Bild: Screenshot | YouTube | Ephemeral Rift

YouTuber 'Ephemeral Rift' ist der heimliche Flüstergott des Internets

Für seine ASMR-Videos züchtet er Gummistiefel in Hamsterkäfigen, massiert Gehirne und holt die AK47 raus. Und macht so aus deinem Gehirn garantiert Zuckerwatte.

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19 März 2019, 10:04am

Bild: Screenshot | YouTube | Ephemeral Rift

"Ob du's glaubst oder nicht: Manche Menschen sagen, Stiefel sind da, um sie im Regen zu tragen", murmelt der YouTuber Paul, während er zärtlich mit den Fingern über einen grünen Gummistiefel trommelt. "Andere Menschen sagen, Stiefel wurden hergestellt, um gute, entspannende Geräusche zu erzeugen."

Die Theorie mit den entspannenden Geräuschen muss ohne Zweifel stimmen, denn Pauls trommelnde Finger auf dem Stiefelgummi beruhigen mich. Es fühlt sich an, als würde mir jemand warmen Honig auf den Kopf träufeln, der langsam den Rücken hinabfliesst. Für einen Moment bin ich überzeugt: Wer sich Stiefel wirklich über die Füsse zieht, statt sich mit ihrer Hilfe zu entspannen, muss ein Idiot sein.

Das denken sich wohl auch die Abonnentinnen und Abonnenten von Pauls YouTube-Kanal Ephemeral Rift sowie eine Reihe von Psychologinnen, die die entspannende Wirkung von Videos wie diesem seit einigen Jahren untersuchen. Eine wachsende Community aus Millionen Flüster- und Knisterfans hat dem Phänomen den Namen ASMR gegeben, ein englisches Kunstwort, das sich mit "persönliches Hochgefühl der Sinne" übersetzen lässt.

Einige Menschen spüren bei ASMR-Videos schlichtweg nix, für andere ist es wie eine Massage ohne Anfassen. Inzwischen gibt es Dutzende Influencer, die sich mit nichts anderem befassen als mit der Produktion von ASMR-Videos. Und Paul ist nicht nur einer von ihnen, er ist der kreativste. Im Vergleich zu anderen englischsprachigen YouTubern ist er mit seinen 615.000 Abonnenten aber noch immer ein Geheimtipp.

Ephemeral Rift will dein Gehirn amputieren

Inzwischen hat Paul minutenlang weiter in seinen Bart gemurmelt. "Stiefel geben hervorragende Haustiere ab", erzählt er, und irgendwo in meinem zu Zuckerwatte gewordenem Gehirn spüre ich den Impuls, loszuprusten. Haustier-Stiefel, im Ernst?

Was sich Paul unter Haustier-Stiefeln vorstellt, zeigt er in einem anderen Video, "How to care for a pet boot": In einem Hamsterkäfig haust Pauls grüner Gummistiefel gebettet auf einem Häufchen Stroh. Er lebt dort, um gute Geräusche zu machen, das ist ja wohl mal klar. "Gerade schläft er", sagt Paul, während er ihm eine Trinkflasche an den Käfig heftet, gefüllt mit Feuerzeugbenzin, "sein Lieblingsgetränk". Es scheint, Pauls Fantasiewelt wird mit jedem Video abgedrehter.

In seinem Video "Massaging your brain" streichelt Paul vor laufender Kamera ein Plastikgehirn, während er mir als Zuschauer erklärt, dass dieses Gehirn niemand anderem gehöre als mir selbst. Er habe das Gehirn zwar aus meinem Schädel entfernt, sagt er, aber an allen wichtigen Nervenenden seien kleine Sensoren, die eine kabellose Verbindung mit meinem Körper aufrecht erhalten. Die Story ist buchstäblich hirnlos, aber das Video ist unfassbar entspannend. Hat Paul einen Knacks?

"Ich bin einfach eine durchschnittliche Person", sagt mir Paul am Telefon, als ich im Sommer mit ihm über ASMR spreche. "Ich will aus dem, was ich tue, kein grosses Ding machen". Er sei in Philadelphia aufgewachsen und lebe dort noch immer. "Ich arbeite in meinem Keller, das ist mein Arbeitsplatz. Ich versuche, keine Nachrichten zu schauen, benutze kaum soziale Medien. Ich verstehe mich als Tonproduzent."

Der Schlüssel zu Pauls Flüster-Œuvre

Doch Paul ist mehr als das. Andere YouTuberinnen verstehen ihre ASMR-Videos eher wie eine blosse Dienstleistung. Sie gestalten ihre Videos wie einen Wellness-Besuch, sagen Dinge wie: "Ich hoffe, du kannst jetzt schnell einschlafen", nachdem sie konzentriert eine Portion Luftpolsterfolie bearbeitet haben. Doch bei Paul ist das anders. Für ihn ist ASMR eine Weltanschauung.

In seinem Video "Communist ASMR" trägt Paul eine flauschige Uschanka. Er spricht die Zuschauer als "Kameraden" an und wiederholt mantrahaft das Wort "Communism" als Trigger, das heisst: als Wort, das durch seine Wiederholung die kribbelnde ASMR-Entspannung auslösen soll. Dabei trommelt er vor einer blutroten Sowjetflagge auf einem Sturmgewehr herum, "AK47" sagt er.

Viele werden das als pure Provokation verstehen, doch es ist der Schlüssel zu Pauls Flüster-Œuvre. In Pauls fiktiver ASMR-Welt werden nämlich nicht nur Stiefel hergestellt, um vor allem der Entspannung zu dienen, sondern auch Gewehre. Auf seinem Blog bezeichnet sich Paul unter anderem als Nihilist und Zyniker. Aber er streichelt eine AK47 nicht etwa, weil ihm alles im Leben egal ist. Im Gegenteil.

Wenn Pauls ASMR-Videos eine Weltanschauung transportieren, dann ist es diese: Alles auf der Welt kann deiner Entspannung dienen, und jedem Ding wohnt etwas Lässiges inne. Mit dem Video "Communist ASMR" will Paul nicht etwa erschossene Menschen verhöhnen, sondern zeigen, wie tröstlich die Welt sein kann, wenn man ihr zumindest für die Länge eines YouTube-Videos unterstellt, dass sie vor allem der Entspannung dient.

In keinen Videos wird das so deutlich wie in jenen, in denen Paul als nicht-menschliches Wesen auftritt und absolut unverständliche Dinge murmelt, Kunstsprachen, die vor allem nichts bedeuten. Verkleidet als Amphibien-Wesen mit Latexhaut und Schwimmhäuten zwischen den Fingern köpft Paul zum Beispiel eine Ananas mit der Axt und pult mit einer Gabel das Fruchtfleisch heraus. Dabei nuschelt er Silben, die sich ungefähr mit krchtm tschtrp transkribieren lassen. Und in jeder Sekunde des knapp 50-minütigen Videos ist klar: Der einzige Sinn dieser absurden Zeremonie ist die Entspannung, die beim Zuschauen und Zuhören entsteht.

Nach mehreren Wochen in Pauls ASMR-Universum bin ich mir sicher, seine Videos gehören ins Nachtprogramm von TV-Sendern und in Museen für moderne Kunst. Sie gehören in die Wartehallen von Flughäfen, auf die Dauerschleifen-Bildschirme von Hotel-Lobbys, in die Kopfhörer von allen, die nachts nicht einschlafen können. Und irgendwo in einem Hamsterkäfig in Pennsylvania steht ein Haustier-Stiefel, und dass dieser Stiefel vor allem Entspannung dient, ist eine durch und durch beruhigende Nachricht.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.