Europa in der Beziehungskrise – Der Schweizer Regisseur von 'Europe, She Loves' im Interview

In der Doku 'Europe, She Loves' zeigt Jan Gassmann das Leben von Paaren in Krisenstädten wie Dublin und Sevilla. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie er sie in ihren intimsten Momenten vor die Kamera bekam.

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Sep. 27 2016, 11:30am

Alle Fotos zur Verfügung gestellt

Jan Gassmann ist spätestens seit seinem Beitrag zum Film Heimatland, in dem Schweizer zu Geflüchteten werden, eines der Schweizer Film-Aushängeschilder. Für seinen neuen Film Europe, She Loves reiste Jan mit Kameramann Ramon Giger in die geografische und wirtschaftliche Peripherie Europas. Dort dokumentierten die beiden vier Beziehungen in ihren intimsten und verletzlichsten Momenten, in ihrem Alltag voller Sex, Partys und Drogen, der geprägt ist von der politischen Ohnmacht, die mit privaten Umbrüchen verschmilzt.

In Sevilla, Tallinn, Dublin und Thessaloniki filmte Jan je zehn Tage lang den Alltag von Liebespaaren, der zeitweise so brüchig scheint, wie das politische Konstrukt, in dem er stattfindet.

Wir haben mit Jan vor der Schweiz-Premiere am Zürich Film Festival Kaffee getrunken und darüber gesprochen, wie er Menschen in ihren intimsten Momenten vor die Kamera bekam und ob es sowas wie "unsere" Generation überhaupt gibt.

VICE: Wieso hast du dich für Tallinn, Sevilla, Dublin und Thessaloniki als Schauplatz deines Dokumentarfilmes entschieden?
Jan: Als wir mit den Dreharbeiten beginnen wollten, hatte sich die mediale Berichterstattung von der Eurokrise entfernt. Das hat mein Interesse geweckt, insbesondere im Hinblick auf die Menschen in diesen Staaten. Dadurch ist die Frage, ob die sogenannte Erholung, von der in Wirtschaftsnachrichten die Rede war, wirklich bei den Menschen angekommen sei, vermehrt in meinen Blickwinkel geraten. Meiner Meinung nach ist die Krise zu einer neuen Normalität geworden. Ich wollte herausfinden, wie es sich auf die Beziehungen in den verschiedenen Städten auswirkt. Ich habe darauf in meiner Wohnung eine Europakarte aufgehängt und mir überlegt, wo ich hingehen möchte. Ausgeschlossen habe ich diejenigen Städte, die mir bekannt waren, da ich wusste, wie die Geschichte aussieht, bevor ich sie drehen würde.

Die Städte, in denen wir gedreht haben, waren alle unter dem Euro-Rettungsschirm, ausser Estlands Hauptstadt Tallinn. Estland gilt als Wirtschaftswunder, ist aber noch immer von Armut geprägt. Von dieser Idee ausgehend sind wir dann losgezogen, haben ein Auto gemietet und sind an die verschiedenen Orte gefahren, an denen wir jeweils zehn Tage gedreht haben.

Wieso wählst du Beziehungen als Spiegel der europäischen Krise?
Meiner Meinung nach spiegelt sich im Privaten viel von Gesellschaft und Politik ab, aber gleichzeitig trennt man dies heutzutage weitgehend. So ist Politik gleichzeitig medial hyperpräsent, aber auch einfach auszuschliessen. Mein Ansatz ist, dass einerseits das Private immer ein Teil vom Politischen ist. Davon ausgehend habe ich überlegt, wie sich das Politische auf das Verhalten in der Beziehung ausschlägt. Andererseits spiegeln meiner Meinung nach die zwischenmenschlichen Angelegenheiten, wie Diskussionen oder Kompromisse, viel von unserer Politik oder schlussendlich vom menschlichen Lebensinstinkt wider. Am Anfang war ich mehr thematisch unterwegs, mit der Zeit habe ich mich mehr auf die Intimität konzentriert.

