Ein pompöööser Proll auf der Fashion Week

von Luke Atcheson

Da ich noch nie auf einer Fashionshow war, wusste ich nicht wirklich, was mich auf der Modenschau von Harald Glööckler erwarten würde, und ich wusste natürlich noch weniger, was ich anziehen sollte. Also habe ich mich entschlossen, eher einen auf Understatement zu machen. Wie meine Mutter schon immer gesagt hat: Du sollst dich wohl fühlen in deinen Klamotten. Und ich fühle mich am wohlsten in meinem guten, alten Trainingsanzug. Auf ging es dann ins fancy Hotel de Rome zu der wohl glamouröösesten Fashion-Show der Stadt.

Ich hätte gar nicht so verunsichert sein sollen. Da waren Mädchen mit Fliege und Jungs in Schürze, die mir Sekt anboten. Als ich mir das Programm der Show anschaute, stieg meine Spannung gewaltig: „Las Vegas auf zwei Beinen” und „Wie Coco Chanel auf LSD” stand da.

Fashion-Leute sprechen oft von einem „Faux-Pas”. Ich weiß nicht genau, was die damit genau meinen, aber ich bin mir sicher, dass ich mir hier so einen „Faux-Pas” geleistet habe. Da waren auf einmal lauter ältere Fotografen, die sich um diese zwei dicken Frauen getummelt haben. Genau vor dem einzigen Eingang zur Show. Als ich mich vorbeidrängen wollte, waren alle ernsthaft von mir angepisst.

Die Prä-Show ging drinnen weiter, wo einige der Gäste mehr und andere weniger enthusiastisch von den Fotografen begrüßt wurden.

Die Posen der Stars waren dabei relativ generisch. Die Mädchen machten alle einen auf Marilyn Monroe, und die Männer posierten meist im Zoolander-Style. Ich habe nicht ganz verstanden, wieso jetzt der eine mehr und der andere weniger fotografiert wurde ...

Ich habe mir gedacht, dass es vielleicht etwas damit zu tun haben könnte, wo genau im Raum man sich befindet. Also habe ich beschlossen, mich auf den Laufsteg zu begeben, um die Aufmerksamkeit der Fotografen auf mich zu lenken. Und tatsächlich lief auf einmal alles in Zeitlupe ab, und im Augenwinkel konnte ich einen vereinzelten Blitz wahrnehmen. 

Ich habe erst später herausgefunden, dass die beiden Kamerahuren von eben ziemlich große Reality-TV-Stars waren. Irgendwas mit einem Dschungel und einem Superstar. Es waren Annemarie Eilfeld und Jay Khan, falls es jemanden interessiert. Ich denke zwar nicht, aber na ja. Ich merkte langsam immer mehr, dass ich promi- und fashionmäßig nicht besonders viel drauf habe. Also beobachtete ich das Geschehen erstmal aus der hintersten Reihe. In der ersten Reihe durften nämlich auch nur die zu Popstars gewordenen TV-Sternchen Platz nehmen.

Als nächstes kamen in der Hackordnung jene mit den speziellsten Kopfbedeckungen. Hüte, Klebe-Afros, Pegasus-Ohren ... Es war überwältigend!

Die zweite Reihe war auch nicht zu verachten. Sie schien für Hollywood-Bösewichter reserviert zu sein. Rechts hatten wir die Welpen schlachtende, in Fuchspelz gehüllte Cruella De Vil, in der Mitte den bösen Zauberer aus Aladdin und links den Fiesling aus vielen 80er-Jahre-Action-Filmen—den übertrieben wortgewandten Englisch-Professor, der zum Bösewicht wurde.

Diese Brüder im Haare haben sich auch einen Platz in der ersten Reihe gesichert. Fluffy in der Mitte war anscheinend sogar schonmal im Fernsehen. Das bestätigt, dass man ein Star sein musste, um in der ersten Reihe zu sitzen. Außerdem ist er gerade in den Medien, weil er behauptet, Bill Kaulitz hätte ihm die Frisur geklaut (die beiden kennen sich schon ewig). Ich will jetzt nicht weiter Werbung für ihn machen, aber ich muss es loswerden, weil es so ein schönes Wortspiel ist. Sein Friseursalon heißt Hairricane. Verstehst du? Ich liebe Friseur-Wortspiele ... Dass da allerdings die beiden Nicht-Fernsehstars sind, zeigt, dass man die bisher etablierten Regeln zur Sitzvergabe umgehen kann, indem man einfach fabelhaft genug aussieht. Man beachte die Mini-Tiara in seinen Haarspitzen.

