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Wie offen bist du, wenn dein Partner als Frau leben will?

Anja steht auf Männer. Ihr Freund Tim will als Frau leben. Noch gibt sie die Beziehung nicht auf.

von Sofia Faltenbacher
21 Juni 2016, 7:00am

Als Anja im Urlaub an der Nordsee ins Hotelzimmer kommt, sieht sie, wie ihr Freund ihre Unterwäsche anzieht. Die 19-Jährige ist so perplex, dass sie im Türrahmen stehen bleibt und lacht. Am Ende der Ferien fragt Tim sie: "Würdest du mit mir zusammenbleiben, wenn ich ein Mädchen wäre?"

Vier Monate später. Tim, der eigentlich anders heisst, trägt einen grauen Kurzmantel, darunter ein fliederfarbenes Hemd. Seine Lippen sind dezent rot geschminkt, man sieht Abdeckstift, der etwas zu dunkel für seinen Hautton ist. Er ist ein Jahr älter als Anja und studiert Physik. Ihre Namen sind geändert, damit sie über Intimes sprechen können, ohne Angst zu haben, dass jemand sie erkennt. Gerade waren die beiden in der Oper, jetzt sitzen sie in einem Burgerladen. Sie essen und teilen sich eine Fanta. Anja trägt ein schwarzes Kleid, die blonden Haare hat sie nach oben gesteckt. "In Clubs oder Bars willst du ja nicht", sagt sie. Es klingt ein bisschen trotzig. Sie würde gerne mit ihrem Freund tanzen gehen, aber zwischen Muskeln und Alkohol fühlt er sich nicht wohl.

Schon als Kind merkte Tim, dass sein Körper und seine Selbstwahrnehmung nicht zusammenpassen. Seit seiner ersten Erektion ekelt er sich vor seiner Männlichkeit. Als es für ihn unerträglich wird, fängt er an, seine Unterarme mit einem Messer zu verletzen, später auch seinen Penis. "Er ist wie eine Krankheit, wie ein Tumor. Er gehört nicht zu mir."

Sie verliebte sich in die Eleganz seiner Hände.

Anja nimmt ihr Handy vom Tisch und zeigt ihm Fotos aus der Kleinstadt, in der sie am Tag zuvor ein Klaviervorspiel hatte. "Die war süss", sagt sie und zeigt ihm das Bild einer alten schmiedeeisernen Strassenlaterne. Auf ihren Reisen nach Köln, Hamburg und Düsseldorf haben sie angefangen, schöne Laternen zu fotografieren. Er lächelt und streichelt ihr über den Oberschenkel.

Vor eineinhalb Jahren kamen Tim und Anja zusammen, damals probten sie für ein vierhändiges Klavierkonzert. Sie verliebte sich in die Eleganz seiner Hände. Seine Finger sind lang, die Nägel feilt er. Er verliebte sich in ihre weiblichen Formen, ihre Lippen und ihre Brüste, die er selbst so gerne hätte. "Ich könnte nur davon träumen, einen Körper zu haben wie sie", sagt Tim.

Nach den Klavierstunden redeten sie stundenlang. "Er ist sehr einfühlsam, einfach besonders", sagt Anja. Ihr fiel auf, dass er oft über Machogehabe schimpfte. Einmal drängte er, das Café zu verlassen, als eine Gruppe "rüpelhafter Fussballjungs" hereinkam. Ein Detail, das ihn für Anja nur noch süsser machte. In Drogerien testeten sie Cremes und Düfte. "Frauen haben eine weichere Haut", sagt Tim. "Das versuche ich mit Produkten auszugleichen." Sein Parfüm, einen Herrenduft, hat Anja ausgesucht. "Es soll ihr gefallen."

Sein verhasster Körper gefällt ihr.

Anja ist seine erste Freundin und der einzige Mensch, mit dem er trotz der Scham für seinen männlichen Körper geschlafen hat. "Sex ist schön", sagt Tim. "Aber mein Körper ist mir peinlich." Anja atmet laut durch die Nase aus. "Peinlich ist die Untertreibung des Jahrhunderts", sagt sie. "Du wolltest dich lange überhaupt nicht vor mir ausziehen."

Seine Statur, sein verhasster Körper gefällt Anja. "Ich habe mich in ihn als Jungen verliebt. Die sexuelle Anziehung bricht weg, wenn er sich operieren lässt."

Sie steht auf Tims starke Schultern, seine schmale Hüften, seinen Penis. Es stört sie, dass er aufgehört hat, Sport zu machen und dafür ungesund isst, weil Frauen einen höheren Körperfettanteil haben. "Ich verstehe nicht, warum er seinen schönen Körper verändern will", sagt sie. "Es fühlt sich an, als wollte er etwas kaputt machen." Tim schaut seine Freundin nicht an, er zittert. Ein Salatblatt, das er gerade aus der Burgerbox genommen hat, fällt ihm aus der Hand und landet auf dem Tablet. Er spürt, dass er Anja ein Stück weit verliert auf dem Weg hin zum Frauenkörper. Können Liebe und Zärtlichkeit nicht einfach bleiben, wenn sein Körper sich verändert?

"Ich würde mir vorkommen wie ein missratener Versuch."

Nicht nur wegen Anja ist es schwer für ihn, die Geschlechtsangleichung zu beginnen. Er hat Angst, danach immer noch männlich auszusehen. "Ich würde mir vorkommen wie ein missratener Versuch", sagt er, "wenn jeder sehen könnte, dass ich biologisch nicht immer eine Frau war." Sein nächster Satz klingt wie auswendig gelernt, er hat ihn wohl schon oft gedacht: "Am liebsten würde ich einen Schalter umlegen und ein Mädchen sein."


Jung und queer in Russland

Die Angleichung von Mann zu Frau beginnt mit der Hormontherapie. Die Haut wird weicher, Brüste wachsen. Die Genitalien werden in mehreren Schritten operiert. Zwischen den Eingriffen sollte mindestens ein halbes Jahr vergehen. Tims Stimmlage werden die Hormone nicht verändern. Deshalb macht er logopädischen Übungen, um höher zu sprechen. Anja hat er davon bisher nicht erzählt. Ihm ist unangenehm, dass er so viel für einen weiblichen Körper tun muss.

Auch seine Eltern wissen von solchen Details kaum etwas. Mit ihnen sprach Tim erst, nachdem er sich eine Therapeutin gesucht hatte und zu Beratungsgesprächen bei Ärzten und Chirurgen ging. "Lächerlich" findet sein Vater den Wunsch, in einem weiblichen Körper zu leben. "Er hat gesagt, ich sei keine Frau und würde auch nicht denken wie eine."

"Es wird eine andere Beziehung."

Seine Therapeutin hat Tim bestärkt und mit ihm Termine bei einer Hormonspezialistin vereinbart. Sie hat ihm erklärt, dass die Krankenkasse die psychologischen Gutachten prüft und dann die Kosten der Angleichung übernimmt.

In den letzten Wochen hat Tim mit Anja über weibliche Vornamen gesprochen. "Liebe ist nicht abhängig vom Geschlecht", sagt Anja. "Aber es wird eine andere Beziehung. Eher wie zu engen Verwandten oder einer guten Freundin." Sie hat ein halbes Dutzend Namensbedeutungen für ihn nachgeschlagen. Er hat sich für Annika entschieden.

Annika, die Anmutige.

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