Sag noch einmal "Swissness"

„Swissness" hier, „Swissness" da, wofür steht diese Begriffshure eigentlich und wofür sollte sie stehen?

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12 Juni 2013, 2:00pm

Foto: Pixabay | CC0 

Momentan hört und liest man es wieder überall und es steht auf meiner persönlichen Reizwörterliste ganz weit oben—das Wort "Swissness". Der Begriff ist stark positiv konnotiert und klingt nach Verheissung. Wird da wirklich "swiss" mit "coolness" gekreuzt? Dürfen wir uns darauf gar etwas einbilden? Und soll uns der Begriff irgendetwas über unsere Identität verraten? Vielleicht.

Mit Sicherheit soll er uns zumindest etwas über unsere marktwirtschaftliche Identität verraten. "Swissness" sorgt dann auch im Schweizer Parlament immer wieder für aufgeregt patriotisches Gefasel. Es gelte die "Marke Schweiz" zu schützen, heisst es allenthalben. Ausgerechnet vermeintlich linke Schweizer Sozialdemokraten springen auffallend oft für möglichst echte Schweizer Produkte und den Wirtschaftsstandort Schweiz in die Bresche. Es gehe um den Werkplatz Schweiz und um viel Geld, welches mit der "Marke Schweiz" noch verdient werden will. Noch. Doch dazu gleich mehr.

Tugenden und Eigenschaften wie Fleiss, Sauberkeit, Präzision und Qualität haben Produkte mit Schweizer Kreuz weltweit in schwindelerregende Sympathiehöhen katapultiert. Auf der ganzen Welt wollte plötzlich jeder auch so ein weisses Kreuz auf rotem Grund haben, egal wo. Auf der Brust, der Mütze, dem Klopapier, und, natürlich, schlussendlich auch auf dem Teller; „Mhhh, einfach köstlich, so ein Schweizer Fondüü."

Wo Schweiz draufsteht, da kann das Paradies nicht weit sein. Doch die aktuelle Debatte, was in "Swissness" und "Made in Switzerland" denn bitteschön genau drin sein darf, kommt just zu einer Zeit, in der das Image der Schweiz und von ihrem Kreuz so ramponiert ist, wie selten zuvor. Aus "Swissness" wurde „Bschissness". Plötzlich knallt man im Ausland den Schweizer Pass nicht mehr so selbstbewusst und für jeden sichtbar auf den Check-in-Schalter. Ja, wir müssen gerade ziemlich viel einstecken und ducken uns auch schon mal weg. Das Schweizer Kreuz ist für manche gar zum Stigma geworden. Aus dem Plus wurde ein Minus.

Schweizer Banker gehören zu den kriminellsten der Welt. Während ich diese Zeilen verfasse, entscheidet sich die Schweiz mit einer beschämend grossen Mehrheit für eine weitere Verschärfung des Asylgesetzes. Verunsicherte Deutsche besuchen nach Ankunft in der Stadt Zürich erstmal ein sogenanntes "Swissness-Training". Titel des Kurses: "Leben anstatt überleben in der Schweiz". Schweizer Steuerregimes hinterlassen anderen Ländern jährlich Steuerlöcher in zweistelliger Milliardenhöhe. Da ist sie wieder—die grosse, dicke, Rosinen fressende Heuschrecke namens Helvetia. Und während unsere Parlamentarier aktuell noch darüber diskutieren, ob in einem echten Schweizer Produkt nun mindestens 50 oder 60 % der Herstellungskosten in der Schweiz anfallen müssen, tobt draussen vor dem Bundeshaus die Revolution. Nicht etwa in Form eines aufgebrachten Mobs, nein, Schlimmer: Es sind die amerikanischen Steuerbehörden, die deutschen Steuerbehörden und die französischen Steuerbehörden. Da sind auch noch viele andere Steuerbehörden und sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind wütend. Was noch vor wenigen Jahren für praktisch unmöglich gehalten wurde, ist kaum mehr aufzuhalten: Das für die Schweiz wohl erfolgreichste Schweizer Produkt aller Zeiten, das Bankgeheimnis (Made in Switzerland), liegt auf der Intensivstation. Und es scheint so, als könnten keine Schläuche und Kabel dieser Welt den Patienten je wieder gesund werden lassen.

Es stellt sich die Frage wie das Image der Schweiz wieder auf die Beine gestellt werden kann. Ein Anfang wäre es beispielsweise statt immer über mehr "Swissness" endlich über mehr "Fairness" zu reden. Dies nicht nur im Umgang mit unseren geographischen Nachbarn, sondern auch bei uns, hier und jetzt. Weniger Heidi, weniger Edelweiss. Weniger Konkurrenz- und Wachstumsmantras, weniger Prime Tower, mehr kreative Freiheit, mehr Mit- und Füreinander. Ich habe letztens einen schönen Satz gelesen. Er lautet: "Teilen ist das neue Besitzen". In diesem Sinne: Fairness is the new Swissness. Oder so.

Deine Swissness an die Nacht legen kannst du dieses Wochenende an folgenden Orten:

Donnerstag:

Zuerst gehst du dir die „I Never Read, Art Book Fair Basel" anschauen. Du gehst eh an die At Basel aber dort kannst du dir das Buch von Yves Suter kaufen aus welchem auch ein paar von diesen tollen Bildern stammen. Du kannst dir also effektiv was kaufen, an der Art Basel - freu dich. Danach trifft Kunst auf Kalorie: Art Schweinegrill in Basel

Freitag:

Gehen wir zuerst an Suprapto Schmids Ausstellung bei BN Graphics an der Nordstrasse 250 in Zürich. da freuen wir uns ganz besonders drauf.

Danach feiert Frau Gerold ihr Garagenfest u.a mit Jimi Jules

Und/Oder John Doe im Gonzo, jemand Weibliches scheint Geburtstag zu haben. Das ist meistens gut.

Samstag:

Erst gehst du kleidertauschen in die Ambossrampe

Nur wenig später fängt Arthur Juniors Ausstellung an, dort stellt auch die Desiree Bitter aus, na dann Prost!

Sonntag:

Gehst du am späten Nachmittag unter die Kornhausbrücke: BOOMBOX PARTY! Falls du kannst, bringst du idealerweise dein eigenes Radiogerät mit. Endlich eine Verwendung für diesen ganzen Vintage Elektronik Ramsch den du in den letzten beiden Jahren von diversen Flohmärkten zusammengehamstert hast.

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