Christoph Waltz ist nicht der Beste

von Markus Lust


Waltz surft. Nicht im Bild: Der Hype aus Hochwasser unter ihm.

Ihr wisst, wie das mit dem Wutbürgern ist. Erstens ist es was für typische Österreicher, die niemandem irgendeinen Erfolg vergönnen, zweitens ist es was für Leute, die sich gerne über typischen Österreicher aufregen, die andauernd wutbürgern und niemandem irgendeinen Erfolg vergönnen, und drittens sagt man dazu schon wieder längst nicht mehr so was ein guter Grund wäre, um an dieser Stelle schnell über kurzlebige Worthülsentrends zu wutbürgern. Aber egal, ob ihr nun wutbürgern oder haten dazu sagt und ob es um Rants oder einfach nur Verrisse geht, jeder Schimpfweg und jede Nörgelstraße führen unweigerlich nach Österreich.

Darüber könnte man jetzt vermutlich einen eigenen Artikel schreiben — oder sich fragen, warum eigentlich jedes europäische Land von sich glaubt, Weltmeister im Jammern und Schlechtreden zu sein. Oder aber man akzeptiert, dass wir auf dem alten Kontinent alle irgendwie kaputte Nachfahren von Bauern oder noch kaputtere Sprösslinge von Adelingen sind, die scheinbar nichts anderes im Kopf hatten, als mit ihrem generationenüberdauernden Inzest eine kontinentale Kinnladenzucht anzulegen und denen mit jedem neuen Winter ein bisschen mehr Lebensenergie aus dem Genpool gezuzelt wurde.


Waltz' Regression in eine Zeit, als der Genpool noch Planschbecken war.

Wenn man sich damit erst mal abfindet, lebt es sich auch gleich viel angenehmer. Und es fällt einem auch leichter, andere Leute mit großen Kinnladen ungeniert runterzuziehen und über sie zu schreiben, dass sie bei aller Liebe wirklich nicht so toll sind, wie der momentane Heimat-Hype (OMG, ZWEI OSCARS FÜR #ÖSTERREICH, PARTY HARD, #YOLO!) uns glauben macht.

Ich weiß, das ist derzeit keine populäre Aussage, wo alle eure Freunde doch gerade damit beschäftigt sind, die YouTube-Videos vom letzten Jahr rauszusuchen und neu zu posten, weil wir es doch alle ein bisschen geil finden, wenn irgendein US-Late Night-Host (also Leute aus dem "echten Fernsehen") endlich auch mal "Austria" sagen, aber: Christoph Waltz ist nicht der Beste.


Aber zumindest hat er Dance Moves. Hier: The Sideways Shlong Squeeze

Warum ich das denke? Aus diesen drei Gründen:

1.: Er ist nicht der beste Charakter- oder Nebendarsteller

Waltz hat zwar den perfekt oberflächlichen Tarantino-Stil auch zur schauspielerischen Kunstform erhoben, aber er wirkt dabei immer wie eine postmoderne Blackbox, von der niemand weiß, was drinnen passiert, aber bei der sich jeder denken kann, dass es rein gar nichts mit dem zu tun hat, was wir sehen. Waltz ist so etwas wie der ewig drohende, nie ausbrechende Pferdefleischskandal des Filmschauspiels. Und ich weiß beim besten Willen nicht, ob er jemals wieder woanders als in Tarantino-Lasagne Fuß fassen kann.

2.: Er ist nicht das beste Österreich-Testimonial

Wenn man sich Österreich als Marke vorstellt, sind wir bestimmt nicht das augenblickliche Amazon, sondern eher Play.com. Wie, ihr kennt Play.com gar nicht? Ganz genau. Es macht ziemlich exakt dasselbe wie Amazon, nur kleiner. Play hat keine Probleme mit negativem Image, aber auch keine Probleme mit zu viel Kundschaft. Wenn ihr in der Welt rum fragt, werdet ihr bemerken, dass es um unser Alpenminimundus ähnlich bestellt ist. In Lateinamerika kennt uns niemand und in den USA denkt man immer noch an Mozart, Hitler oder The Third Man. Und wisst ihr, was dagegen besonders wenig hilft? Jemand, der in seinem Auftritt bei Conan O'Brien Deutschland und Österreich mit einem Panzer und einem Walzer vergleicht. Genauso gut könnte er sagen: "Schaut her, sehr viel abgehobener und irrelevanter könnten wir eigentlich gar nicht sein!"

