Filmbunker

Der große VICE Oscar-Bunker

von VICE Staff

Diesen Sonntag ist es wieder so weit: Die Welt darf 4 elendslange Stunden dabei zusehen, wie reiche Menschen sich gegenseitig Preise verleihen. Aber nicht nur irgendwelche mickrigen Preise wie "Bester Hobbyschütze", "Super-Mami" oder einen Golden Globe nein, es geht um die goldenen Königsstatuetten unter den Preisen, die Academy Awards. Für die Nichtfilmstars unter uns bedeutet das mittelmäßige Mottopartys, amerikanische Snacks und viel zu lange wach und/oder nüchtern bleiben. Aber da es in unserer Gesellschaft nicht um den durchschnittlichen Pöbel, sondern die wenigen statistischen Ausreißer geht, die dem Pöbel den Prunk vorleben, mit dem er selbst sowieso nichts anzufangen wüsste, ignorieren wir mal kurz, dass wir selbst auch nicht gerade berühmt (oder reich oder sonst was) sind und diskutieren uns die Klassenunterschiede anhand der Nominierten in den Hauptkategorien bester Film, beste Regie, bester Hauptdarsteller und beste Hauptdarstellerin weg. Mit dabei im Bunker sind diesmal: Dalia Ahmed, Christian Krisper, Markus Lust, Ole Weinreich und Josef Zorn. Special Appearances by Peter Vogl und Hanekes Twitter-Account.

 

BEST PICTURE

Wir starten mit den Nominierten in der Königsdisziplin, die bei der Oscar-Verleihung üblicherweise erst am Ende kommt: denen in der Kategorie bester Film. Der erste Gewinnerfilm wurde 1928 gekürt und heißt Wings. Wir haben drei Männer mit Magisterabschluss im Fach Theater-, Film und Medienwissenschaft bei uns und kein einziger hat bisher von diesem Streifen gehört. Letztes Jahr gewann übrigens The Artist, der nur so tut, als wäre er aus den 20er-Jahren und von dem natürlich schon alle gehört haben (Poser). Hier die diesjährigen Nominierten:

Amour

Markus: Ich weiß, das lässt mich in eurem Ansehen sinken, aber ich hab mich bisher noch nicht überwinden können, dem Wintertief mit so was Auftrieb zu geben. Ist Amour das Gegenteil von Popcorn-Kino? Also quasi Herumkauen auf Maiskernen? Ich würd’s Haneke ja wünschen, aber ich glaub, Amour ist zu wenig Unterhaltung für den Preis.

Christian: Doppelnominierungen in den Kategorien "Bester Film" und "Bester nicht englischsprachiger Film" sind ja eigentlich schon Diskreditierung genug. Wie gut muss ein "ausländischer" Film sein, um mit den "englischsprachigen" (soll heißen: US-amerikanischen) Produktionen mithalten zu können? Um dann selbstverständlich doch nur in der Nebenkategorie abgespeist zu werden ...

Dalia: Ich glaube, das ganze könnte wie bei Carrie sein. Amour gewinnt, Haneke geht auf die Bühne und wird dann mit Schweineblut übergossen. Nur, dass sie ihm dann noch schnell den Best Foreign Language Film-Oscar in die Hand drücken, damit er Seth MacFarlanes Kopf nicht mit Telekinese zum Platzen bringt.

Josef: Wenn Amour gewinnt, zahl ich wieder in meine Pensionskasse ein.

Ole: "omg plz get #teamhaneke trendn o plz plz plz. ill brayk u of a piese of my oscar like in meen girls plz lol"

 

Argo

Christian: Verstaubte Polit-Thriller haben ja schon was für sich, dennoch ist Afflecks Argo eine mir überraschend und herzlich willkommene Fokusverschiebung auf die gänzlich unpolitischen Fädenzieher hinter dieser Geschichte. Argo ist nicht nur ein spannender Heist-Film, sondern zu aller erst ein Film über (die Filmindustrie) Hollywood. Auch wenn ihr mich dafür hasst, ich hoffe, er gewinnt "Best Picture".

