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… muss leiden

Wie ich auf einer Party für illegale Schönheitsbehandlungen landete

Weil ich meine Nase nicht mag, liege ich plötzlich in einem dunklen Club und lasse mir Hyaluronsäure spritzen. Keine gute Idee.

von Julia Habla
26 September 2018, 7:20am

Symbolfoto: imago | fStop Images

Wie viele junge Frauen bin auch ich nicht ganz zufrieden mit meinem Körper. Ich bin zwar selbstbewusst und kann den ein oder anderen bösen Kommentar wegstecken, aber manchmal fühle ich mich unsicher – wegen meiner Nase. Ich halte sie für den grössten Makel an mir. Anderen sitze ich am liebsten frontal gegenüber, ich mag es nicht, wenn mir jemand aufs Profil starrt. So schlimm, dass ich mich deswegen operieren lassen würde, finde ich sie dann aber auch nicht.

Aber als ich eine Instagram-Seite entdecke, auf der Nasenkorrekturen mit Hyaluronsäure angeboten werden, bin ich sofort interessiert.

Bei der Methode wird die Nase ober- und unterhalb des Höckers aufgespritzt, wodurch sie im Profil gerade erscheint: die Wölbung auf dem Nasenrücken verschwindet einfach. Die Resultate auf den "Vorher-Nachher-Bildern" der Seite sind unglaublich. Selbst die krummsten und grössten Nasen verwandeln sich in kleine Stupsnäschen.


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Sara nennt sich die Frau hinter der Seite. Ihr Kosmetikstudio liege in Bochum, schreibt sie. Zu weit weg für mich, ich wohne in Stuttgart. Da gibt es zwar auch eine Praxis, die kleinere Schönheitskorrekturen anbietet, aber die 520 Euro pro Behandlung sind mir definitiv zu teuer. Zumal die Säure innerhalb weniger Monaten vom Körper abgebaut wird – und ich meine alte Nase deshalb ziemlich bald wieder habe.

Ich will Sara und ihre illegalen Geschäfte nicht decken, aber weil ich mich erst nach der Behandlung entschlossen habe, darüber zu schreiben, und mich nicht als Journalistin vorgestellt habe, habe ich ihren Namen hier leicht verfremdet. Auch weil ich nicht aus Versehen für sie Werbung machen will –denn offensichtlich gibt es noch viele andere junge Frauen wie mich. Frauen und Mädchen, die sich so sehr ein perfektes Äusseres wünschen, dass sie auch dieses dubiose Setting nicht abschreckt.

Wo zur Hölle will sie mir auf der grössten Partymeile der Stadt weiss der Geier was spritzen?

Ein Donnerstag, Anfang August. Wie jeden Tag schaue ich meine Instagram Stories durch. Oh. Mein. Gott. Mir stockt der Atem. Sara kommt nach Stuttgart! Und auf jede Behandlung – die sonst 300 Euro kostet – gibt es 50 Euro Rabatt! Seit jeher verurteile ich Frauen, die sich ihre Brüste für einen Tausender im Ausland machen lassen, aber bei einer kleinen nicht-operativen Nasenkorrektur wird es schon nicht so schlimm sein, ein paar Euro zu sparen. Da muss ich zuschlagen.

Bei Interesse soll man sich bei ihr über WhatsApp melden, steht auf Instagram. Das tue ich.

Die genaue Adresse werde ich zwei Tage vorher erfahren, antwortet sie. Das fühlt sich schon etwas illegal an. Wie bei einer Lösegeldübergabe oder einem Date mit einem Drogendealer. Ich schreibe Sara eine Nachricht und frage, ob ich auch mit Karte bezahlen kann. "Nur Barzahlung möglich, Liebes" kommt zurück. Okay, war klar, die macht das schwarz, denke ich. Noch unseriöser und irgendwie unheimlich wird es, als Sara mir ein paar Tage später die Adresse schickt. "Eingang direkt neben der Shishabar", schreibt sie.

Ich kenne besagte Shishabar, sie liegt auf der grössten Partymeile Stuttgarts. Wo zur Hölle will die mir denn da Botox, Hyaluronsäure oder weiss der Geier was in die Nase spritzen?

"Vielleicht ist da ja eine Arztpraxis, die sie mietet. Sonntags haben die eh zu", denke, nein, wünsche ich mir. Es ist nicht schwer herauszufinden, dass Sara allem Anschein nach gar kein Kosmetikstudio in Bochum hat: Ich finde weder ein Impressum noch eine Homepage. Auf ihrer Instagram-Seite, mit immerhin fast 100.000 Followern, steht lediglich "Nur WhatsApp" und eine Nummer, dazu der Standort: Bochum.

