalter des Römischen Reichs gebaut wurde, lernte ich ein paar Schüler kennen, die auf ihren Fahrrädern beeindruckende Wheelies hinlegten. Zuerst machten sie sich über meinen Farsi-Akzent lustig, aber dann luden sie mich dazu ein, nach der Schule mit ihnen abzuhängen. Ali (auf dem Bild oben links) will später mal Astronaut werden, während Hussein (rechts) eher eine Karriere als Profi-Dirtbiker anstrebt.

Das Bekhradi-Haus in Isfahan

Das Bekhradi-Haus wurde im 17. Jahrhundert während der Safavid-Dynastie erbaut und vor Kurzem in ein Luxushotel inklusive Boutique verwandelt. Dort lebte ich meine orientalischen Fantasien aus, bis mir klar wurde, dass ich damals wohl diejenige gewesen wäre, die die Reichen mit Trauben füttern muss.

Die Scheich-Lotfollāh-Moschee auf dem Meidān-e Naghsh-e Jaha

Im 18. Jahrhundert machte man Teheran zur Hauptstadt des Reichs, wodurch sich Isfahan von der "Stadt des Glitzers" in eine abgelegene Provinzstadt verwandelte. Diese Entwicklung hatte jedoch auch den Vorteil, dass viele von Isfahans altertümlichen Monumenten nie zerstört wurden. So inspirieren sie heutzutage junge iranische Architekten und Künstler dazu, sowohl die Gebäude als auch den internationalen Ruf der Stadt zu restaurieren. Ich wollte auch unbedingt herausfinden, wie es in einer von Symmetrie besessenen Kultur dazu kommen konnte, dass sich ein Minarett nicht mitten auf der Moschee befindet. Leider ohne Erfolg.

Der Ab-o Atash in Teheran

Beim Ab-o Atash handelt es sich um einen der wenige Skateparks von Teheran. Neben vielen Rollerbladern findet man dort inzwischen immer mehr BMX-Fahrer und Skateboarder. Als ich vorbeilief, konnte ich außerdem beobachten, wie sich einige Geschäftsmänner auf dem Nachhauseweg am Zaun die Nase platt drückten und bei jedem gelandeten Trick der Skater applaudierten.

Auf dem Tadschrisch-Basar in Teheran

Solche Schreine sind während des heiligen Muharram-Monats überall in Teheran zu finden. Sie leuchten immer in Grün und sollen an die Opfer des Ersten Golfkriegs zwischen dem Irak und dem Iran erinnern. Dabei kamen auf jeder Seite über eine Million Menschen ums Leben, beide Länder gingen mehr oder weniger pleite und auch heute, 30 Jahre später, hat der Konflikt noch einen massiven Einfluss auf die sozio-ökonomische Entwicklung des Iran—und er hält die Grüne-Glühlampen-Industrie am Leben.

Auf dem Großen Basar von Teheran

In einem Land, in dem es keine Urheberrechtsgesetze gibt, macht auch schon mal ein ausgeschnittener George Clooney Werbung für eine relativ unbekannte Rasierapparat-Marke aus dem Iran. Auf dem Großen Basar von Teheran kann man stapelweise H&M-, Louis Vitton- oder Adidas-Einkaufstüten aus Plastik kaufen. Und eine ganze Reihe an Verkaufsständen hat sich Textiletiketten verschrieben—von Gucci über Versace bis hin zu "Made in China". Ich wollte mir ein paar Chanel-Etiketten mitnehmen, aber leider werden die nur im Kilo verkauft.

Das Gol-e Rezaieh Café in Teheran

Seit 70 Jahren ist das Gol-e Rezaieh Café DER Treffpunkt von Teherans Intellektuellen-, Künstler- und Autorenszene. Zu den Stammgästen gehörte auch Sadegh Hedayat, der als der Franz Kafka des Iran gilt. Aus mir unerklärlichen Gründen zeigen besonders viele der eingerahmten Bilder an der Wand die Band Queen. Und aus den Boxen erklangen bei meinem Besuch Mariah Careys größte Hits in Dauerschleife.

Im teheraneschen Stadtteil Darbend

Wir Iraner lieben eine kunstvolle Präsentation. Nicht einmal Hackfleisch ist vor unserem Dekorationsdrang sicher.

Das Dorf Filband in der Provinz Māzandarān

Die fast dreistündige Fahrt nach Filband, dem berühmten "Dorf über den Wolken", führt durch eine Bilderbuch-Berglandschaft, die so auch direkt in der Schweiz liegen könnte. Wie in jedem malerischen Dorf auf der ganzen Welt werden auch in Filband die architektonischen Träume von Hausbesitzern und die häuslichen Albträume von Architekten wahr.

Noch mal Filband

Iraner lieben ein gemütliches und friedliches Picknick. In einem Land, das seit Tausenden Jahren von unerträglicher Hitze, gesellschaftlichen Unruhen und anderen Problemen heimgesucht wird, ist es jedoch normal, dass es oberste Priorität hat, auch mal zur Ruhe zu kommen und etwas Abstand von allem zu gewinnen. Dafür ist kein Weg zu weit, kein Berg zu hoch und keine zu schleppende Menge an Kebab und Kohle zu groß.

Teheran in den 70er Jahren

Während meiner Iran-Reise stieß ich auf diese Foto. Darauf zu sehen ist meine 18- oder 19-jährige Mutter (rechts) zusammen mit ihrer Schwester und gleichzeitig besten Freundin. Die beiden waren schon damals für ihre Schönheit und Schlauheit bekannt. Meine Mutter hatte wohl aber auch eine etwas sonderbare Seite, denn ich habe herausgefunden, dass sie mit sieben Jahren einen Hahn namens "Colonel Jesus" als Haustier hielt.

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Schiraz

Dieses heruntergekommene Haus in Schiraz wird bald in einen neuen Wohnblock verwandelt

Die Vakil-Moschee in Schiraz

Der Tschehel Sotun-Palast in Isfahan

Teheran

Teheran

Isfahan

Auf dem Vakil-Basar in Schiraz

Mein neuer bester Freund und ich auf dem Vakil-Basar