Markus: Argo war schön. Ich mag Filme, die den Druck von dir nehmen, alles über Zeitgeschichte wissen zu müssen. Hier musst du im Wesentlichen gar nichts wissen, außer, dass die ganze Geschichte gut ausgeht. Sonst kommt es einem vielleicht komisch vor, warum nur von den sechs Typen die Rede ist, die aus der Botschaft entkommen sind, während die hundert anderen, die immer noch dort festsitzen, erst im Abspann wieder erwähnt werden. Also bitte, Mini-Spoiler: Happy End (aber kein Best Picture).

Peter: Da Django mangels Ernsthaftigkeit und korrekter Sensibilitäten nicht gewinnen kann, drücke ich meine Daumen Argofuckyourself. Argo ist ein überraschend brauchbarer und kurzweiliger Thriller, dem ich zugutehalte, dass er eine coole Fiktion ist, und eben keine wahrheitsgetreue Aufarbeitung der Ereignisse am Rande der Geiselnahme von Teheran. Ich habe auch nichts persönlich gegen Regisseur/Hauptdarsteller Ben Affleck, nur weil er sehr erfolgreich ist und mit einer geileren Frau als ich Sex hat. Live and let fuck. Der „Hollywood rettet Menschlenleben“- Plot schmeichelt den Mitgliedern der Academy sicher, aber die werden sich trotzdem viel lieber mit dem politisch aufgeladenen Zero Dark Thirty solidarisieren. Buh!

Josef: Ich weigere mich einen Film von Ben Affleck abseits von Daredevil anzuerkennen.

Dalia: Die Vanillegeschmacksrichtung unter den Nominierten, ein bisschen lustig, ein bisschen ernst und die Latino Hauptfigur spielt Ben Affleck. Argo ist der Film, der jeden Sonntag Mutter anruft.

Ole: Ben Affleck ist jetzt wieder ein Star? Gibt's dann demnächst auch eine Gigli-Fortsetzung?

 

Beasts of the Southern Wild

Markus: Die Sensationsstory dieses Films, der völlig abseits des Studiosystems mit Filmförderungen entstanden ist und trotzdem für den Best Picture Award nominiert wurde, kann gar nicht oft genug nacherzählt werden. Am besten in einer selbstgebauten Weltuntergangsfestung, mit kaputtem Topf auf dem Kopf und riesenhaften Wildschweinen vor der wassergefluteten Tür. Beeindruckender als Monsters, wichtiger als Where The Wild Things Are. Ich schätze zwar, dass das nicht für den besten Film reicht, aber gut wär’s schon.

Christian: Ein wahrhaft schöner Märchenfilm für Erwachsene, über den schon so viel Gutes gesagt und geschrieben wurde. Mich hat er einfach nicht so wirklich packen können, sorry.

Dalia: Ich habe ihn zwar noch nicht gesehen, aber schon nach den ersten 10 Sekunden Trailer angefangen zu heulen. Wenn irgendwas mit kleinen Kindern ist, vor allem arme kleinen Kinder, dann fängt das bei mir immer automatisch an. Auch Hillbillyparties und alles andere das mit "Wir haben nicht viel (nicht mal was die Zähne im Mund betrifft), aber wir haben uns" anfängt, lässt mich salziges Feucht auf meinen überteuerten Laptop auf meinem überteuerten Schreibtisch, vergießen.

Peter: Meh. Statt dem vom Trailer versprochenen mitreißenden und lebensbejahenden Feel-Good-Film sah ich einen uninspirierten Schlafmacher über arme Menschen, die abseits von Zivilisation in einem Sumpfgebiet vor sich hin leben. Ich will nicht dass dieser Film gewinnt, einfach weil er mir nicht gefällt.

Josef: Mein Lieblingstitel, von dem ich noch keine Ahnung habe, was oder wer da los ist.

Ole: … und habt ihr gewusst, dass das alles Laienschauspieler sind? So ein magischer Film.

 

Django Unchained

Christian: Was heißt hier, Argo gewinnt!? Hat der Vollidiot nicht Django gesehen? Klar hab ich das, und klar ist Django der so viel bessere Film, der Geschichte (neu) schreibt – sowohl für den Film als auch die USA – und dabei so verdammt schlau ist, dass jeder Pseudo-PC-Einwurf die reinste Lachnummer und nur Beweis für die Notwendigkeit dieses Tarantino’schen Meisterwerks ist. Aber er wird halt trotzdem nicht gewinnen.

