Fotografie

Wie radikale Frauen das New York der 70er und 80er Jahre geprägt haben

Als Rockstars in heruntergekommenen Lofts hausten: Die Fotografin Marcia Resnick zeigt das New Yorker Nachtleben in Zeiten des Umbruchs.

von Miss Rosen
08 April 2018, 8:03pm

Links: Anya Phillips im Max's Kansas City; rechts: Damita Richter posiert mit einer Spielzeugpistole | Foto: © Marcia Resnick

Mehr als ein halbes Jahrhundert, so lange dokumentiert die in Brooklyn geborene Fotografin Marcia Resnick schon die New Yorker Kunstszene. In ihrer Schulzeit in den 60er Jahren mischte sie sich in Clubs unter Hippies. In den 70ern teilte sie sich mit Nachbarn wie der Performance-Künstlerin Laurie Anderson ein Loft-Gebäude.

Während der wildesten Jahre Manhattans trieb sich Resnick in Clubs wie dem legendären CBGB oder Max’s Kansas City herum. Zur gleichen Zeit fing sie an, die "Bad Boys" der Kunstszene zu fotografieren, darunter der Graffitikünstler Jean-Michel Basquiat, der Musiker Iggy Pop oder der Schriftsteller William S. Burroughs.

Links: Debbie Harry in einem Hotelzimmer; rechts: Debbie Harry mit Gemüse nach einer Show | Alle Fotos: © Marcia Resnick

Aber auch die Frauen, mit denen sie zusammenwohnte, arbeitete und feierte, faszinierten Resnick. In ihrer Fotoserie Wild Women hält sie den revolutionären Spirit und die Kreativität von Künstlerinnen wie Joan Jett, Debbie Harry und Susan Sontag fest.

Uns hat Resnick erzählt, wie die Emanzipation die 70er und 80er Jahre geprägt hat – und wie es war, ihre künstlerischen Mitstreiterinnen in Zeiten des Aufruhrs zu dokumentieren.

Lydia Lunch auf allen vieren

VICE: Nach deinem Studium in Kalifornien bist du Anfang der 70er Jahre nach New York zurückgekehrt. Wie ging es dort damals zu?
Marcia Resnick: Damals war New York eine gefährliche Stadt und stand kurz vor dem Bankrott. Gleichzeitig war es dort günstig und es standen einem alle Möglichkeiten offen. Ich zog wieder mit meiner alten Mitbewohnerin Pooh Kaye zusammen, eine Künstlerin und Tänzerin. Wir bezahlten jeweils nur 70 Dollar Miete. Für meine Arbeit als Fotografie-Dozentin am Queens College bekam ich pro Woche 100 Dollar.

Das nahegelegne Viertel Soho war das Zentrum der Kunstwelt. Zusammen mit Pooh ging ich in Galerien und zu Partys in den Lofts diverser Künstler. Mickey Ruskin gehörte damals der Club Max’s Kansas City, wo Andy Warhol und berühmte Rockstars ein- und ausgingen. Weil Pooh bei Mickey putzte, kamen wir immer rein.

Links: Joan Jett in einer Billardkneipe; rechts: Laurie Anderson zusammen mit ihrer Violine

Deine Mitbewohner und Nachbarn waren alle künstlerisch tätig. Wie kam es dazu?
Ich fand eine Bleibe in einem Gebäude im Stadtteil Tribeca. Jedes Stockwerk war in zwei 185 Quadratmeter grosse Lofts aufgeteilt. In den ersten beiden Etagen betrieb die Stadt eine Methadon-Klinik, manchmal verirrten sich zugedröhnte Patienten zu uns hoch. Die Lofts in den anderen vier Stockwerken standen alle leer und waren ziemlich heruntergekommen.

Pooh und ich wohnten auf der gleichen Etage und teilten uns ein Bad und eine Küche. Mein Loft hatte 14 Fenster, drei davon waren jedoch wegen meiner Dunkelkammer abgedeckt. Im Winter musste ich auch in der Dunkelkammer schlafen, weil es im Rest meiner Wohnung bitterkalt war. Keine Heizung der Welt schafft es, in so einem grossen Loft gegen die Winde anzukommen, die vom Fluss hochziehen.

Eines Tages war ich bei einer Performance von Laurie Anderson, in der sie davon erzählte, wie ihr Loft abgebrannt war. Ich schlug ihr vor, über mir einzuziehen. So wurden wir Nachbarinnen und alles kam ins Rollen.


