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Warum ich meinen Freund und meine besten Freundinnen geghostet habe

Wir kommunizierten so viel über die Online-Kanäle, dass wir uns im echten Leben mit unseren emotionalen Problemen nicht mehr auseinandersetzen konnten.

von Georgina Lawton
18 Januar 2016, 12:39pm

Illustration: Ella de Souza

„Du widerst mich an."

„Lass uns doch demnächst mal wieder treffen."

„Es tut mir leid."

Das sind die letzten Nachrichten, die ich von drei Menschen bekommen habe, von denen ich eigentlich gedacht hätte, dass sie mich mein ganzes Leben lang begleiten würden. Jetzt sind sie allerdings überhaupt kein Teil meines Lebens mehr, denn ich habe die Entscheidung getroffen, sie komplett aufzugeben.

Das sogenannte Ghosting—also das Beenden einer Beziehung, indem man die Kommunikationsversuche des Gegenüber komplett ignoriert oder besagte Person in den sozialen Netzwerken blockiert—hat sich zu Recht einen beschissenen Ruf erarbeitet. Und trotzdem habe ich genau das mit meinem Freund und meinen beiden besten Freundinnen gemacht.

Bevor ich mich hier jetzt rechtfertige, musst du allerdings wissen, dass ich genau weiß, wie es sich anfühlt, sich am anderen Ende des Ghosting-Spektrums zu befinden. Auch ich wurde schon mal nach wochenlangem Nachrichtenaustausch von heute auf morgen komplett ignoriert. Das Ganze ist für mich ein schrecklicher und feiger Schritt und deshalb fiel es mir auch nicht leicht, mich selbst zu genau diesem Schritt zu entschließen. Man kann aber wohl sagen, dass sich meine Weltanschauung irgendwie geändert hat, nachdem mein Vater letztes Jahr an Krebs gestorben ist und mir dabei auch klar wurde, dass einige meiner vermeintlich engsten zwischenmenschlichen Beziehungen keinen Bestand mehr hatten.

Emily und Kate* waren früher meine beiden besten Freundinnen. In der Zeit zwischen unserem 12. und 22. Lebensjahr war unsere Freundschaft jedoch eher von gemeinsamen Erfahrungen als von wirklicher Substanz geprägt—also von Festivals, Partys und den verschiedenen Lügen, die wir unseren Eltern deswegen auftischten. Unser Verlangen, schlechte Entscheidungen in gute Geschichten zu verwandeln, schweißte uns zusammen, aber unsere Freundschaft war dennoch immer nur einen Snapchat davon entfernt, in Vergessenheit zu geraten. Als Teenager haben wir uns bestimmt auch drei oder vier Mal beim MSN Messenger oder bei MySpace geghostet, aber damals liefen die Dinge noch anders: Wenn man sich dann am nächsten Tag in der Schule traf, war alles wieder gut, und ein digitaler Waffenstillstand wurde durch ein erneutes Hinzufügen zur Freundesliste beschlossen.

Als Emily, Kate und ich jedoch über 20 waren, kommunizierten wir so viel über die Online-Kanäle, dass wir uns im echten Leben mit unseren emotionalen Problemen nicht mehr auseinandersetzen konnten. Als mein Vater starb, hatten wir uns schon wochenlang nicht mehr gesehen. Als sich dann keine meiner besten Freundinnen bei mir meldete, wurde ich wütend und realisierte, dass unsere Freundschaft nicht mehr existierte.

Wenn man mit dem Gedanken spielt, eine Person zu ghosten, dann ist einem diese Person wahrscheinlich sowieso nicht wirklich wichtig.

Ich wollte mich auch nicht rechtfertigen müssen, nachdem die beiden nicht mal versucht hatten, nach dem Tod meines Vaters mit mir zu reden. In einer aktuellen Studie wurde herausgefunden, dass 53 Prozent der Leute unter 30 eine Beziehung auf digitalem Weg beenden würden, während der Prozentsatz bei den Über-40-Jährigen nur bei 27 liegt. Ich empfand Ghosting einfach als die angebrachte Art und Weise, zwei Freundschaften zu beenden, die sich sowieso nur noch über das Liken von Fotos und über Messenger-Unterhaltungen definiert haben.

Als ich Emily und Kate bei Facebook, Twitter und Instagram löschte, wusste ich, dass es kein Zurück mehr geben würde—und das, obwohl es eigentlich ziemlich einfach ist, die ganze Sache rückgängig zu machen. Sie waren in Bezug auf Arbeit und Reisen ziemlich eingespannt und ich beschäftigte mich eher mit meiner Trauer und meiner Wut. Diese Umstände bedeuteten, dass wir uns nicht zufällig im Park oder in einer Bar treffen und uns gegenseitig schwören würden, nie wieder wütend aufeinander zu sein. Wenn man als erwachsener Mensch den „Als FreundIn entfernen"-Button anklickt—auch wenn es sich dabei eigentlich nur um einen kleinen und kindischen Akt handelt—, besiegelt man das Ende einer Freundschaft, für deren Reparatur man im echten Leben einfach keine Zeit mehr hat. Das Leben geht weiter. Genau so war es auch in meinem Fall. Es wäre allerdings gelogen, wenn ich hier jetzt behaupten würde, dass ich danach nicht doch noch irgendwie auf einen Anruf oder ein Lebenszeichen gehofft hätte.

