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Eine Tour durch Innsbrucks schlechteste Restaurants

Im Schaufenster entdecke ich dann weitere Überreste von seltsamem Getier und vor lauter Konzentration, nicht im Strahl über die Theke zu kotzen, übersehe ich fast meine fertige Nudelbox.

Janine Reith

Alle Fotos von der Autorin

Warum ich das mache? Weil niemand perfekt ist—auch nicht das wunderbare, in den Bergen gelegene, hippe, sportliche, vielseitige, niemals langweilige, urbane, junge, fast perfekte Innsbruck. Aber eben nur fast, denn schlechtes Essen gibt es quasi überall. Auch hier. Ich zeige euch, wo die kulinarischen Vorhöllen der Stadt liegen, damit ihr dann nach abgeschlossenem Studium guten Gewissens abhauen könnt und der Zeit in Innsbrooklyn nur ein kleines bisschen nachtrauern müsst (weil ihr nie in diese Läden gegangen seid, in denen ich für euch war).

Durch die Nähe der Stadt zu Italien ist der Anspruch an Pizza und Pasta in Innsbruck eher hoch, das Niveau einiger Pizzerien allerdings weit darunter. Aussagen wie „pessimo" (saumäßig), „scandaloso" (skandalös) und „terribile" (schrecklich)—Pizzeria Gemelli—waren mein Leitfaden auf der Suche nach schlechter Pasta, Tiefkühlmenüs und anderen „kulinarischen Tieffliegern"—Restaurant Cammerländer. Wo also im wahrsten Sinne des Wortes Fettnäpfchen lauern, habe ich für euch getestet.

Pizzeria Gemelli

So ziemlich das Fadeste, was ich kulinarisch bislang mitgemacht habe, war eine Woche lang Reis und Wasser auf einer ziemlich verlassenen Insel irgendwo in Westsumatra. Dass es in Innsbruck möglich sein könnte, Spaghetti Carbonara eintöniger schmecken zu lassen als Reis, grenzt ja fast schon wieder an Kochkunst.

Vor der Pizzeria Gemelli riecht es nach Urin, vielleicht, weil sich hier unter den Bögen nachts gerne Obdachlose zur Ruhe legen. Am Eingang steht ein mickriger Tisch, gehüllt in eine rot-weiß karierte Tischdecke, auf der ein Menü liegt. Die Sonne scheint und die Touristen schlendern durch die Altstadt. Das will ich mir nicht entgehen lassen und nehme also an besagtem Tisch platz. Das Restaurant ist im ersten Stock. Ich werfe einen Blick auf die Karte und entscheide mich für die Spaghetti alla Carbonara um 7,90 Euro. 15 Minuten später sitze ich noch genauso entschieden und alleine an meinem Tisch.

Der sehr penetrante Urin-Gestank treibt mich aber sowieso nach oben ins Restaurant, also versuche ich mein Glück im ersten Stock. Dort bekomme ich die Karte schon vor der Wahl meines Sitzplatzes in die Hand gedrückt. Das Lokal ist gut besucht, hauptsächlich touristische Laufkundschaft. Die freundliche Bedienung kommt zügig zur Aufnahme meiner Bestellung.

Und genauso zügig wie der Bestellprozess von statten ging, stehen auch meine Nudeln da. Als hätte die nette Kellnerin meine Gedanken gelesen. Oder aber die Spaghetti sind einfach immer schon fertig gewesen. Optisch ist eher Zweiteres der Fall. Auf meinem Teller befindet sich ein Klumpen Nudeln, der zwar frisch aus der Dose kommen könnte, dort aber schon drei Jahre in der Carbonara Soße eingelegt gewesen sein muss.

Geschmacklich lässt sich außer Knoblauch nicht viel sagen. Die Schinkenstückchen sind roh und wahrscheinlich auch vielmehr Schinkenersatz. Würde ich meine Spaghetti klassisch mit Gabel und Löffel rollen, hätte ich die Gesamte Portion auf der Gabel. Voneinander trennen lassen sich die Nudeln nämlich nur mit einem Messer. Ich kann das nicht essen. Zum Mitnehmen und weg hier.