Wie hast du die vier Paare im Film ausgewählt?
Wir haben in den vier Städten Castings organisiert, an denen insgesamt über 100 Paare teilgenommen haben. Das Casting selber war ebenfalls ein Prozess, in dem die Ideen weiterentwickelt wurden. Schnell wurde uns klar, dass wir uns vom Thematischen wegbewegen möchten und somit zum Beispiel doch nicht Leute in besetzten Häusern zeigen, die über ihre Passion und ihren Aktivismus reden, sondern haben uns für Nähe und kriselnde Beziehungen entschieden und sind somit auch ein gewisses Risiko eingegangen. Die ausgewählten Paare sind alle etwa in derselben Altersgruppe und gehören der Mittelklasse an. Für uns am interessantesten waren diejenigen Paare, die eine Intensität und Bewegung in ihren Beziehungen hatten.

Gab es auch Paare, die ihr während des Drehs ersetzt habt?
Ein Paar hat sich vor dem Dreh getrennt, ausserdem haben wir eine ganze Episode, die wir in Zagreb aufgenommen hatten, schlussendlich nicht benutzt. Die Dreharbeiten stellten für mich und das Team einen Lernprozess dar. Zagreb war unsere erste Drehdestination. Wir mussten während dem Dreh lernen, wie man einen solchen Film drehen kann. Oft wollte ich zu viel Kontrolle über die Begebenheiten haben. Das Zagreber Paar, das in einem Hochhaus wohnte, habe ich etwa gebeten, ihr Sandwich auf dem Dach zu essen, um an schönere Bilder zu kommen. Das hat dazu geführt, dass sie wie verlorene Touristen auf dem eigenen Dach waren.

Wir haben auch gemerkt, dass nicht mehr als zwei Leute beim Dreh im Zimmer anwesend sein konnten, um kein Ungleichgewicht herzustellen und ich habe dann angefangen, den Ton ebenfalls selber zu machen. In der Mitte der Episode haben wir also unser Drehkonzept komplett verändert und neu angefangen, das hat dann funktioniert. Mit dieser Erfahrung sind wir einen Monat später auf unsere 20.000 Kilometer lange Reise aufgebrochen, mit erster Destination Sevilla.

Während des Films habe ich mich öfters gefragt, ob das wirklich eine Doku ist. Bist du dieser Erfahrung schon öfters begegnet?
Im Anschluss an die Premiere in Berlin haben das Team und die Paare zusammen die Bühne betreten. Was interessant war, ist, dass die Fragen aus dem Publikum oft mit "I have a question to the actors" eingeleitet wurden. Auch in Reviews wurden Dinge wie "great actors, great performance"geschrieben.

Für mich sind diese Schubladen egal, es erstaunt mich aber noch immer, dass es für Leute wichtig ist, wie sie den Film einordnen. Dokumentarfilme sind schliesslich ebenso konstruiert wie Spielfilme. Im Schneiden und Redigieren beginnt man, sich auf die Geschichten und Gefühle zu fokussieren, die Authentizität entsteht am Dreh, in der Beziehung zu den Protagonisten. Das Schneiden für Europe, She Loves hat lange gedauert, weil das ganze Rohmaterial zuerst mit Untertiteln versehen werden musste und wir erst dann begriffen, worüber die Paare in den einzelnen Szenen überhaupt geredet hatten.

Regisseur Jan Gassmann nähert sich der Eurokrise auf der zwischenmenschlichen Ebene | Foto zur Verfügung gestellt von Jan Gassmann

Im Film zeigst du die Paare beim Sex und grundlegenden Beziehungsgesprächen. Wie hast du es geschafft, trotz der künstlichen Kamerasituation so ein Vertrauen aufzubauen?
Ich habe mit ihnen gelebt, den Alltag bestritten und bin mit ihnen Party machen gegangen. Wir wurden zu Freunden und stehen auch heute noch in Kontakt. Ich hatte in den jeweiligen Städten immer den Wohnungsschlüssel der Paare und konnte mich in der Wohnung aufhalten, wann ich wollte. So habe ich meinen Kameramann Ramon gezwungen, frühmorgens mit mir hinzugehen und wir haben sie gefilmt, bevor sie aufgewacht sind. Das Wichtigste war für mich, alles zu sammeln. Mit der Zeit waren Sie sich gar nicht mehr bewusst, dass die Kamera da ist. Ein weiterer wesentlicher Faktor war, dass es keine Hierarchien gab zwischen dem Drehteam und den Paaren.