Das Ignorieren meiner ehemals besten Freundinnen hat mir jedoch kein befreiendes Gefühl verschafft oder mich mit der Sache abschließen lassen. Stattdessen befinde ich mich jetzt eher in einer Art von digitalem Fegefeuer. Da ich die beiden echt gut kenne, bin ich mir sicher, dass sie mir genauso online nachschnüffeln wie ich ihnen, aber wir können die ganze Sache jetzt nur durch ein Gespräch im echten Leben bereinigen, denn niemand will als Erstes eine erneute Freundschaftsanfrage schicken. Eigentlich ist es eher traurig, dass eine Freundschaft von zusammengenommen 24 Jahren keine Konversation von Angesicht zu Angesicht rechtfertigt, aber ich bin immer noch wütend darüber, wie gefühlskalt sie waren, als ich sie wirklich brauchte.

Motherboard: Die magische Formel: Wie errechnet Facebook, wer unsere Top-Freunde sind?

Bei meinem Ex-Freund wählte ich die gleiche Vorgehensweise. Wir haben uns online kennengelernt, als ich viel reiste, um mich nicht mit der tödlichen Krankheit meines Vater auseinandersetzen zu müssen. Wenn ich jetzt auf die ganze Situation zurückblicke, wird mir klar, dass ich während dieser Zeit quasi dazu bestimmt war, die falschen Leute in mein Leben zu lassen. Nach acht Monaten habe ich plötzlich jeglichen Kontakt abgebrochen und ihn bei Facebook, WhatsApp, Gmail und Flickr geblockt. Als ich herausfand, dass er sich monatelang Zugang zu meinen Accounts verschafft hatte, änderte ich auch noch schnell alle Passwörter. So wie er in mein Leben getreten war, verschwand er auch wieder: mit einem Mausklick.

Das Ganze fiel mir an sich nicht schwer, da der Großteil unserer Beziehung sowieso online ablief. Wir wohnten in unterschiedlichen Zeitzonen und uns trennten Tausende Kilometer. Im Gegensatz zu meinen besten Freundinnen hatten wir keine gemeinsamen Freunde und die Chance, uns zufällig wiederzusehen, war gleich null. Im Grunde zeigte mir mein Verhalten auch, auf welch wackeligen Beinen unsere Beziehung eigentlich gestanden hatte. Wenn man mit dem Gedanken spielt, eine Person zu ghosten, dann ist einem diese Person wahrscheinlich sowieso nicht wirklich wichtig.

Zwar konnte ich durch Ghosting die Beziehungen beenden, die mir nicht gut taten, aber das Ganze sollte trotzdem immer nur der letzte Ausweg bleiben.

Wenn man seine zwischenmenschlichen Beziehungen aufrecht erhält, indem man Online-Nachrichten schreibt, wird die Hemmschwelle der sozialen Interaktion gesenkt, Intimität schneller entwickelt und ein intensiveres Gemeinschaftsgefühl erzeugt. In Wahrheit geht dabei jedoch ein Großteil der emotionalen Bindung verloren. Der neue „Trend", andere Menschen zu ghosten, ist doch eigentlich nur ein Anzeichen dafür, wie flüchtig die zwischenmenschlichen Beziehungen eigentlich sind, die unsere Generation zusammenhalten: Wir können die Menschen in unserem Leben genauso schnell austauschen wie unsere Profilbilder—vor allem dann, wenn wir uns vor diesen Menschen im echten Leben nicht rechtfertigen müssen.

Zwar konnte ich durch Ghosting die Beziehungen beenden, die mir nicht gut taten, aber das Ganze sollte trotzdem immer nur der letzte Ausweg bleiben. Es hat mein Trauergefühl eigentlich nur noch weiter verstärkt und in mir eine gewisse Leere erzeugt. Ich werde immer noch von der Erinnerung verfolgt, wie mein einst kräftiger Vater durch seine Krankheit vor meinen Augen verkümmerte, während die drei wichtigsten Personen in meinem Leben nicht für mich da waren. Wenn ich letztes Jahr irgendetwas gelernt habe, dann folgende Tatsache: Alles ist vergänglich. Die Verbindung zu geliebten Menschen kann schnell kaputtgehen und die vermeintlichen Qualitäten von familiären und freundschaftlichen Beziehungen können durch Wut, Verlust und Krankheit weggewischt werden. Für mich ist es jetzt wichtiger denn je, mich mit Menschen zu umgeben, mit denen auch im echten Leben eine bedeutsame Interaktion möglich ist.

*Alle Namen wurden geändert