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Wir haben mit dem Kurator gesprochen, der sich für seine Ausstellung schämt

Er kuratierte eine Ausstellung mit rassistischen und sexistischen Cartoons sowie abnormal vielen Bildern zum Thema 'Scheiße'. Wir haben gefragt, wer sich hier am meisten schämen muss.

von Johanna Siegemund
22 September 2016, 12:40pm

Der Kurator Clemens Ettenauer mit seinem zweiten Lieblingsbild (den eigentlichen Favoriten durften wir nicht fotografieren) | Alle Fotos von der Autorin

Kunst darf ja bekanntlich alles—zumindest in der Theorie. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als unser Kunstlehrer uns "Das Schwarze Quadrat" von Kasimir Malewitsch gezeigt hat. Neben den Neidern, die gerne selbst auf diese Idee gekommen wären, gab es vor allem sehr viel kindliches Unverständnis. Warum stellt man so ein Bild aus? Die Antwort ist simpel: Ein Kurator hat wahrscheinlich mehr darin gesehen als nur schwarze Farbe und es deshalb ausgestellt. Der Kurator ist laut Zeit der neue Traumberuf vieler Jugendlicher. Ähnlich wie der zweite Traumberuf, der des DJs, mischt er die Ausstellungsstücke so zusammen, dass sie für das Publikum zumutbar werden.

Die Cartoons, die aber momentan in der wohl engsten Galerie der Welt ausgestellt werden, sind eigentlich für keinen zumutbar. Nicht einmal für den Kurator selbst. Clemens Ettenauer, Kurator der Galerie der Komischen Künste in Wien, hat eine Ausstellung konzipiert, die keiner sehen will. Wirklich keiner. Deswegen ist die Galerie auch enttäuschender Weise leer. Bis auf den Kurator und mich. Nur einmal verirrt sich eine Besucherin der Parallel-Ausstellung in den gerade einmal 66 Zentimeter breiten Raum. Sie sieht das erste Bild mit dem Titel "Shit happens" (man sieht einen Mann, der auf ein Feld scheißt), rümpft empört die Nase und geht.

Die Cartoons von Zeichnern, die sonst für namhafte Tageszeitungen und Verlage arbeiten, sind geschmacklos. Gewollt geschmacklos. Das Gefühl der Fremdscham kommt nach wenigen Sekunden. Ungefähr so, als würde man sich zehn Stunden lang Flachwitze-Challenges auf YouTube ansehen. Dabei sind die 15 Meisterwerke der Geschmacklosigkeit nur eine Auswahl aus insgesamt 200 Einsendungen. Die Neonröhren-Beleuchtung und die Enge des Raumes erweitern das Gefühl des Wegschauen-Wollens noch um ein körperliches Unbehagen. Ich habe also viele Fragen an den sowieso schon beschämten Kurator.

VICE: Du bist also der, der sich schämt. Wie kamst du auf die Idee?
Clemens Ettenauer: Wenn wir Bilder für Ausstellungen sammeln, gibt es immer wieder Bilder, die zwar gut sind aber irgendwie zu arg. Also die sind dann teilweise zu geschmacklos oder man will sie dem Publikum nicht zumuten. Irgendwann ist daraus die Idee entstanden, eine eigene Ausstellung mit diesen ganz argen Witzen zu machen. Dann haben wir die Künstler kontaktiert und uns dann die Bilder schicken lassen. Es war dann schon interessant, die Bilder so auszuwählen.

Wir haben quasi das Gegenteil von dem gemacht, wie wir sonst immer die Bilder auswählen. Wir haben uns auf diejenigen fokussiert, die wir sonst wegkürzen würden. Beispielsweise Bilder, bei denen irgendetwas mit Scheiße vorkommt. Das sind gewisse Geschmacklosigkeiten, die zwar lustig sind, aber man hat auch ein unangenehmes Gefühl dabei. Das ist auch das Faszinierende daran.

Wir merken halt, dass das Publikum sehr schnell schockiert reagiert, auch bei Cartoons. Als ich hier angefangen habe, da habe ich gedacht, dass die Leute schon was aushalten würden. Man merkt aber schon, dass immer wieder kleine Beschwerden kommen. Es gibt beispielsweise so ein Bild von Haderer als nackten Hitler. Da wollte sogar mal jemand die Polizei rufen wegen Wiederbetätigung.

Das wohl beschämendste Bild der Galerie, das nicht einmal in der Ausstellung ist

Wie rechtfertigt man sich bei solchen Reaktionen?
Also bei der jetzigen Ausstellung hatten wir noch keine solcher Reaktionen. Aber das ist ja auch erst der erste Tag. Ich nehme auch an, dass die Interessierten für diese Ausstellung wissen, dass es ein bisschen geschmacklos ist.

Was ist dein Lieblingsbild aus dieser Ausstellung?
Es gibt ein Bild, das nennt sich "Andere Länder, andere Sitten". Da benutzt ein Mongole eine Katze als Klo, sozusagen als "Katzenklo". Das ist schon sehr geschmacklos. Da haben wir auch lange überlegt, ob wir das nehmen sollen.

Selbst bei dieser Ausstellung habt ihr überlegt, ob ihr die Bilder überhaupt nehmen könnt?
Ja, irgendwie schon. Obwohl ich finde, dass Scham auch ein gutes Gefühl sein kann. Es hat oft so etwas Mitreißendes. Man weiß ja oft gar nicht, wie man das einordnen soll. Das Ganze weckt ja sowohl negative, als auch positive Emotionen.