Josef: Tarantino sprengt sich selber in die Luft.

Ole: Wie immer. Super einzelne Szenen, aber viel zu langer Film. Aber besser als Basterds.

Markus: Mit Überlängen hab ich natürlich weniger ein Problem als vielmehr eine Affäre, wie jeder weiß, der schon mal einen Text von mir gelesen hat. Aber besser als Basterds? Meh. Wenn, dann ein Ehren-Oscar für Coolness.

Peter: Wir wissen alle, dass der geniale Django Unchained der beste Oscar-Film ist. Dialoge, Schauspiel, Regie, Kamera, Inszenierung – alles first class. Wir wissen aber auch, dass er den Best Picture Award nicht gewinnen wird. Um ernsthafte Chancen zu haben, fehlt es dem Unterhaltungsfilm an der Schwere eines ernsthaften Historiendramas, wie z. B. Schindler’s List oder eben Lincoln, der heuer gleich mit zwölf Nominierungen an den Start geht. Der Oscar für das beste Originaldrehbuch wäre – milde formuliert – angebracht.

Dalia: Nein, die 5000 Mal die "Nigger" gesagt wurde, haben mich nicht gestört.Ja, die 2500 Mal bei denen die anderen Leute im Saal dumm gelacht haben, weil "Nigger" gesagt wurde, haben genervt.

 

Les Misérables

Christian: Ich bin wahrscheinlich das einzig arme (oder dumme) Nerd-Häufchen hier, das sich tatsächlich – der Vollständigkeit halber – diese zweieinhalbstündige Katzengejammer-Nummernrevue mit verdreckten Heulfressen im Super Close-up angetan hat, um somit ein tatsächliches Urteil an dieser Stelle abgeben zu können. Klar, was erwartet man sich auch von pompös aufgeladenen Historien-Musical-Epen. Dennoch haben wir hier eine neue Super-Liga von Oscargeilem Musical-Bockmist und Verhundsung von Weltliteratur, die seines gleichen sucht.

Ole: Ich habe keine Ahnung was das ist, aber anscheinend spielt Russell Crowe mit. Singt er auf Französisch?

Dalia: Arme Menschen, die singen erinnern mich an Sandler in der U-Bahn, die kurz davor sind sich anzupissen oder dich abzustechen. 

Markus: Bei der Verkündung der Oscar-Nominierung haben sowohl Emma Stone als auch Seth MacFarlane den Filmtitel "Lei Mis-err-ab" ausgesprochen. Ich weiß schon, dass Französisch verwirrend ist, weil sie nur die Hälfte der Buchstaben aussprechen, aber hier fehlt definitiv ein L. Wie in: lustlos, langatmig und Lobotomie.

Josef: Russel Crowe singt wie Lindsey Lohan Auto fährt.

 

Life of Pi

Christian: Der Tiger ist schön. Und sieht auch verdammt echt aus.

Dalia: Ich bereue zwar nicht, für diesen Film eine 3D-Brille über meine eigene Brille aufgesetzt zu haben und damit den einen Street Credit, den ich hatte, verloren zu haben, aber außer schön sein, hat mir Life of Pi nicht besonders viel geboten.

Josef: Süß das mit dem Zebra.

Markus: Life of CGI. Wenn ihr beeindruckende Pupillen-Bonbons braucht, schaut euch lieber noch ein paar Mal The Fall an.

 

Lincoln

Markus: Ja, Daniel Day-Lewis ist ein Gott des Method-Acting und liefert nicht nur den besten Lincoln, sondern überhaupt eine der besten Figuren ab, die das Mainstreamkino vor und bei und abseits von Steven Spielberg je gesehen hat. Ja auch dazu, dass Lincoln indirekt DAS Obama-Denkmal des Jahrzehnts ist und einen am Ende auch noch innerlich aufjubeln lässt, obwohl man natürlich vorher schon ganz genau weiß, dass der Kongress gegen die Sklaverei stimmen wird. Nur bin ich mir nicht sicher, ob der Film auch ohne Nominierung und Obama – also als Film an sich, abseits der ihn umgebenden Zeitgeschichte – dieselbe Kraft hätte und glaube daher einfach mal nicht, dass er das Rennen macht.