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Wie war das Nachtleben von New Yorker Künstlern zu dieser Zeit?
Maler drehten Filme, Schriftsteller betrieben Performance-Kunst, Bildhauer erschufen Installationen, jeder kollaborierte mit jedem.

Ich war jeden Abend unterwegs – in Clubs wie dem CBGB, dem Max’s oder dem Mudd. Der Mudd Club war mein Favorit, weil es dort von Konzerten über Kunstausstellungen bis hin zu Fashion-Shows alles gab. Ausserdem mischten sich Promis wie Joe Strummer, David Bowie, Marianne Faithful, Nico, Grace Jones und Diana Ross immer wieder gerne unter die Menge.

Um kein so schlechtes Gewissen zu haben, weil ich so viel Zeit in diesen Clubs verbrachte, erklärte ich meine dabei geschossenen Fotos zu meiner Kunst. Ich kämpfte mich bei Konzerten durch die Menge in den Backstage-Bereich, wo ich dann versuchte, Porträts wie in einem richtigen Studio zu schiessen. Und wann immer es möglich war, vereinbarte ich auch Shootings an anderen Orten.

Patti Astor bei einer Party

Was hat dich zu der Wild Women -Fotoserie inspiriert?
Zuerst arbeitete ich an einer Bilderreihe namens Bad Boys, bei der sich alles um die Dynamik einer Frau drehte, die Männer fotografiert. Da musste ich einfach ein gleiches Projekt mit Frauen ins Leben rufen. Die Grundlage war ja da, viele faszinierende Frauen betätigten sich in der Kunst-, in der Musik-, in der Literatur- und in der Filmszene.

Patti Smith und Debbie Harry von Blondie wurden dann ziemlich berühmt und Laurie Anderson landete mit ihrer avantgardistischen Single "O Superman" zu ihrer eigenen Überraschung weit oben in den britischen Charts. Bis dahin kannte man ihre Multimedia-Performance-Kunst eigentlich nur in künstlerischen Kreisen.

Pat Place

Lisa Lyon gewann die erste Bodybuilding-Meisterschaft für Frauen, war gleichzeitig aber auch eine Art Vorreiterin für den "Sex, Drugs and Rock 'n' Roll"-Lifestyle. Wir wurden schnell zu guten Freundinnen, trugen nur Schwarz und stürzten uns ins Nachtleben von Manhattan. Der Fotograf Marcus Leatherdale taufte uns auf den Namen "Weird Sisters".

Lisa Lyon in einer Bodybuilder-Pose

Was waren die radikalsten Dinge, die du und die anderen Frauen dieser Ära getan haben?
Wir Frauen realisierten damals, dass die Sichtweise von weissen, westlichen Männern unbewusst als Sichtweise in der Kunstwelt übernommen wurde. Also sahen wir uns in der Pflicht, diese Situation zu ändern und gleiche Voraussetzungen für alle zu schaffen.

Carly Simon im Nachtclub Hurrah

In Kalifornien lernte ich die Künstlerin Linda Benglis kennen. Ihr Stil beeinflusste mich ungemein und ich fotografierte sie mit ihrer neuen Kurzhaarfrisur vor ihrem gelben Porsche. Als Benglis ebenfalls nach New York zurückkehrte, wollten die verantwortlichen Redakteure sie nicht für das Kunstmagazin Artforum schreiben lassen. Also liess sie eine Werbung schalten: ein ganzseitiges Foto von ihr, auf dem sie – abgesehen von einer Sonnenbrille – splitternackt mit einem riesigen Dildo masturbiert. Das war das ultimative "Fick dich!" in Richtung Kunstwelt.

Bebe Buell mit ihrer dreijährigen Tochter Liv Tyler

Durch die Arbeit an meinem Buch Re-visions lernte ich eine Menge über mich selbst und über andere Frauen. Ich verstand plötzlich all die Frauen, die selbst in einer von Männern dominierten Welt unabhängig, selbstbewusst und kreativ agieren. Alle emanzipierten Künstlerinnen, Autorinnen, Musikerinnen, Tänzerinnen, Designerinnen und sexuellen Vorreiterinnen, die ich fotografierte, waren durch ihr Talent und ihre Visionen etwas ganz Besonderes.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE US.

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