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Sex

Wie es ist, in einer der reichsten Städte der Welt als Escort zu arbeiten

"Da kam der andere Escort auf einmal mit Billardkugeln. Drei Stück steckte er dem Kunden in den Arsch."

von Adam; aufgeschrieben von Johanna Senn
23 Juli 2019, 11:20am

Foto mit freundlicher Genehmigung von Adam

Ich war 17, als mir ein Mann zum ersten Mal 100 Euro anbot, damit ich vor ihm mit meinen Kumpels rum mache. Meine Freunde kannten den Typen schon. Ich hatte mich eben geoutet und war neugierig. Ich knutschte also vor dem Mann mit meinen Freunden rum. Leicht verdientes Geld.

Nur eine Woche später wollte er sich alleine mit mir treffen. Wir fuhren in ein Waldstück und er drückte meinen Kopf sehr unsanft in seinen Schritt. Das war mir zu viel. Ich brach das Ganze ab.

Rund ein halbes Jahr später wollte ich es trotzdem nochmal versuchen und meldete mich auf einem Portal für schwule Escorts an. Die nächste Erfahrung war gut, auch wenn ich nicht mehr weiss, mit wem und wie gut sie war. Nach über 600 Kunden kann ich mich bei bestem Willen nicht mehr an jeden erinnern. Denn inzwischen arbeite ich seit rund 12 Jahren als Escort und liebe meinen Job.

Ich verdiene gutes Geld mit dem, was ich mache, und habe Spass dabei. Mein Erscheinungsbild als Escort entspricht nicht der Norm. Meine Kollegen sind meist aufgepumpt und total durchtrainiert. Natürlich achte auch ich auf mich, aber ich bin kein riesiger, muskelbepackter Typ. Deshalb steche ich heraus. Das schätzen auch meine Kunden, da braucht man nur mein Gästebuch zu lesen.

"Da kam der andere Escort auf einmal mit Billardkugeln. Drei Stück steckte er dem Kunden in den Arsch."

Ein Grossteil meiner Zeit verbringe ich nicht mit Kunden, sondern am Handy. Von 10 Uhr morgens bis zu den ersten Treffen abends bin ich fast ständig am Telefon und beantworte Fragen. Worauf stehst du? Pinkelst du mich an? Trampelst du auf mir rum? Machst du BDSM?

Ich habe schon alles ausprobiert, was man machen kann. Deshalb habe ich mit dem Job überhaupt erst angefangen. Ich möchte alles im Leben einmal gemacht haben. Trotzdem gibt es auch für mich Grenzen.

Escort Bewertungen Gästebuch
Screenshots von überzeugten Kunden in Adams Gästebuch | Bild mit freundlicher Genehmigung von Adam

Das Krasseste, was mir je passiert ist, war eine Session mit noch einem weiteren Escort. Der Kunde war in einer Sexschaukel, hatte eine Gasmaske auf und war schon völlig mit Poppers zugedröhnt. Er wollte von uns gefistet werden. Da kam der andere Escort auf einmal mit Billardkugeln. Drei Stück steckte er dem Kunden in den Arsch. Als er wieder zu sich kam, presste er die erste raus und auch die zweite, ploppte aus seinem Anus. Nur die dritte blieb einfach stecken.

Der Kunde wurde schon panisch und der andere Escort meinte: "Nimm jetzt nochmal 'ne Runde Poppers und wir versuchen, das Ding aus dir raus zu bekommen." Wir versuchten, die Kugel mit einem Löffel rauszuholen und bogen schliesslich ein Stück Draht zurecht, womit wir die Kugel rausholen wollten. Eine total dumme Idee. Der begann zu bluten. Als der andere Escort die Billardkugel mit einem Staubsauger rausholen wollte, brach der Kunde ab. Ich ging nach Hause. Eine Stunde später bekam ich eine SMS von eben diesem Kunden: "Hey, Adam! Ich habe die Kugel rausbekommen! Wir machen jetzt wieder weiter. Magst du nicht auch wieder vorbeikommen?"

Einmal schrieb mir ein Typ aus Berlin, er möchte mir dabei zusehen, wie ich seine Ratte ficke. Der wohnte in einem sehr feinen Viertel. Auch wenn er mir 3.000 Euro dafür geboten hat, sowas mache ich nicht. Total übel. Wenn es andere Lebewesen involviert, bin ich raus. Was leider auch oft vorkommt, ist, dass mir Leute Kinder anbieten. Ob die Profile jeweils echt sind, kann ich nicht sagen. Aber das melde ich immer sofort.