"Was wollen die denn hier?" "Die Nase"

Zwei Tage später. 14:15 Uhr. Ich laufe die Theodor-Heuss-Strasse entlang, die ich eigentlich nur bei Nacht kenne. An der Shishabar angekommen, führt eine schmale, schwarze Treppe nach oben. Es ist keine Arztpraxis, sondern ein Club. Dunkle Wände, dunkler Boden. Es riecht wie ich, wenn ich nach einer durchzechten Nacht aufwache. Nach Rauch, Red Bull und Alkohol. Ewig habe ich nach einem Parkplatz gesucht und Sara geschrieben, dass ich mich verspäten werde.

Jetzt verstehe ich, warum ich keine Antwort bekommen habe: Mehr als 30 Mädchen stehen bereits Schlange. Alle bildhübsch. Wäre heute Partybetrieb, der Clubbesitzer würde sich freuen.

"Was wollen die denn hier?", frage ich erst mich und dann eine vielleicht-20-Jährige, die eingepfercht neben mir in der Schlange vor der Garderobe steht. "Die Nase", antwortet sie. Sie zeigt mir ihren vermeintlichen Makel. "Von der einen Seite ist sie schön, aber von der anderen Seite nicht. Da ist so eine kleine Wölbung, siehst du, hier." Ich sehe: nichts. Nach ihrer Behandlung sehe ich: nichts. Keinen Unterschied zu davor. Aber der Reihe nach.

Wir stehen also direkt vor dem Eingang zum Club und es geht los, als eine Frau, die an der Garderobe steht, in die Runde schreit: "Wer macht die Lippen? Dann bitte herkommen, ich gebe euch eine Betäubungscreme drauf." Neben der Nasenkorrektur, bietet Sara auch "Lippen- und Kinn-Unterspritzungen" an.

Das stinkt doch gewaltig hier

Wie beim Servicecenter der Bahn zieht jeder nacheinander eine Nummer und setzt sich in den Loungebereich auf eines der Sofas, die rund um die Tanzfläche aufgestellt sind. Hier sind letzte Nacht sicherlich viele Korken geknallt, denke ich mir. Es ist dunkel. Zu dunkel, um im Gesicht anderer herumzuspritzen. Das fällt auch dem Mädchen auf, das neben mir sitzt: "Boah, ich weiss ja nich. Machst du’s? Ich hab irgendwie schon Schiss." "Weiss ich noch nicht", antworte ich.

Erst jetzt sehe ich, dass der Behandlungsraum der Raucherbereich des Clubs ist. Hinten im letzten Eck liegt er, direkt neben der Bar. Durch das kleine Fenster sehe ich Sara nun zum ersten Mal, allerdings ziemlich verschwommen. Etwa 15 Meter von der Lounge entfernt, bereitet sie ihre Eingriffe vor. Was ich erkennen kann: Sara leuchtet die Gesichter ihrer Klientinnen lediglich mit einer Kosmetiklampe aus.


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"Die Erste, bitte!" Es geht los. "Zu 60 Prozent mache ich das nicht", sage ich zu meiner Nebensitzerin. "Das stinkt doch gewaltig hier."

Die Stimmung ist angespannt. Nicht nur bei mir. Plötzlich läuft ein gut gebauter Mann mit dunklem Haar und dichtem Bart über die Tanzfläche rüber zur Bar. Ob er Saras Mann ist? Auf Instagram steht, das sie verheiratet ist und ein Kind hat.

Er stellt eine Musikbox auf den Tresen. Es läuft – wie passend – klassische HipHop-Clubmusik. Von Drake über RAF Camora. Ich sehe sie vor mir, die Mädels in Airmax und bauchfreien Tops, die hier letzte Nacht zu den gleichen Beats getanzt haben. Soll sicher die Stimmung auflockern, vertrauenswürdiger macht die JBL Box die Situation allerdings nicht.

Soll ich, soll ich nicht? Scheiss drauf …

Ein Mädchen nach dem Anderen verlässt den Raucherbereich. Die eine mit dickeren Lippen, eine andere mit einer geraden Nase. Ich erinnere mich an einen Artikel, den ich mal in irgendeiner Zeitschrift gelesen hatte. Schöne Menschen konzentrierten sich viel mehr auf ihr Äusseres als andere, hatte die Autorin behauptet, weil ihnen durch ihre Schönheit Aufmerksamkeit und Liebe zuteilwerde, auf die sie nicht verzichten wollten. Deswegen seien sie eitler und kritischer mit sich selbst. Diese Veranstaltung hier scheint diese Theorie zu bestätigen.

Ich bekomme Mitleid mit den Mädchen. Am liebsten würde ich sie einmal wachschütteln und ihnen ins Gesicht schreien, dass sie das hier doch gar nicht nötig haben. Aber ich bin ja auch da. "Numma Zweiunddreissisch!" – ich bin dran. Soll ich, soll ich nicht? Ich schaue auf die perfekten Nasen der Mädels neben mir: "Scheiss drauf, ich mach’s."

