10 Fragen

10 Fragen an eine Alleinerziehende, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Fühlst du dich wie eine schlechte Mutter? Hast du schon einmal bereut, ein Kind bekommen zu haben? Wie oft hast du noch Sex?

von Sebastian Goddemeier
04 Juni 2018, 6:57am

Alle Fotos: Hakki Topcu

In der Schule waren sie die schlimmsten Tage: Grossveranstaltungen wie Sportfeste, Elternsprechtage oder die Aufführung mit der Theater-AG. Alle waren sie dort, die glücklichen Familien. Die Kinder, deren Eltern noch zusammen waren, strahlten um die Wette. Und da war ich. Mit meinem Vater, wenn er denn mal gekommen ist und nicht arbeiten musste. "Sorry, ich bin zu spät. Ich weiss", sagte er jedes Mal, wenn er zwanzig Minuten zu spät in die Aula oder die Sporthalle oder das Klassenzimmer stürmte. Seine Auftritte waren Soloauftritte. Denn jedes Mal fehlte der andere Teil des Duos.

Mein Vater ist damit nicht allein, aber als Mann repräsentiert er jedoch auf zweifache Weise eine Minderheit in unserer Gesellschaft: In Deutschland gibt es knapp drei Millionen Alleinerziehende, 85 Prozent davon sind Frauen.

Lily ist eine von ihnen. Die 32-Jährige ist Mutter einer vierjährigen Tochter. Die zuvor geschilderten Erlebnisse kennt Lily aus eigener Erfahrung, nur eben von der anderen Seite. Vor knapp einem Jahr trennte sie sich von ihrem Mann, dem Vater ihres Kindes. Seitdem lebt ihre Tochter in ihrem Haushalt, den Vater sieht das Kind nur an zwei Wochenenden im Monat und nach Absprache.


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Auf die Trennung folgte eine neue Wohnung, die alleinige Verantwortung für ein Kind und somit auch grosse finanzielle Belastungen. Zwischen der Kita, Spielplatz-Verabredungen und Geburtstagen, arbeitet die Berlinerin auf Vollzeit in der Medienbranche, wo genau will sie nicht sagen, auch nicht ihren richtigen Namen, damit sie offen sprechen kann. Ich stellte ihr die Fragen, die ich meine Eltern nie gefragt habe.

VICE: Fühlst du dich wie eine schlechte Mutter?
Lily: Ja, klar. Andauernd. Ich glaube, das geht jeder Mutter so, auch wenn viele nicht darüber reden. Meine Tochter ist morgens als erstes in der Kita und wird als eine der Letzten abgeholt. Wenn ich dann nach der Kita nicht noch mit ihr bastle oder Figuren aus Salzteig forme, bekomme ich schon ein schlechtes Gewissen. Abends setze ich sie manchmal vor eine Serie. Schuldgefühle kommen auch, wenn ich ausgehe. Ich denke aber auch, dass es nichts bringt, wenn ich aus schlechtem Gewissen heraus handle. Das merkt sie. Und dann haben wir beide weniger Spass miteinander.

Was ist der böseste Gedanke, den du jemals über deine Tochter hattest?
Ich habe meine Tochter schon weinend angefleht: "Kannst du jetzt nicht einfach schlafen? Ich kann nicht mehr. Mama ist müde, Mama ist traurig, Mama muss morgen früh wieder arbeiten. Kannst du mich jetzt einfach in Ruhe lassen?" So war das vor allem in den Momenten nach der Trennung, in denen ich emotional fertig war. Das funktioniert so aber nicht. Zurecht. Das Kind denkt dann: "Was soll das? Meine Mama ist für mich da."

Ich konnte die ersten Jahren nicht einmal alleine auf Toilette gehen, ohne dass meine Tochter an die Tür geklopft hat. Ich kann nicht so lange schlafen, wie ich will – oder einfach mal krank sein. Ich muss mich um mein Kind kümmern, ganz egal, wie es mir geht. Die eigenen Bedürfnisse zu ignorieren, das ist schon hart.

Wie reagieren Männer, wenn sie erfahren, dass du ein Kind hast?
Das ist jetzt nichts, was ich in meine Bio schreibe. Das geht auch niemanden direkt zu Beginn etwas an, finde ich. An diesem MILF-Ding ist aber schon was dran, denke ich. Wo da genau der Reiz liegt, kann ich nicht sagen. Es geht ja nicht nur darum, eine Mutter zu bumsen, sondern einfach eine geile Frau zu bumsen, die auch Mutter ist. Am Anfang hatte ich immer die Angst, nachdem ich mein Kind bekommen habe, dass das ein Defizit sein könnte. Dann hat sich aber rausgestellt, dass die meisten Männer, die ernste Absichten haben, entspannt darauf reagieren. Dass ich bereits ein Kind habe, nimmt den Druck weg. Männer denken sich offenbar: "Ich muss der jetzt nicht direkt einen Ring anstecken, die hat schon ein Baby."