Christian: Schon noch etwas besser als die Vampirjäger-Version, aber dennoch kein Django oder gar Fackeln im Sturm. Für ein Bürgerkriegsepos braucht es halt doch mehr als stark ausgeleuchtete Prunkräume, zu lange Monologe und Pathos-Musik.

Josef: Nichts für Theaterliebhaber und Spielberg-war-früher-besser-Leute.

 

Silver Linings Playbook

Markus: Behinderte einmal anders, aber trotzdem sonntagnachmittagskomödientauglich?  Alles, was ich über diesen Film weiß, steht im letzten Satz.

Josef: Ich bin sicher verkorkster als das Anstaltspärchen.

Christian: Einfach nur schön.

Dalia: Warum schaut alles an diesem Film nach cheesy Rom-Com aus!? Als ich zum ersten Mal das Plakat gesehen habe, dachte ich mir: der eine von Hangover 2 und die eine von Hunger Games ... und habe meine Augen so stark verdreht, dass ich mein Gehirn gesehen habe. Und jetzt ist der Film überall nominiert. Nachdem der Arzt meine Augen richtet, werde ich ihn mir wohl anschauen müssen.

Ole: Das erste Mal seit Ewigkeiten, dass de Niro wieder so getan hat, als ob er ein Schauspieler wäre und nicht nur eine SNL-Version von sich selbst.

 

Zero Dark Thirty

Christian: Hier hätten wir dann zu guter Letzt doch noch unseren eindeutigen Sieger. Bigelow ist ein Genie und quasi jeder einzelne ihrer Filme ein Meilenstein des (Action-)Genrekinos. Nun hat sie den (Vor-)Film zu "Homeland" gebracht und ganz nebenbei eine der besten Frauenfiguren des letzten Jahrzehnts gezeichnet (wieder mal). Die Frage nach der Authentizität von Folterszenen ist jedoch scheinbar schwerwiegender, als dass bei Lincoln zwei Abgeordnete anders gestimmt haben als im Film dargestellt.

Dalia: Die Verschwörungstheoretikerin in mir geht davon aus, dass Zero Dark Thirty gewinnt. Was ich nur ok fände, wenn Dick Cheney den Oscar entgegennimmt und endlich zugibt, dass er das Drehbuch geschrieben hat.

Markus: Meine Meinung zu diesem Film hab ich schon zur Genüge in meiner Review kundgetan. Vielleicht nur das noch: Wer das Werk auf die fünf Minuten reduziert, in denen es angeblich nicht deutlich genug zeigt, dass Folter scheiße ist, der ist nicht nur die Ursache für Jersey Shore, sondern hat auch mich und die New York Times gegen sich. Ernsthaft: Was glaubt ihr denn, wie Großmächte Kriege gewinnen? Mit Zuckerzigaretten und Gratis-Hotdogs?

Josef: Markus hat hierzu schon ALLES gesagt.

Ole: Man kann nie genügend Kathryn Bigelow-Filme in seinem Leben gesehen haben.

Auf der nächsten Seite geht es weiter mit den Nominierten in der Kategorie bester Hauptdarsteller.


WEITERE GESCHICHTEN AUS DEM BUNKER

Berlinale Breakdown
Wir waren für euch auf dem Festival mit dem Goldenen Bären, damit ihr nicht selbst hin müsst, und haben uns neben der Stadt auch ein paar Filme angesehen.
Köstlich, krank und unter aller Sau
Auch wenn ihr manche der Klassiker hier schon hundert Mal gesehen habt, diese Filmfehler und Laiendarbietungen sind einfach so unterirdisch genial, dass ihr sie noch hundert Mal schauen solltet.
Was macht Django eigentlich so Unchained?
Wir reden darüber warum Quentin Tarantino so ein N-Nerd ist, ob das OK ist und ob die Waffenglorifizierung in Schwarzeneggers neuem The Last Stand vielleicht vom Timing her etwas scheiße eingesetzt wurde.

 

Kommentieren