Wegwerfen will ich die 8 Euro-Nudeln eigentlich nicht, kann mir aber nur schwer vorstellen, dass ich irgendjemand anderes damit glücklich machen kann. Ein en Versuch ist es mir aber Wert und so gebe ich meine Spaghetti alla Carbonara an eine obdachlose Frau am Straßenrand. Sie freut sich, ist dankbar, aber streckt mir eine leere Medikamentenpackung entgegen. Sicherlich wären meine Spesen hier besser investiert gewesen. Ich fühle mich nicht, als hätte ich jemandem geholfen. Eher schlecht. Aber ist Wegwerfen in diesem Fall besser? Ich weiß es nicht.

Cammerlander

„Einfach nur besch...", beschreibt ein Gast das feine Restaurant am Innsbrucker Marktplatz. „Einfach nur schlecht" findet es ein anderer. Ich bin gespannt, glaube aber eigentlich nicht, dass es kulinarisch enttäuschender sein kann als die Pizzeria Gemelli. Die Bedienung scheint extrem entspannt, sitzt auf ihrem Barhocker, mit beiden Füßen auf die Bar gestreckt und lässt sich auch von mir und meiner Begleitung nicht aus der Ruhe bringen. Chillen wird in Innsbruck ja großgeschrieben, wir lassen das also umkommentiert und passen uns an. Kellnerin zwei begrüßt uns mit: „Auch was Essen oder nur trinken? Weil wenn ihr nur was trinken wollt, dann geht das nur an der Bar, nicht hier im Restaurant." „OK, ja, wir würden gerne Essen." Kellnerin zwei geht wortlos davon.

Wir zeigen Eigeninitiative und setzen uns hin. Eine neue Kellnerin kommt, um die Getränkebestellung aufzunehmen. Eine weitere bringt uns währenddessen die Speisekarte, während Kellnerin zwei dann wiederum die Getränke bringt. Das ist Arbeitsteilung, wie sie im Buche steht. Himbeersaft und Cappuccino kommen dann wieder von einer ganz neuen Bedienung und das erst nach langem Warten. Der Schaum auf meinem Cappuccino ist bereits eingefallen und am Rand angetrocknet. Der Himbeersaft schmeckt gut. Schokokuchen und Frittatensuppe kommen sofort. Der Schokokuchen besteht aus einem kleinen Törtchen, von dem das Papierförmchen entfernt wurde. Der „flüssige Kern" ist in Form von Schokosirup auf, statt im Inneren des Kuchens gelandet. Die Frittaten der Suppe sind aufgeweicht. Die Suppe lauwarm.

Gut ist die Lage des Restaurants. Das Preis-Leistungs-Verhältnis und der Service im Cammerlander liegen allerdings fernab der Norm.

Beides hätte es für rund 2 bis 3 Euro im M-Preis ebenso gut gegeben. Das Antipasti-Buffet ist genauso lieblos aufgebahrt wie der Rest des Lokals eingerichtet und steht verhältnismäßig wahrscheinlich auch schon so lang wie mein Cappuccino zuvor. Wir zahlen bei einer wieder neuen Bedienung. Trinkgeld halte ich für unangebracht, weil wir von mindestens fünf Kellnerinnen bedient wurden. Ich bin arme Studentin und kann keine fünf Bedienungen tippen. Wir gehen. Fazit: „Mogelpackung von vorn bis hinten" schreibt ein Gast auf Tripadvisor und ich finde das trifft es genauso auf den Punkt wie „kulinarischer Tiefflieger."

CHILLI DÖNER

Die Menschen des Innsbrucker Nachtleben landen nach einer durchzechten Nacht meist im Chilli Döner—denn das ist so ziemlich der einzige Laden in der ganzen Stadt, der auch zu später Stunde noch Fast Food brutzelt. „Fad im Geschmack und fettig in der Herstellung", erklärt ein Gast auf Tripadviser. Klar, die Geschmacksnerven sind zu später Stunde meist erfolgreich durch den Alkohol von Jimmys und Co. betäubt. Was hier wirklich ein absoluter Vorteil ist. Dass der Döner vor Fett trieft, kommt ebenso den meisten betrunkenen eher zu Gute.

Auch ich bin bereits des Öfteren in den Genuss der alkoholisierten Essbefriedigung im Chilis gekommen. Vor Ort und im Suff interessiert einen die schlechte Qualität des Kebabs nicht, auch die Frischhaltefolienreste pickt man gerne heraus, denn es geht bei diesem kulinarischen Erlebnis rein um Quantität, und die ist angebracht. Wie die meisten sowieso wissen, geht dort „Tagsüber niemand hin, ... der Laden ist aber Endstation jeder gelungenen Nacht." Mahlzeit.

Lunch Box Asia

Warum lacht die Frau?

