Homosexualität

Wie es war, als schwules Kind in einem DDR-Dorf aufzuwachsen

"Im Klassenzimmer stand eine einzelne Bank, wo ich alleine sitzen musste. Die Lehrerin stellte einen Antrag, mich in ein Heim zu stecken."

von Johannes Musial
10 März 2017, 8:16am

Immer, wenn er an sich zweifelt, schaut Daniel Schreiber auf sein rechtes Handgelenk. Dort hat er sich das Wort "Grace" tätowieren lassen – Anmut. Dann denkt er: Das Leben ist schön.

Es hat lange gedauert, bis er gelernt hat, sich selbst zu lieben. Schuld daran sind auch die Erlebnisse seiner Kindheit. Er wuchs in den 70er und 80er Jahren in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern auf. Damals zog sich eine Mauer durch Deutschland und auch durch die Köpfe. Jungen sollten mit Autos spielen und sich in Mädchen verlieben.

"In Amerika gibt es das Sprichwort, dass es eines ganzen Dorfes bedürfe, um ein Kind zu erziehen. Es braucht aber auch ein ganzes Dorf, um ein Kind zu misshandeln", schreibt Schreiber in seinem neuen Buch Zuhause über diese Zeit. Daraufhin begibt er sich auf die Suche nach der Frage, die sich jeder irgendwann stellt: Wo gehöre ich hin?

Neben einer Biografie der amerikanischen Schriftstellerin Susan Sontag hat der 39-Jährige zuvor auch den Bestseller Nüchtern verfasst, in dem er über seinen Weg aus der Alkoholabhängigkeit schreibt.

Im Interview mit VICE erzählt er, wie es war, als Schwuler in der DDR aufzuwachsen, und wie er sich fühlt, wenn er heute sein Heimatdorf besucht.

VICE: Was hat dich von anderen Jungen im Dorf unterschieden?
Daniel Schreiber: Ich war ein feminin wirkender Junge und wollte eigentlich lieber ein Mädchen sein. Mit meiner älteren Schwester habe ich viel Zeit verbracht und fand auch ihr Spielzeug besser. Bis heute mag ich keine Autos.

Das war ein Problem.
Jedenfalls bekam ich das zu spüren. Kindergärtnerinnen sagten zu mir, dass ich mich doch lieber wie ein Junge verhalten solle. Sie haben geglaubt, dass ich zu viele weibliche Hormone habe. Das ist etwas, das heute komplett unvorstellbar klingt. Sie haben mich tatsächlich zu einer Reihe von Ärzten geschickt, die mich testen sollten.

Und?
Meinst du die Frage ernst? Sie fanden nichts Ungewöhnliches ...

Dann bist du in die Schule gekommen.
Ich hatte das Pech, in eine Volksschulklasse mit einer ziemlich sadistischen Lehrerin zu kommen. Anderen Kindern hat sie gesagt, sie dürften nicht mit mir reden, da ich "nicht normal" sei. Im Klassenzimmer stand eine einzelne Bank, wo ich alleine sitzen musste. Dann hat die Lehrerin einen Antrag gestellt, mich in ein Heim zu stecken. Meine Eltern mussten lange kämpfen, um das zu verhindern. Später kam heraus, dass diese Lehrerin in der Stasi war.

Hattest du selbst das Gefühl, "anders" zu sein?
Zunächst nicht. Man nimmt als Kind ja vor allem wahr, dass andere Menschen einen als anders ansehen. Man versteht selbst nicht, was an einem denn so anders sein soll.

Wann wusstest du, dass du schwul bist?
Ich hatte als Kind irgendwann eine Ahnung davon, konnte das aber lange nicht in Worte fassen. Und ich wusste auch nicht, was das sein soll: "schwul". Wie findet man die richtigen Worte? Nicht nur, um es anderen zu sagen, sondern auch zu sich selbst. Meinen beiden besten Freundinnen habe ich es gesagt, als ich 14 war. Vor meinen Eltern hatte ich mein Coming-out mit 19.

