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Mit Fleisch bewaffnete Neonazis haben ein veganes Restaurant angegriffen

In der georgischen Hauptstadt Tbilisi stürmten vergangenes Wochenende rund 15 Personen das Kiwi Café und fingen an, die dortigen Gäste mit Fleischstücken zu bewerfen. Wir waren vor Ort.

von Charles Rollet
01 Juni 2016, 2:00pm

Das Kiwi Café im georgischen Tbilisi | Alle Fotos: bereitgestellt von Beth Ann Lopez

Das Kiwi Café in Tbilisi ist so etwas wie die trendige Enklave der georgischen Hauptstadt. Das Café befindet sich in einer ziemlich heruntergekommenen Straße am Stadtrand und ist vor allem für seine Veggie-Burger und Falafel-Gerichte bekannt. Vergangenes Wochenende geriet das Café jedoch aufgrund eines negativen Zwischenfalls in die Schlagzeilen: Extremisten stürmten Berichten zufolge durch die Eingangstür und gingen die Gäste mit Fleisch an.

Laut den Mitarbeitern des Kiwi Cafés tauchten am Sonntag ungefähr 15 mit Fleischspießen Bewaffnete im Café auf, fingen an, die Kunden anzuschreien und mit Fleischstücken zu bewerfen.

"Sie trugen auch so etwas wie Wurstketten um den Hals", meinte Giorgi Gegelashvili gegenüber VICE. Der 20-Jährige arbeitet in dem Café und schien von dem Zwischenfall leicht traumatisiert zu sein. "Sie riefen: 'Wir kennen euch! Wir wissen, wer ihr seid!'"

Die Theke im Kiwi Café

Gegelashvili und andere Angestellte erzählten mir auch, dass die Angreifer zu einem Neonazi-Fußball-Fanclub aus der Region gehören würden. Besagter Fanclub hat die Gäste des Cafés vor einem Monat schon einmal belästigt.

Den Mitarbeitern zufolge verlagerte sich der ganze Tumult schließlich auf die Straße. So wurden auch über ein Dutzend Nachbarn auf die Auseinandersetzung aufmerksam und beteiligten sich, indem sie die Kunden des Cafés wohl lautstark bezichtigten, "Punks" und "nicht georgisch" zu sein sowie "keinen Respekt für traditionelle Werte" zu haben.

In dem Statement des Cafés heißt es, dass eine Mitarbeiterin mit dem Gesicht voran auf die Straße geschubst wurde und ein Gast Verletzungen im Gesicht erlitt, als ihn ein Mann mit einem Gehstock schlug. Schließlich kam es den Berichten zufolge noch zu einer Schlägerei, bei der vier Mitarbeiter und Kunden des Cafés verletzt wurden.

"Unsere Nachbarn mögen uns nicht. Das liegt womöglich daran, dass wir Piercings tragen, tätowiert sind und über Dinge wie Frieden reden", erzählte mir Gegelashvili.

Ein Gast des Cafés

Das Kiwi Café feierte im Juli 2015 Eröffnung und wird von einer Gruppe Veganer geleitet, von denen die meisten Dreads, Tattoos und Piercings haben. Das Lokal ist dabei ein Symbol der Gegenkultur und würde in anderen Großstädten wohl kaum jemanden stören. Aber in einem Land wie Georgien sind solche Etablissements vielen Leuten immer noch ein Dorn im Auge.

"Ich mag dieses Kiwi Café nicht", erzählte mir der Besitzer eines kleinen Geschäfts in derselben Straße. Über den aktuellen Zwischenfall konnte er mir allerdings nichts sagen. "Die stecken sich Zeug ins Haar und unter die Haut ... "

Munchies: Veganer sind die besseren Pokerspieler

Der Angriff passt dabei genau ins Bild der immer größer werdenden Sorgen bezüglich der Rechtsextremen in Georgien. Dabei geht es vor allem um sexuelle Minderheiten und Immigranten. So wurde Anfang des Monats auch eine große Anti-Schwulen-Konferenz in Tbilisi abgehalten und während der Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag marschierten letzte Woche Hunderte Ultranationalisten durch die georgische Hauptstadt und riefen dabei, dass Georgien den Georgiern gehört.

Laut Shota Kincha, einer Forscherin des in Tbilisi ansässigen Human Rights Education and Monitoring Centers, werden Veganer und andere Menschen mit "alternativen Lifestyles" von Rechtsextremen oftmals mit Homosexuellen und Immigranten in einen Topf geworfen.

"Für die Rechtsextremen muten die Mitarbeiter und Gäste des Kiwi Cafés in Sachen Lifestyle und Ausdrucksform dubios oder abweichend an", erklärte mir Kincha.

Die Wände des Kiwi Cafés sind mit verschiedenen Bildern verziert

Dem Statement des Cafés zufolge fand das Chaos schließlich ein Ende, als die Polizei kam.

Wie es scheint, stellen die Behörden gerade Ermittlungen zu dem Vorfall an. Als ich am Dienstag im Kiwi Café vorbeischaute, unterhielten sich mehrere Mitarbeiter gerade mit Polizeibeamten oder wurden aufs Revier gebracht, um eine Aussage zu machen.

Mariam Tabatadze hat das Kiwi Café mitbegründet

Bis jetzt wurde noch niemand verhaftet, obwohl die Angestellten des Cafés behaupten, die Identitäten einiger der Würstchen tragenden Angreifer zu kennen.

Das Café bleibt derweilen geöffnet—"trotz der negativen Einstellung, die man gegenüber uns und unseren Gästen an den Tag legt." Den Mitarbeiter schlug sowohl im Internet als auch im echten Leben aber auch eine Welle der Unterstützung entgegen. Vereinzelt lassen sich auf der Facebook-Seite des Cafés trotzdem noch einige Einträge finden, die sich gegen Veganer richten.

David Vashadze, der Vorsitzende der georgischen Filmkommission GFC, besuchte das Kiwi Café, um seine Solidarität zu zeigen. Begleitet wurde er dabei von einem Freund, der den Angriff scharf verurteilt.

"Für mich war das eine richtig dumme Aktion", meinte Vashadze zu mir. "Und dabei bin ich nicht mal Vegetarier."