Den absoluten Supergau dieser Tour de Fraß durch Innsbrucks Küchen durfte ich durch Zufall und ganz ohne „Empfehlungen" von Tripadvisor- Nutzern machen, als mich der Hunger in die Asia Lunch Box trieb. Das Angebot der Lunch Box sieht nun wirklich schon von außen alles andere als einladend aus. Mein unaufhaltbarer Heißhunger auf gebratene Nudeln mit Crispy Chicken treibt mich aber dennoch ins absolut leere Restaurant. Es riecht nach altem Frittösenfett, in der Vitrine liegt etwas, das aussieht wie eine Mischung aus vertrocknetem, frittiertem Fisch und Hühnchen.

Auf der Grillplatte schwimmen drei ominöse Kreaturen in Öl. Bedient werde ich zunächst nicht, verpasse aber vor Ekelgefühl über die vertrockneten Gemüse-Reste in den Plastiktüten vor mir die Chance, die Flucht zu ergreifen und bestelle so auch stückweit aus Neugierde doch noch meine Nudeln mit Crispy Chicken. (Mein Heißhunger ist natürlich lange schon im Fett verpufft.) Ich freue mich in der Regel immer, wenn ich sehen kann, wie mein Essen zubereitet wird. Diesmal kann ich wohl froh sein, wenn ich den Laden ohne Trauma über asiatische, offene Küchen verlassen kann. Das Crispy Chicken kommt aus einem blauen Plastiksack in das alte Fett in der Fritteuse, das Gemüse aus den geglaubten „Restetüten" und bei den Nudeln dreht sich mir der Magen um.

Im Schaufenster entdecke ich dann weitere Überreste von seltsamem Getier und vor lauter Konzentration, nicht im Strahl über die Theke zu kotzen, übersehe ich fast meine fertige Nudelbox. Sie wurde wortlos auf den Tresen gestellt. Der Geruch, der aus der Box weicht, lässt mich über die Mitnahme zögern. Es riecht nach vergammeltem, gekochtem Hühnchen. Statt knuspriger Kruste ist mein Hühnchen labbrig und umhüllt von einer teigigen Frittiermasse. Ich fühle mich, als säße ich im Dschungelcamp vor zerdrückten Stierhoden. Natürlich schmeckt es genauso wie es aussieht. Es ist definitiv ungenießbar und ich entscheide mich nach einer Gabel gegen die nächste und somit für meine Gesundheit. Diesmal gebe ich das Essen auch nicht an Obdachlose, aus Verantwortungsbewusstsein.

Insieme Kebab

Direkt am Innsbrucker Hauptbahnhof befindet sich „Insieme Kebab" und da hier original mit „Der Gerät" gearbeitet wird, muss mein Freund dort ein Kebab essen. Weil wir ein süßes Paar sind, betreten wir das Lokal Händchen haltend. Zunächst werfen wir einen Blick auf „Der Gerät". Fasziniert stehen wir vor der innovativen Döner-Maschine. Und es ist wahr: der Gerät schläft nie, scheint unermüdlich und arbeitet kontinuierlich mit. Als mein Freund voller Begeisterung ausholen will, um sich seinen ersten Döner zu bestellen, kommt ihm der Chef zuvor. Und zwar möchte er, dass wir umgehend seinen Laden verlassen. Verdutzt schauen wir uns an. „Entschuldigen Sie, was genau haben wir verbrochen?", erkundige ich mich beim Dönermeister.

„In meinem Laden wird nicht Händchen gehalten! Auch nicht geküsst oder Sonstiges!" Ich muss mich verhört haben. Mein Freund wird zornig „Wir haben uns nicht geküsst", entgegne ich ihm und frage mich gleichzeitig, warum ich mich dafür überhaupt rechtfertige. Master Kebab wird jetzt laut: „RAUS HIER!" fordert er uns erneut auf. Bevor die Situation eskaliert, packe ich mir meinen Freund, lege demonstrativ meine Hand auf seinen Arsch und schiebe ihn, so zärtlich ich das in meinem Ärger hinbekomme, aus dem Laden. Beim Hinausgehen bemerke ich ein Schild mit folgender Aufschrift: „Werte Gäste, aus Respekt vor unseren Mitarbeitern und internationalen Gästen, bitten wir Sie, Zärtlichkeiten in unseren Räumlichkeiten zu unterlassen. Wir danken für Ihr Verständnis!"

Nichts zu danken, ich habe kein Verständnis.