Wie oft hast du noch Sex?
Es gab Zeiten, da hatte ich einmal die Woche Sex. Jetzt ist es etwas weniger. Mein Verhalten war damals auch nicht gesund, nach der Trennung von meinem Ex. Momentan habe ich alle drei bis vier Wochen Sex.

Wie und wo lernst du Männer kennen?
Ich habe sehr begrenzt Zeit und Supply, sozusagen. Ich schlafe mit niemandem, mit dem ich zusammen arbeite. Wenn ich zwischen Kita, Arbeit und zu Hause hin und her hetze, bleiben fast nur Dating-Apps, um Männer kennenzulernen. Letzten Endes ist die erste Nacht mit jemandem fast nie so gut, wie der Sex in einer Beziehung. Dadurch fühle ich mich oft einsam. Ich glaube, dass das nichts mit der Trennung vom Vater meiner Tochter zu tun hat oder damit, dass ich jetzt allein bin, sondern an Problemen, die ich schon viel länger mit mir rumtrage. Deswegen möchte ich zurzeit auch keine Beziehung, sondern es mit mir alleine aushalten und mich richtig kennenlernen.

Woran ist die Beziehung zu deinem Ex gescheitert?
Wir haben nicht so gut miteinander kommuniziert. Dafür haben wir uns Hilfe gesucht – am Ende hat es dann aber einfach nicht funktioniert. Wahrscheinlich hätten wir kein Kind miteinander haben sollen. Dafür ist ein wunderbarer Mensch aus dieser Beziehung entstanden. Could be worse.

Worauf musst du finanziell verzichten?
Ich habe im Monat mit Kindergeld 2.300 Euro netto, aber auch gewisse Ansprüche. Ich gehe im Bioladen einkaufen, lege wert auf Qualität, gehe mit meiner Tochter oft auswärts essen und möchte einmal im Jahr mit ihr in den Urlaub – möglichst nicht pauschal auf Malle. Früher hatte ich immer Geld auf dem Konto, das ist jetzt nicht der Fall. Ich komme am Monatsende oft bei null oder im Minus raus. Ich weiss aber, dass es mir gut geht, auch wenn unsere Gesellschaft nicht auf Alleinerziehende ausgelegt ist.

Und ich finde es schon krass, dass ich Steuerklasse I bin, und wie ein Single besteuert werde. Dass man finanziell besser dasteht, nur weil man verheiratet ist, ist so antiquiert und macht mich richtig wütend.

Hast du es schon einmal bereut, ein Kind bekommen zu haben?
Also ich finde diese "regretting motherhood"-Debatte, die vor ein paar Jahren aufkam, total doof. Das ist so frauenbezogen. Ich könnte jetzt im Jahr auch 20.000 Euro mehr verdienen und einen strafferen Körper haben. Und wenn meine Single-Freundinnen rumheulen, dass sie keine Zeit haben, auch ohne Kind, erinnert mich das daran, dass ich auch mal so war und meine Freiheit gar nicht zu schätzen wusste. Aber ich bereue mein Kind nicht. Auch wenn der Zeitpunkt vielleicht nicht ideal war und die Beziehung auch nicht.

Im Jahr 2018, sollten Frauen nach der Trennung nicht näher an der Gleichberechtigung sein, als sie es heute sind?
Ich hätte es natürlich gerne so, dass es ausgeglichener wäre. Ich fühle mich schuldig, wenn ich ausgehe oder Zeit für mich will. Ich glaube nicht, dass ihr Vater so empfindet. Wenn das klarer geregelt wäre, wäre es auch für das Kind einfacher. Das wäre berechenbarer und sicherer. Ich glaube, dass Männer es als Legitimation sehen, dass die Frau sich um das Kind kümmert, weil sie in der Regel mehr Geld nach Hause bringen. Das ist ein gesellschaftliches Problem. Die Rechnung geht aber auch nicht auf, wenn Männer keinen Unterhalt zahlen. Frauen scheinen es oft in ihrer Pflicht zu sehen, sich um das Kind zu kümmern, wenn die Beziehung auseinandergeht. Wenn Männer mehr Zeit einfordern würden, oder Frauen auch mehr Zeit für sich, wären wir mit der Gleichberechtigung weiter.

Was würdest du deiner Tochter gerne sagen, was du dich aber nicht traust, da du sie nicht verletzen möchtest?
Ich würde manchmal gerne sagen, warum ich mich von ihrem Vater getrennt habe, um nicht immer als die Böse da zu stehen und als Schuldige für die Trennung. In ihren Augen hat Mama das Nest verlassen. Den Trotz habe ich lange Zeit gespürt. Ich werde es ihr aber nicht sagen. Ich denke, ihr Vater ist Teil ihrer Identität. Damit würde ich viel bei ihr kaputt machen.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.