Habt ihr die Bilder nach einem bestimmten Konzept geordnet?
Nein, gar nicht. Wir haben nur gesehen, dass die ersten fünf Bilder zufällig etwas mit Scheiße zu tun hatten. Da haben wir es umgehangen. Aber beim Auswählen beispielsweise ist es mir gar nicht so aufgefallen, dass so viele Bilder etwas mit Scheiße zu tun haben. Vielleicht, weil das auch die unangenehmsten Gefühle weckt.

Gesellschaftskritik, garniert mit ein bisschen Scheiße

Wie haben die Künstler reagiert?
Eigentlich sehr positiv, weil es mal etwas anderes ist. Sie haben uns dann oft Bilder geschickt mit dem Kommentar: "Jetzt kann ich mal die Bilder loswerden, die immer abgelehnt worden sind." Man versteht es oft auch, wenn man die Bilder sieht. Beispielsweise, wenn jemand für den SPIEGEL arbeitet. Solche Cartoons würde man da mit Sicherheit nicht drucken.

Wir wollten auch erst ein Buch mit dem Titel "Bilder, für die sich der Verleger schämt" veröffentlichen. Aber wir haben uns jetzt dagegen entschieden, weil Cartoonbücher immer eher ein Geschenkartikel sind. Und wem willst du das schenken? Das ist eine Nische in Österreich.

Wie hast du die Bilder ausgesucht? Gab es da spezifische Auswahlkriterien?
Wir hatten 200 Einsendungen, was ziemlich wenig ist. Sonst gibt es immer so um die 1000 Bilder, aus denen wir dann auswählen. Wir haben jetzt eine Auswahl von knapp 50 Bildern. Beim Auswählen hat man sich oft gedacht: "Ich will es nicht an die Wand hängen", oder auch "Ich will nicht, dass meine Oma das sieht". Es war immer dieses Unwohlsein dabei, sowohl bei dem Gedanken an seine eigene Gefühlswelt als auch die der potenziellen Besucher.

Findest du in deiner Rolle als Kurator, dass Kunst alles darf?
Ja, eigentlich schon. Aber unsere Galerie bekommt leider keine Förderung und da müssen wir uns eben ganz stark am Verkauf orientieren. Wir versuchen auch öfter mal Sachen zu machen, die wir selbst interessant finden. Aber du merkst auch schnell, dass man da auf kommerzieller Ebene nicht sehr weit kommt. Wir müssen uns eben am Markt orientieren. Dabei versuchen wir oft, einen Mittelweg zu finden. Beispielsweise bei den Ausstellungen zum Thema "Katze" hast du dann eben ein paar ärgere Bilder dabei. Katzen sind halt massentauglich, da kann man sowas auch unterjubeln.
Das ist, was auf dem Markt gut funktioniert. Sachen, die eben "Schwiegermutter-tauglich" sind.

Der Kurator in seiner natürlichen Rolle als Beschämter

Ist man davon als Kurator enttäuscht, weil man eine andere Vorstellung von Kunst hat?
Ich hatte mit Kunst ehrlich gesagt gar nicht so viel zu tun. Das war nie mein Traum, und deshalb hatte ich auch keine Erwartungshaltung. Aber mir gefällt diese Machtposition, die man innehat. Man entscheidet, was man ausstellt. Das, was für einen selbst schlecht ist, das zeigt man eben nicht. Außer eben bei der jetzigen Ausstellung.

Wie haben eure Besucher bis jetzt auf die Ausstellung reagiert? Finden Leute überhaupt den Weg dahin?
Wir haben nicht so viele Besucher—außer zu Weihnachten. Zudem sehen wir ja die Reaktionen der Besucher meistens nicht. Normalerweise orientieren wir uns deswegen immer an dem Lachen der Leute. Und ich habe heute erst zwei von zehn Leuten überhaupt lachen hören. Bei der Ausstellung ist Naserümpfen aber wahrscheinlich die häufigste Reaktion.

Die Ausstellung ist aber auch ziemlich gut versteckt. Wir haben eigentlich so Pfeile auf dem Boden, aber irgendwie merkt das keiner. Aber da uns die Ausstellung eh ein bisschen unangenehm ist, haben wir sie extra da hinten platziert. Es wäre ja unsinnig, sein eigenes Schamgefühl zu bewerben. Es ist eine Ausstellung, die eigentlich nicht gesehen werden soll. Wir haben überlegt, ob wir nicht einfach die Tür schließen sollten. Das würde auch zum Konzept passen, aber wäre auch irgendwie blöd.

Aus der Kategorie: Auch vor den im Koma Liegenden muss man keinen Respekt zollen

Am Ende zeigt mir Clemens noch die Bilder, die es bis jetzt noch nicht an die Wand geschafft haben. Es ist eine Auswahl von peinlichen Hitler-Karikaturen und schlechten Behindertenwitzen. Eine erweitere Auswahl des "Scheiße"-Themas ist natürlich auch dabei. Zum Schluss zeigt mir Clemens noch sein zweites Lieblingsbild. Es geht um die Volkskrankheit Burn-out und wie man vielleicht nicht damit umgehen sollte.

Wie man mit der Ausstellung an sich umgehen soll, weiß ich aber auch einen Tag nach meinem Besuch noch nicht. Man bekommt das Gefühl, dass die Künstler nur eine Auswahl des kleineren Übels eingeschickt haben. Flachen Humor gibt es in den Ausführungen: Scheiße, sexistisch, rassistisch, respektlos und Scheiße. Mein Fremdschäm-Level ist dabei trotzdem ziemlich niedrig geblieben. Aber im Gegensatz zu dem Kurator muss ich mich ja auch nicht dafür schämen.

Wer den beschämten Kurator und seine Auswahl an Geschmacklosigkeiten erleben will, kann noch bis zum 23. Oktober die Galerie der Komischen Künste kostenlos im Museumsquartier besuchen.

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