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Die schrecklichsten Zweck-WG-Geschichten

Wie WGs einen Soziopathen aus dir machen können. Und warum es besser ist, alleine zu wohnen.

von Dimitrij Wall
04 November 2015, 12:03pm

Foto: Thomas Gothier

Vor einigen Monaten habe ich endlich mein Studium abgeschlossen. Für viele meiner ehemaligen Kommilitonen war das ein Ereignis, das sie vor allem traurig stimmte. Jetzt müsse man wohl oder übel arbeiten. Könne nicht mehr nur so tun, hieß es. Natürlich alles Fälle der Papa-zahlt-das-schon-Charakterschwäche. Und doch scheint die Welt mehr denn je am Ende. Aber dazu gleich mehr.

Ich jedenfalls bin alles andere als traurig. Zu viel Energie hat mir das Studium geraubt. Zu sehr hat es mich mit verblödeten Projekten und endlosen Präsentationen gequält. Aber das ist jetzt Geschichte, so wie Videorekorder Geschichte sind. Doch das aller Beste an einem Leben als Arbeitnehmer (mag der Beruf noch so beschissen sein): Keine WGs mehr. Und schon gar keine Zweck-WGs. Nie wieder. Endlich ein Duschvorleger ohne Spermaflecken anderer und ein Abfluss, der frei von Schamhaaren ist.

Endlich keine Putzpläne, an die sich ohnehin niemand halten konnte, keine Streitereien um den letzten Joghurt oder zu laute Musik. Vorbei auch die Zeit der dunkelbraunen Bremsspuren in der edlen Keramikschüssel oder dem ständigem Besuch von Kifferfreunden: Ich wohne jetzt in einer 2-Zimmer-Wohnung mit Balkon, Bitches. Und trotzdem erzähle ich euch jetzt mal was über WGs:

Meine erste WG

Sicher, ein Misanthrop meines Formats sollte nicht in eine 6er-WG ziehen. Aber die Stadt war klein, der Wohnraum knapp und die Studenten zahlreich. Dafür oder gerade deshalb gab es reichlich Sex, was—abgesehen von der Unordnung—das größte Problem bei einer solch großen WG ist. Denn je mehr Mitbewohner man hat, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass früher oder später einer von ihnen besoffen genug ist, dass er oder sie versucht, euch zu ficken. Bei mir hat das etwa vier oder fünf Monate gedauert. Aber vorher verlegte ich in der Küche noch neues Laminat, verpasste den Wänden einen frischen Anstrich und mietete ein Auto, um den Balkon von den Pfandflaschen und allerlei anderem Müll zu befreien. Die WG-Oberste, selbstverständlich in einer festen Beziehung, schien das zu beeindrucken.

Betrunken schlich sie sich eines Nachts in mein Zimmer und wollte meinen Schwanz aus meiner Boxershort fischen. Weil ich die Vergewaltigung unterband, musste ich mir dann anhören, dass ich ein „verkappter Homo" sei. Und mein Schwanz bestenfalls ein mickriges Würstchen. Tja, das alles sagte sie im betrunkenen Zustand. Aber nachdem sie wieder nüchtern war, ließ sie sich nie wieder blicken. Wir trafen uns weder zufällig im Flur noch in der Küche. Ich verließ dann nicht nur die WG, sondern auch die Stadt. Tja, meine liebste Ex-Mitbewohnerin, niemals wirst du in den Genuss meines 12-Zentimeter-Schlägers kommen.