Wie haben deine Eltern reagiert?
Sie waren absolut nicht überrascht. Ich glaube, dass sie sich zu dem Zeitpunkt schon damit abgefunden hatten – auch wenn sie damals nicht so selbstverständlich damit umgegangen sind wie heute. Wenn mittlerweile jemand was gegen Schwule oder Lesben sagt, dann halten sie dagegen.

Die DDR war ein Staat, der Freiheit gepredigt, aber seine Bürger hinter einer Mauer eingesperrt hat. Wie war das beim Thema Homosexualität?
Homosexualität stand bis 1968 unter Strafe und danach hielt man sie für eine psychische Krankheit. Selbst die Weltgesundheitsorganisation hat sie ja erst 1992 von ihrer Liste der Krankheiten gestrichen. Es gab keine wirkliche Schwulenbewegung in der DDR. Die meisten Menschen verhielten sich herablassend gegenüber Schwulen und Lesben. Die Stasi beobachtete schwule Männer. Viele von ihnen wurden drangsaliert, weil sie nicht ins System passten.

Wie hat dich diese Zeit geprägt?
Man selbst kann so etwas immer schlecht beantworten. Aber ich kann sagen, dass ich wie viele andere queere Menschen auch lange einen ausgeprägten Selbsthass gespürt habe. Das ist eine direkte Folge einer solchen Zuhauselosigkeit oder Ausgrenzung als Kind. Es gibt Studien, die eine große Gesundheitslücke zwischen heterosexuellen und schwulen Männern zeigen: dreimal so viele Suizide, psychische Krankheiten, Depressionen und Abhängigkeitserkrankungen. Ich selbst habe elf Jahre lang Psychoanalyse gemacht und mich viel mit mir auseinandersetzen müssen. Ich weiß nicht, wer ich wäre, hätte ich das nicht getan. Irgendwann ist man wohl auch für schlimme Erfahrungen dankbar.

Wie denkst du heute über die DDR?
Viele meiner Freunde haben positive Erinnerungen an die DDR, die ich nicht habe. Man vergisst, dass Kinder in der DDR immer ein Objekt staatlicher Umerziehungsmaßnahmen waren, die oft mit großer Grausamkeit durchgesetzt wurden. Das reichte von Wehrunterricht bis zu Jugendwerkhöfen. Es gibt einige Menschen, die sich nostalgisch an jene Zeit erinnern. Und sie haben bestimmt auch ihre Gründe, aber dafür müssen sie extreme Missstände außer Acht lassen.

In deinem neuen Buch erzählst du von deinen Erfahrungen in der DDR. Warum?
Es geht darum, was die Idee von Zuhause für uns heute noch sein kann. Das Kapitel über meine Kindheit habe ich eingefügt, weil ich auch ein Gefühl von Zuhauselosigkeit beschreiben wollte, das viele Schwule, Lesben und Transgender haben. Die meisten hatten ähnliche Erfahrungen wie ich. Man bekommt zu spüren: Du gehörst hier nicht hin. Du hast kein Recht zu reden, kein Recht zu existieren. Das beschäftigt einen ewig. Wer solche Erfahrungen nicht gemacht hat, kann das nur schwer nachvollziehen. "Habt euch doch nicht so!", heißt es dann.

Was ist das Problem an solchen Aussagen?
Wir leben in einer Welt, in der es scheint, als sei alles in Ordnung. Das ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil: Wir sehen, dass wieder offen gegen Homosexuelle und Transgender gehetzt wird. Eine Sache, von der viele denken, sie sei beständig, sind die Rechte, die wir uns erkämpft haben – Schwule, Lesben, Transgender und auch Frauen. Gerade erleben wir, wie schnell sie uns wieder weggenommen werden können. Man braucht nur nach Russland zu gucken und nach Amerika. Wir müssen diese Rechte mit allen Mitteln verteidigen.

Deine Eltern leben immer noch in dem Dorf, in dem du aufgewachsen bist. Wie ist das für dich, wenn du sie besuchst?
Würden sie nicht dort wohnen, würde ich nicht hinfahren. Ich habe sie sehr gern und versuche, sie einmal im Monat zu besuchen. Aber ich habe jedes Mal, wenn ich dann anderen Menschen begegne, ein unwohles Gefühl.

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