Dann kam Glööckler himself. Souverän posierte er für die Kameras und verteilte Kusshände. Sein Partner machte derweil das klassische Peace-Zeichen. Ein Klassiker ist eben ein Klassiker. Ich persönlich gebe ihm da total recht. Wenn ich auch kein Experte bin.

Als den Leuten auffiel, dass es keine Gratis-Drinks mehr gab, ging Gott sei dank die Show los und ein goldener Kobold erschien auf dem Catwalk. Meine erste Fashionshow hatte begonnen! Man muss es ihm lassen, die rehgleiche Kreatur legte eine ziemlich gute Show hin mit viel Getanze. 

Die Models, die nach ihm kamen, haben mich jetzt nicht so beeindruckt. Die Leute in der ersten Reihe nickten zustimmend mit ihren Köpfen, während die Mädchen hin- und herliefen. Ich fand die Klamotten jetzt auch nicht so toll. Irgendwie sahen sie ein bisschen billig aus, einfach nur viele Pailletten und Tiermuster.

Hier ist ein Outfit, das wirklich herausstach. Ich dachte immer, dass man Rosen, Schleifen, Leoparden-Prints und Kronjuwelen nicht kombinieren kann. Aber Glööckler hat mich davon überzeugt, dass es doch geht. Und wenn man bedenkt, dass das Kleid nur 29.99 Euro kostet, ist das ein echtes Schnäppchen. Vergiss nicht, dass du es hier zum ersten Mal gesehen hast! Der Nutten-Schick wird 2013 der Renner. 

Glücklicherweise habe ich an der Seitenauslinie einen Verbündeten getroffen. Er hat mich über die ganzen wichtigen Stars aufgeklärt, die ich bis dato übersehen hatte. Danke!

Die Show erreichte ihren Höhepunkt und es erklang ein verzerrtes, sich dauernd wiederholendes „Amazing Grace, Amazing Grace“. Ich weiß nicht, ob es üblich ist, bei so einer Veranstaltung Gehirnwäsche zu betreiben, aber ich hatte auf einmal das dringende Bedürfnis, dem Star-Designer zu gratulieren. Doch erst gab es noch einen kurzen Pit-Stop für den Held des Abends. Glööckler hat sich häufiger nachschminken lassen, als der Monokel-Mann hinter ihm die Nase gerümpft hat.

Während die Fans darum rangen, ein Bild mit ihrem Star-Designer zu ergattern, wurde mir langsam klar, dass es „jetzt oder nie“ hieß, wollte ich Glööckler persönlich treffen. Ich bahnte mir meinen Weg nach vorne, ohne Harald aus den Augen zu lassen (bei der ganzen Aufregung fühlte es sich so an, als wären wir per Du)

Und hier bin ich, wie wir Hände schütteln. Obwohl wir nur für den Bruchteil einer Sekunde quatschen konnten, habe ich gleich gemerkt, dass er ein netter Kerl ist. Aber seine Bodyguards konnten mich nicht schnell genug wieder wegschubsen. 

Ihre Reaktion war ziemlich typisch für das, was mir den ganzen Abend entgegengeschlagen war. Trotz der völlig übertriebenen Outfits, die es da gab, wurde ich von allen Seiten verspottet. Sogar einer der Angestellten kam zu mir und fragte mich, was ich hier denn mache, als ob ich ein Penner wäre, der sich verlaufen hat. Pff, egal. Ich habe mich mit ein paar Leuten angefreundet, die auch ein bisschen anders aussahen als der Rest. Dann habe ich mich langsam auf den Heimweg gemacht.

Das war eine komische Erfahrung. Ich hatte keine dummen Fragen gestellt oder zu laut gelacht wie so ein Brüno. Trotzdem hat mich niemand richtig akzeptiert. Und ich weiß auch warum. Erstens: richtig gut auszusehen ist das Allerwichtigste. Zweitens: Umlaute sind auch total wichtig. Das sind zwei Regeln, die ich auf jeden Fall für meinen nächsten Auftritt bei der Fashion Week beherzigen werde.

Fotos von Grey Hutton

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