3. Er ist nicht der beste Talk Show Gast

Eigentlich sind 2. und 3. großteils flächendeckend und beides trifft auf so gut wie alle seine Auftritte von Harald Schmidt bis Conan O'Brien zu. Manche von euch werden angesichts dieser ganzen Frevelei ihr Leben nicht mehr packen und diesen Artikel so kommentieren, als wärt ihr die Betreiber von Michael Hanekes (Fake-)Twitter-Account. "Siehst du überhaupt dieselben Filme, Opfer? #Aufschrei" und "I gonna rip your ass open with lolcatz" sind da noch die nettesten Beschimpfungen, die mir von euch für mich einfallen. Aber sind wir uns doch kurz ehrlich: Wenn ihr an jeder Stelle, wo es um Österreich geht, einfach Tschetschenien einsetzt, entlocken euch die Waltz-Auftritte bestenfalls noch ein Schulterzucken.

Christoph Waltz ist die international "angekommene" Version von Harald Krassnitzer — also die Art von Typ, die im Wirtshaus ein Reclam-Heft rausholt und beim nächsten Buchklubtreffen eine zünftige Brettljausn mitbringt. Versteht mich nicht falsch, auch ich habe Django Unchained cool gefunden und war von Inglourious Basterds sogar so begeistert, dass ich mich wie ein Benzedrin-geputschter Antifa-Kämpfer fühlte, der am liebsten ins nächstbeste Cineplexx eingebrochen wäre, um überall große Qs hinzupissen und danach anzuzünden (was ziemlich viel Sinn macht, wenn man ein Benzedrin-geputschter Antifa-Kämpfer ist). Aber in beiden Fällen fiel ziemlich schnell auf, dass Waltz mehr Typus als Typ und für Tarantino gewissermaßen dasselbe war, wie Klaus Kinski für Werner Herzog und Laura Dern für David Lynch. Nämlich Obsessionen, die mehr dazu da waren, einen gewissen klamaukigen Fetisch zu befriedigen, als tatsächliche Charaktere zu verkörpern.

Bei Django hatte ich sogar schon die Befürchtung, dass Tarantinos Waltzmanie gewissermaßen seinen Fußfetisch von der Leinwand verdrängt hatte. Vielleicht ist das alles also mehr Tarantinos als Christoph Waltz' Schuld. Zumindest würde ich das wirklich gerne glauben, damit ich mit allen anderen so tun kann, als hätte ich den Oscar irgendwie selbst gewonnen. Aber so viel ich auch die Augen zusammenkneife, für mich ist Waltz durch Tarantino zu einem ganz anderen Typus geworden: Nämlich zu der völlig gekünstelten, überkandidelten, feingliedrigen Figur, die immer furchtbar gestakst und geschraubt redet und die in mir den Wunsch wachsen lässt, irgendwann mal einfach nur mit ihm Schnaps zu saufen, damit endlich ein bisschen Echtheit aus seiner gepeinigten Leber sickert.

Wie es sich für einen echten Österreicher gehört, plagt mich nach so vielen bösen Absätzen jetzt wirklich das schlechte Gewissen, sodass ich das mit dem Schnapssaufen wohl einfach schon mal alleine angehen werde. Dann kann ich im Wirtshaus auch gleich ein bisschen darüber schluchzen, dass ich persönlich nie einen Oscar gewinnen werde und mir die Tränen mit meinem eigenen Reclam-Heft trocknen. Bevor ich das Flagellanten-Trinken beginne, möchte ich noch schnell diese Entschuldigung loswerden: Sorry, Christoph Waltz, dafür hattest du bei Am dam des auch wirklich die allercoolsten Hosen!

Sind wir wieder gut? Wir können ja trotzdem hinter dem Rücken weiterschimpfen, wie es sich für richtige Österreicher gehört. Dann auch gerne per Sie. Oder so. Mahalo!


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