Im PR-Text zum Film steht, dass du deine Generation darstellen möchtest. Du bist in verschiedene Regionen gereist, die von der wirtschaftlichen Krise geprägt wurden, du selber bist aus der wohlhabenden Schweiz. Wie lässt sich das vereinen? Gibt es aus deiner Sicht überhaupt eine gesamteuropäische Generation?
Das ist eine Frage, die ich mir am Anfang häufig gestellt habe. Ich empfand es als speziell interessant, aus der Schweiz zu kommen und einer europäischen Frage nachzugehen. Gewiss haben wir in der Schweiz ein anderes Wohlstandsniveau, nichtsdestotrotz besteht aus meiner Sicht eine starke Verbindung. Wir haben ähnliche kulturelle oder historische Einflüsse. Anhand der Diskussionen und der Art miteinander umzugehen, die ich während dem Dreh miterlebt habe, kann ich sagen, dass man als Schweizer sehr wohl einer europäischen Generation angehört. Ich habe früher viel im Ausland gedreht, zum Beispiel auch in Indien, wo die Geschichten, die ich filmte visuell viel hergegeben haben. Dennoch bin ich auf Grenzen gestossen, insbesondere hinsichtlich der unterschiedlichen Mentalität. Zu den Leuten in Europe, She Loves empfinde ich eine starke Zugehörigkeit. Ich fühle mich ihnen verbunden und verstehe ihre Probleme, ihre Freuden und ihren Lifestyle, trotz der Sprachbarrieren.

Politik und die Begebenheiten in Europa finden im Film vor allem im Off statt, wesentlich durch das Radio und bei Zwischensequenzen zum Ortswechsel. Es scheint, als sei es im Privaten kein direktes Thema.
Die Situation, in der sich die Paare befinden, hat viel mit der politischen Situation zu tun. Sie haben auch über die politische Lage gesprochen und ihre eigene Verortung in dieser analysiert. Diese Diskussionen habe ich aber bewusst rausgelassen. Das Material schien in diesen Momenten an Emotionalem zu verlieren und an Didaktischem zu gewinnen, als stelle sich der Zuschauer in eine Expertenposition. Aus meiner Sicht hätte dies ihre Situation eher reduziert und ich habe mich absichtlich entschieden, dass ich es bei den medialen Berichten belasse und ihre Situation als an sich politisch darstelle.

Du hast die Doku Europe, She Loves genannt. Wieso nur in der weiblichen Form?
Als Regisseur hat man oft mit Titeln zu kämpfen. Bei diesem Film kam mir der Titel aber sofort in den Sinn, als ich am ersten Tag über das Thema nachgedacht habe. Von da an war es für alle klar, dass der Film Europe, She Loves heissen würde, obwohl es grammatikalisch falsch ist. Auch hat sich während dem Dreh immer mehr gezeigt, dass der Film von den Frauen innerhalb der Beziehungen handelt. Sie sind in meinem Dokumentarfilm die aktivere Person oder diejenige, die probiert zu bewegen und zu retten. Wie eine selbsterfüllende Prophezeiung handelt der Film auch von der Frau innerhalb Europas. Auch Europa selber ist für mich ein weiblicher Kontinent. Ich denke an die mythologische Figur Europa, die von Zeus entführt wird.

'Europe, She Loves' läuft ab dem 29. September im Kino deines Vertrauens.


Titelbild von europesheloves.com

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