Behinderte Roboter

von Johannes Niederhauser


Das hier ist Bärbel. Die Plastikrose in ihrem Haar hat sie von Dirk, dem obdachlosen Roboter, geschenkt bekommen.

Das Künstlerehepaar Pekka und Teija Isorättyä stammt aus Tornio, einem Kaff im finnischen Teil von Lappland. Sie bauen ihre eigenen Schrottroboter, die sie liebevoll „invalid Robots“ nennen, und die mit Hilfe von Rollatoren durch die Straßen humpeln. Sie sollen den Rest der Menschheit schon mal leise auf das düstere Roboterzeitalter vorbereiten, das uns bevorsteht. Die beiden haben uns erzählt, warum sie ihre Kinder nie von einem Roboter in den Schlaf wiegen lassen werden.

VICE: Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Roboter zu bauen, die kaum laufen können?
Pekka und Teija:
Für uns ist es eine verführerische Idee, diese invaliden Roboter zu bauen, weil Roboter in ihrem Einsatzgebiet ja normalerweise stärker und produktiver sind als der Mensch. Wir wollten schwache Roboter bauen. Sie sind wie „nutzlose“ alte Menschen. Auf diese Art versuchen wir, die Maschinen menschlicher zu machen.

Wollt ihr denn nicht mal einen Roboter bauen, der produktiv ist?
Ja, schon. Im Moment planen wir einen Babysitter-Roboter, der ein Kind in einer Wiege in den Schlaf wiegen kann. Das ist erschreckend einfach zu bauen. Es soll die Menschen verletzen, dass diese wichtige und intime Tätigkeit von einem ganz simplen Roboter ausgeführt werden kann. Wäre es nicht eine schreckliche Vorstellung, das tatsächlich ganz einem Roboter zu überlassen? Wir wollen erreichen, dass die Leute sagen: „Ich will nicht, dass mein Kind oder meine Großmutter von einem Roboter gepflegt werden.“

Ihr leitet also die schreckliche Roboter-Zukunft ein?
Es ist besser, wenn wir selbst Roboter bauen, dann haben wir die Kontrolle. Die NASA und Toyota bauen auch Roboter. All diese riesigen Dinger, die so viel zerstören könnten. Also bauen wir solche, die keinem was tun. Roboterkunst kann auf die erschreckenden Implikationen von Robotern, die uns ja schon überall umgeben, hinweisen.

Eure Roboter sehen auch nicht sehr angsteinflößend aus.
Ja. Viel beängstigender sind die Arten von Robotern, die nicht wie Menschen aussehen. Denn zu denen können wir keinen Bezug herstellen. Diese Roboter sind aber schon überall. Supermaschinen, die mehr können als der Mensch, zumindest in manchen Gebieten. Ich finde PCs sehr erschreckend.

Hiroshi Ishiguro hat einen Roboter gebaut, der genauso aussieht wie er. Er hofft, dass dieser Roboter eines Tages auf seine Kinder aufpassen kann, weil er darauf keinen Bock hat. Was sagt ihr dazu?
Zieh’s durch. Interessantes Projekt. Und hier zeigt sich außerdem etwas sehr Wichtiges: Menschen können schreckliche Dinge tun mit Robotern. Roboter selbst sind aber nichts Schreckliches. Uns allen muss bewusst sein, dass wir schon von Robotern umgeben sind und dass es immer mehr Roboter geben wird. Wir müssen also ernsthaft beginnen, uns über eine Roboterethik Gedanken zu machen. Die Entwicklung der Ethik und die Weiterentwicklung von Robotern müssen Hand in Hand gehen. Roboter, wie unsere, die als Kunstwerke hergestellt werden, dienen dazu, uns beim Nachdenken über die Zukunft zu helfen.

Wie soll so eine Roboterethik denn aussehen? In der ganzen Geistesgeschichte des Menschen gab es ja noch nie eine solche Technologie wie heute.
Wir wissen das im Detail natürlich auch nicht. Als Künstler bist du ja nicht Moralist. Kunst ist jenseits von Gut und Böse. Du baust etwas, damit andere Leute beginnen nachzudenken. Wir hoffen jedoch auf eine Roboterethik, und zwar im Sinne einer Ethik der Erbauer.

Teilweise sehen eure Roboter echt menschlich aus. Verwendet ihr auch echte Knochen?
Ja, hier für die Wirbelsäule haben wir zum Beispiel Rentierknochen verwendet. Wir haben sie gewählt, weil sie sehr menschlich wirken.

Gebt ihr euren Robotern auch Namen?
Ja, dieser zum Beispiel heißt Bärbel. Haha. Guter alter deutscher Name. Sie hier heißt Teija wie ich. Meine Zukunft.

Bärbel wirkt fast, als hätte sie Alzheimer.
Ja, natürlich! Doch im Ernst: Unsere Roboter können dabei helfen, Alzheimer zu verstehen. Vor einiger Zeit hatten wir eine Ausstellung in Hamburg mit dem Titel Dementia. Es kamen viele Ärzte, die Alzheimerpatienten behandeln, um sich unsere Roboter anzusehen und über die Krankheit nachzudenken. Viele Leute, die unsere Roboter sehen, denken irgendwie automatisch an Alzheimer, und fangen an, sich Gedanken über diese Krankheit zu machen und sie in einem anderen Licht zu sehen. Zumindest haben uns das die Ärzte erzählt. Außerdem waren auch ein paar Alzheimerpatienten da, deren Reaktionen auf die Roboter sehr eigenartig waren. Sie schienen sich den Robotern auf eine seltsame Art verbunden zu fühlen.  

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