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Die Menschen von Occupy Berlin

Das "Mikrofon des Volkes" ist schön und gut, aber wir haben trotzdem darauf bestanden, dass die Leute uns selbst sagen, was sie nervt und uns nicht von lächerlichem Armwedeln abhalten lassen.
18.10.11

Waren am Samstag noch um die 5000 Menschen vor dem Reichstag, um gegen soziale Ungerechtigkeit und die 1% „da oben“ zu demonstrieren, ist mittlerweile eine Hand voll Demonstranten übrig geblieben, die noch immer das "Mikrofon des Volkes" benutzen. Derjenige, der etwas zu sagen hat, oder meint, etwas sagen zu haben, spricht dabei in die Menge und die Menge spricht es ihm nach. Das gibt natürlich ein Gefühl der Einigkeit und ist für zwei Minuten auch ganz interessant anzuschauen, aber auf Dauer echt nicht auszuhalten. Um es noch alberner zu machen, wird Zustimmung durch Händewedeln ausgedrückt, um den Redenden nicht abzulenken und den Vortrag nicht zu stören. Wir haben aber darauf bestanden, dass die Leute uns selbst sagen, was sie nervt und uns nicht von lächerlichem Armwedeln abhalten lassen, sie nach ihrer eigenen Meinung zu fragen.

Caspar, 17

VICE: Warum bist du hier?

Caspar: Magie gegen Geld. Mehr oder weniger.

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Und warum spielt ihr Karten und steht nicht und seid laut?

Na ja, zuerst standen wir und dachten: "Wir setzen uns hin." Dann haben wir die Karten rausgeholt. Das ist jetzt nicht tiefgründig. Freund von Caspar: Das ist keine Art des Protestes.

Freundin von Caspar: Demonstrieren ist physisch anstrengend, da darf man ja mal eine kleine Pause machen.

Was erhofft ihr euch von der Demo?

Dass die Gesellschaft sich umkehrt. Es war ja zuerst der Mensch und dann kamen die ganzen politischen Systeme aus. Dass die Sachen, die Gegenstände, die Güter der Welt in Geld aufgewogen wurden und im Prinzip als gutes System funktioniert. Nur wenn man anfängt, aus Geld Geld zu machen, das ist fragwürdig und das funktioniert nicht und das will ich nicht. Ich will Geld als einfaches Tauschmittel und nicht als Machtgegenstand.

Wie war das mit der Magie?

Zauberei ist ja durchaus toll, wenn es funktioniert. Die Gesellschaft versucht ja auch, aus wenig Geld viel Geld zu zaubern und im Endeffekt drucken sie dann einfach und ich sitze hier und zauber das zurück. Vielleicht.

Demonstrantin unbekannten Alters

VICE: Warum sind sie hier?

Ältere Dame: Ich habe schon lange ein ungutes Gefühl bei diesen Finanzgeschichten. Ich denke, ich bin ein politisch aufgeschlossener Mensch. Und heute ist es mir wieder klar geworden, als jemand von Attac im Radio sagte: „Für die Bankenrettung ist sofort Geld da, ohne Probleme.“ Aber für die ganzen sozialen Geschichten eben nicht.

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Ist das hier ungefähr das, was sie erwartet haben?

Ich habe ehrlich gesagt noch nicht so wahnsinnig viel mitbekommen. Wir sind zusammen hier hergekommen und haben uns erstmal ein wenig unterhalten.

Was erwarten sie heute noch?

Ich erwarte, dass—hoffentlich—richtig viele Menschen hier sind. Hoffentlich mehr als bei der letzen Anti-AKW Demo. Und dass dann die Politiker sehen, dass die Leute sich zwar friedlich hier versammeln, aber sich nicht permanent mit jeder blöden politischen Entscheidung abspeisen lassen.

Glauben sie, dass das noch mehr werden? Also bis jetzt ist es noch sehr überschaubar.

Ja, das ist sehr schade. Ich fürchte, dass es nicht mehr werden. Denn die, die noch nicht hier sind, haben sich irgendwo im Grünen oder im Freien oder zum Fallschirmspringen getroffen. Na ja obwohl: Man hat ja in letzter Zeit schon viel mitbekommen von den Occupy Wall Street Leuten. Da ist ja schon ein bisschen was im Kopf aufgegangen. Wo man gedacht hat „Holla“. Es gibt ja nicht nur den arabischen Frühling, da ist auch in den USA plötzlich was los. Und da hatte ich mir schon mehr erwartete, hätte gedacht, dass hier mehr hinkommen. Ich bin ein wenig enttäuscht.

Sie hoffen, dass das Wirkung zeigt, aber glauben sie da wirklich dran?

Bei der Menge, die hier steht, eigentlich nicht. Aber zum Beispiel müssen sich die Politiker nach den letzten Berliner Wahlergebnissen tatsächlich mal überlegen: „Oh, was passiert denn hier, damit hat ja kein Mensch gerechnet.“ Die Wähler sind ja einfach herumvagabundiert und haben Parteien gewählt, die sie nicht hätten wählen dürfen. Zum Beispiel die Merkel, die durch ihr Nichthandeln immer gehofft hat, die nächste Landtagswahl wieder für sich entscheiden zu können. Und die Wähler haben sich nicht so verhalten, wie man das berechnet hatte. Also insofern dachte ich … es ist ja ein bisschen was los in Deutschland, aber nicht hier.

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Beethoven, 19

Warum bist du hier, was geht dir momentan am meisten auf den Sack?

Mir persönlich geht auf'n Sack, dass die Steuern doch öfter erhöht wurden, dass im Prinzip alles in irgendwelche Banken oder Länder gesteckt wird, die sowieso pleite sind und im Prinzip zahlt jeder, der hier steht, mit seinem eigenen Einkommen dafür und geht dafür arbeiten. Das ist nicht in Ordnung.

Und was soll sich ändern?

Es sollte sich dran ändern, dass ein paar intelligente Köpfe mal in die Regierungen und Banken kommen, die das Ganze nicht so in den Dreck ziehen und vor allen Dingen, dass Banken nicht mehr irgendwelche Spekulationsscheiße machen, sondern dass sie das machen, wofür sie gedacht sind, nämlich Geld verwalten und zu einem gewissen Zinssatz verleihen.

Und meinst du, wir schaffen das den Banken zu zeigen, indem wir hier sind?

Ich glaube, dass echt ein paar Leute darüber nachdenken und wenn nicht, dann warten wir einfach ab, bis die alle zusammenbrechen und dann könnte man versuchen daraus vielleicht wieder was Gutes aufzubauen.

Also zur Not Devise "Abwarten"?

Nein, Devise "Weitermachen", Devise "Nicht hier 5000 Leute, sondern hier vielleicht irgendwann mal eine Million". Dass hier viele Leute herkommen. Jeder, dem es gegen den Strich geht, sollte herkommen und einfach mal aufstehen und zeigen, was ihm nicht passt. Ich bin gegen Gewalt. Aber ich kann die Leute verstehen, die Gewalt anwenden.

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Es sollte ohne gehen?

Es sollte ohne gehen.

Was passiert deiner Meinung nach noch?

Ich habe verschiedene Sachen gehört, aber ich denke, wir werden, wenn es möglich ist, ein Protestcamp aufbauen und hier vielleicht ein paar Tage ausharren. In der Hoffnung, dass mal einer von denen da drinnen sieht, dass hier Menschen sind, die das nicht in Ordnung finden. Da oben steht „DEM DEUTSCHEN VOLKE" und dieses Gebäude ist schon längst nur noch für die Politiker.

Fotos von Grey Hutton