Meine erste und einzige Zweck-WG

Schwer traumatisiert begann ich mit der Suche nach einer neuen WG. Nun in Berlin. Zu Beginn meiner Suche legte ich keinen Wert darauf, wie sich die einzelne WG definierte. Unabhängig vom Terminus der Zweck- oder Feier-WG suchte ich erst mal nur nach einem Dach über dem Kopf. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass sich viel mehr Menschen auf Anzeigen bewarben, wenn die Bewohner in der Anzeige geschrieben hatten, dass sie abends gerne mal ein Bierchen oder ein Weinchen trinken oder Wert darauf legen würden, zusammen zu kochen. Diese Hobby-Bohlens und ihre WG-Castings gingen mir schnell auf den Sack. Also ging ich dazu über, mich ganz bewusst nur bei den Leuten zu melden, die in ihrer Anzeige behauptet hatten, keinen Wert auf zwischenmenschlichen Kontakt zu legen. Und siehe da, am Ende konnte ich mir sogar eine WG aussuchen.

Nach kurzem Überlegen entschied ich mich für eine WG-Konstellation, die es mir ermöglichte, die gesamte Woche über alleine zu wohnen. Nur am Wochenende bekam ich meinen arbeitswütigen Mitbewohner zu Gesicht. Meist grüßten wir uns kurz in der Küche und verzogen uns wieder auf die Zimmer. Aber Berlin und das Geld sollten dieser perfekten Beziehung ein Ende setzen.

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Ich begann zu feiern und am Wochenende weder zu schlafen noch zu essen. Ich hörte laut Musik, lud meine neuen Freunde und Freundinnen ein, während mein Mitbewohner versuchte, sich von einer harten Arbeitswoche nach der anderen zu erholen. Auch Geld belastete unser Verhältnis zunehmend. Erst kam die Heizkostennachzahlung, dann die Stromrechnung. Und hauptverantwortlich waren natürlich meine Playstation und ich.

Zugegeben, für jeden halbwegs klaren Menschen wäre es ein Leichtes gewesen, abzusehen, wohin das führen würde. Aber für einen frischgebackenen Berliner und ambitionierten Partygänger, der durchs Leben torkelt, waren das bloß lästige Nebensächlichkeiten. Und so traf mich sein „Wir müssen mal reden" völlig unerwartet.

Eine WG mit einem Kumpel, die sich zur Zweck-WG entwickelte

Wie das bei Konsumenten von Alkohol und Drogen so ist, lösen sich die Probleme meist von alleine. Ein Freund, der gerade nach Berlin gezogen war und einen Mitbewohner suchte, meldete sich bei mir und plötzlich hatte ich eine neue Bleibe. Aber auch hier stellten sich nach kurzer Zeit Probleme ein. Als Mensch war mein Kumpel wunderbar, das ließ sich nicht abstreiten. Aber als Mitbewohner war er nicht zuletzt aufgrund seiner Hygiene unerträglich. Er wusch sich, wenn es hoch kam, einmal die Woche. Und wenn es mal dazu kam, dass er seine Kleidung in die Waschmaschine warf, dann lagen sie anschließend den Rest der Woche da drin. Wie das riecht, muss ich niemandem erklären.

Irgendwann legte er sich dann auch noch einen Kater zu, der ständig überall hinpisste und -schiss. Und alles, was mein Freund dagegen tat, war, Zeitungspapier darüber zu legen. Ich gab dem Kater also einen neuen Namen (Özdemir, er hat so einen wuchtigen Schnurrbart), ließ ihn kastrieren und brachte ihm bei, ins Katzenklo zu scheißen. Mein Kumpel bemerkte das alles nicht einmal. Und als wir dann irgendwann mit Bratpfannen aufeinander losgingen, war es das Ende für Freundschaft und WG.

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Meine erste eigene Bude

Heute leben Özdemir und ich alleine in einer großen Zwei-Zimmer-Wohnung. Im Kühlschrank liegt immer mindestens ein kühles Bier und alles ist sauber und ordentlich. Und im Sommer liegt Özdemir gerne auf dem Südbalkon und sonnt sich. Gefeiert wird nur noch selten. Aber dafür versucht niemand, mich zu vergewaltigen. Manchmal liege ich allein im Bett und überlege, das zweite Zimmer zu vermieten. Doch Özdemir hätte sicher etwas dagegen.