Da sitzt sie in ihrem Kämmerlein: Sara. Auf Instagram hatte sie was von Kim Kardashian. Schöne Lippen, eine perfekt geschwungene Nase, grosse Augen und ein ausgeprägtes Kinn. In Real Life könnte sie die Schwester von Harald Glööckler sein. Die Lippen sind so aufgespritzt, dass sie sie kaum mehr schliessen kann und ihr Gesicht ist so glatt, dass ich nicht erkennen kann, ob sie fröhlich, traurig, oder genervt ist.

Ich schmeisse mich auf die Gartenliege (kein Witz, es war wirklich eine Gartenliege), die den Behandlungsstuhl ersetzen soll. Normalerweise bräune ich mich auf so einem Teil, aber heute lasse ich mir darauf ein neues Näschen zaubern. Ich schaue, ob sie auch wirklich eine neue Nadel nimmt. Nimmt sie. Immerhin.

Ich fühle, wie sich die Flüssigkeit unter meiner Haut ausbreitet

"Ganz locker bleiben", sagt sie, während ich die Nadel in ihren Händen, vor meinem Gesicht sehe. Mir schiessen die Tränen in die Augen, als die Nadelspitze sich durch meinen Nasenrücken bohrt. Erst ein Stich über dem Höcker, dann einer unter dem Höcker und schliesslich noch einer von unten in die Nasenspitze, mitten rein in den Knorpel. Autsch. Das tut noch mehr weh. Ich fühle, wie sich die Flüssigkeit unter meiner Haut ausbreitet. Fünf Minuten später ist alles vorbei.

Das ging fix. Ich soll das Ergebnis begutachten.

"Hmm, also über dem Höcker ist noch eine Mulde, kannst du da noch nachspritzen?", frage ich Sara. "Könnte ich schon, aber das wird nicht gut aussehen. Du musst nochmal zur Nachbehandlung kommen. Die kostet nur 180 Euro." Aha. Da ist der Haken. Mit der Nachbehandlung, die bei professionellen, medizinischen Studios gratis ist, ist Saras Preis plötzlich nur noch 90 Euro günstiger.

Ich zahle gegenüber der Gartenliege bei der Frau von der Garderobe. Sie sagt mir, dass ich die nächsten zwei Wochen die Sonnenbank meiden, nirgends mit meiner Nase hinboxen und drei, vier Tage keinen Sport machen solle. "Nimm Ibuprofen sechshundert für die Schwellung", ruft Sara mir noch zu, die bereits die nächste Kundin auf dem Gartenstuhl hat. Ibuprofen 600 ist verschreibungspflichtig, wird also schwierig. "Dann halt vierhundert, is auch okay."

Daraufhin verlasse ich Saras Gesichterwerkstatt, das kleine Kämmerlein, das nach 22 Uhr als Raucherbereich fungiert. "Wird das noch abgedeckt?", frage ich. Meine Nase ist blutig und ich will nur ungern so auf die Strasse gehen. "Nee, das machen wir nicht." Ok. Danke. Ciao.

Eigentlich weiss ich doch, dass das Quatsch war

Direkt draussen vor der Tür fange ich an, zu bereuen. Das Ergebnis gefällt mir nicht. Meine Nase wirkt jetzt grösser und ist breiter. Ausserdem schäme ich mich. Ich habe doch eigentlich genug Verstand, um mich auf so etwas offensichtlich Illegales und Unprofessionelles nicht einzulassen. Ich weiss eigentlich, dass man Medizin studiert haben muss, um Botox, Hyaluronsäure oder andere Arten von Nervengift spritzen zu dürfen. Zudem braucht man eine Zusatzausbildung.

Mir fällt auch auf, dass einige Mädchen noch gar nicht volljährig sein konnten – juckte natürlich keinen. Ein Formular, bei dem man etwaige Allergien oder Medikamente, die man regelmässig nimmt, angeben konnte, gab es nicht. Lediglich den Vor- und Zunamen sollte man ihr anfangs per WhatsApp schicken. Ich wollte das alles nicht wahrhaben. Ich habe all die Hinweise zwar gesehen, aber direkt von mir weggeschoben.

Ja, ich finde meine Nase scheisse und fühle mich deswegen immer wieder unwohl. Insgeheim denke ich, dass mich andere mehr mögen würden, wenn meine Nase kleiner wäre. Dass ich mehr Anerkennung bekommen würde, wäre sie gerader. Dabei weiss ich doch eigentlich, dass das Quatsch ist. Selbstzweifel haben mich noch nie weitergebracht. Im Gegenteil. Sie engen mich ein. Und das will ich nicht. Nicht mehr.

Seit der Begegnung mit Sara zwinge ich mich dazu, mich anderen Leuten aus dem Profil zu zeigen. Und siehe da, es wird besser. Die Komplexe verschwinden langsam. Ihnen nicht nachzugehen ist der erste Schritt in Richtung Selbstliebe. Und Selbstliebe heisst sich, rundum zu akzeptieren. Mit und ohne Höcker, mit schmalen und dicken Lippen oder grossen und kleinen Brüsten.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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