Was ich auch fast nie mache, ist Sex mit Paaren. Obwohl ich eigentlich Pansexuell bin, habe ich grundsätzlich mehr Sex mit Männern. Bei Sex mit Paaren ziert sich der Typ immer total und das killt die Stimmung.

"Ich glaube, ich hatte schon in fast jeder Stadt dieser Welt Sex. Aber wenn ich richtig Kohle machen will, komm ich nach Zürich."

Als Sexarbeiter gemeldet bin ich nicht. Wie der Grossteil meiner Kollegen. Ich will nicht, dass das irgendwo offiziell in irgendwelchen Akten vermerkt ist. Deshalb sage ich hier auch nicht meinen richtigen Namen. Ich schäme mich nicht im geringsten für das, was ich tue. Die meisten meiner Freunde wissen Bescheid. Sogar mein Papa weiss, womit ich meine Brötchen verdiene.

Ich glaube, ich hatte schon in fast jeder Stadt dieser Welt Sex. Aber wenn ich richtig Kohle machen will, komm ich nach Zürich. Dass die Menschen hier mehr Geld haben, merke ich daran, dass mich die Kunden hier länger buchen. In Berlin werde ich meistens nur für eine Stunde gebucht, hier sind es mehrere und oft auch Übernachtungen.

In Zürich kann ich fast das Doppelte verlangen. Hier bekomme ich für eine Stunde zwischen 200 und 250 Euro, während die Berliner zwischen 100 und 150 bezahlen. Seeblick, grosse Lofts mit Dachterrasse, immer hübsch eingerichtet. Hier sehe ich Appartements, die ich sonst nie sehen würde. Der Grossteil meiner Kunden in Zürich sind Unternehmer oder Geschäftsmänner. Dabei ist vom Szeneschwulen bis zum Hetero mit Frau und Kindern alles dabei. Wenn sie bei mir sind, sind sie alle gleich. Sie lassen sich fallen. Ich weiss genau, welche Knöpfe ich drücken muss.

In Zürich habe ich auch die meisten meiner Stammkunden. Viele kenne ich schon mehrere Jahre. Es kommt schon vor, dass Kunden mich gleich für zwei Wochen buchen und mich als Begleitung mit auf Reisen nehmen, zum Beispiel auf Kreuzfahrt. Bezahlen muss ich da dann für gar nichts. Ich bekomme sogar noch Geld obendrauf. Die Kunden führen mich in schöne Restaurants aus und unternehmen tagsüber Ausflüge mit mir.

Es kommt auch vor, dass wir für einen Tag nach Mallorca fliegen: morgens hin, den Tag da verbringen und am Abend wieder zurück. Das ist auch praktisch an Zürich: Weil es so zentral gelegen ist, kommt man überall recht schnell hin.

Drogen spielen in meinem Job natürlich auch eine grosse Rolle. Nach meiner Erfahrung wird fast nirgends so viel konsumiert wie in Zürich. Crystal Meth ist in der Szene hier ein riesiges Thema. Nicht einmal in Berlin ist das so krass. Fast jeder meiner Kunden nimmt Crystal Meth. Ich bekomme es ständig angeboten. Dabei mache ich höchstens bei Übernachtungen mal mit. Früher habe ich das Zeug oft genommen, konnte mich aber zum Glück davon losreissen. Wenn ich das – wie andere Escorts hier – täglich nehmen würde, ich glaube, da wäre ich innert eines Jahres tot. Auch Poppers sind in der Szene natürlich ein Ding.

"Vielleicht höre ich auf, wenn ich den Richtigen kennengelernt habe."

Je länger ich das mache, desto besser lerne ich mich kennen. Der Job hat mir auch in vielerlei Hinsicht geholfen, mit mir selber umzugehen und mir darüber klar zu werden, wie ich mein Leben gestalten will.

Aber auch wenn ich meinen Job liebe, zieht er Energie. Wie lange ich das noch machen werde, weiss ich nicht. Obwohl es in meinen früheren Beziehungen nie ein Problem war, höre ich vielleicht einmal auf, wenn ich den Richtigen kennengelernt habe. Aber bis dann geniesse ich die Zeit. Was ich erlebe, ist nicht alltäglich. Für mein Alter hab ich schon echt viele Erfahrungen gesammelt, die mich als Menschen weitergebracht haben. Und das ist für mich Luxus.

Ein Stück Privatsphäre, das ich mir erhalten möchte, ist mein Zuhause. Ich achte darauf, dass immer ich den Kunden besuche. Zu mir hole ich niemanden. Wie ich privat bin, unterscheidet sich nicht davon, wie ich mich auf der Arbeit gebe. Aber in mein Zimmer lasse ich fast niemanden.

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