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      Wenn Herzen brechen, der Verstand verloren geht und Gliedmaßen fehlen

      February 6, 2013

      Von J. Malcolm Garcia


      Fotos: Farzana Wahidy. Amputierte machen eine Pause von ihren Übungen im Orthopädiezentrum des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Kabul, Afghanistan, Oktober 2012.

      Wir stehen am Bett von Mohamad Doad auf der Querschnittsgelähmtenstation des Orthopädiezentrums des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Kabul. Mein afghanischer Kollege Aziz Ahmad übersetzt mir Mohamads Klagen.

      „Er sagt, er hasst amerikanische Soldaten“, meint Aziz zu mir.

      „Warum hasst er die USA?“, frage ich. Er ist Polizist. Die USA haben ihn ausgebildet, um gegen die Taliban zu kämpfen.

      „Er sagt, er hat mit angesehen, wie drei Familien von Koalitionstruppen getötet wurden. Wenn es ihm wieder besser geht, sagt er, will er die amerikanischen Soldaten eigenhändig umbringen.“

      „Und trotzdem will er mit mir reden?“

      „Damit er sich an dein Gesicht erinnern und dich umbringen kann, wenn es ihm besser geht, meint er.“

      Mohamad, der mit seinen 23 Jahren gerade mal wie 14 aussieht, wurde letztes Frühjahr von den Taliban ange­schossen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Saals befindet sich ein Trainingsraum, wo frisch Amputierte lernen, ihre neuen Prothesen zu benutzen. Die meisten dieser Patienten haben durch Landminen oder Panzerfäuste eine Hand oder ein Bein verloren—einige schon während der russischen Invasion im Jahre 1979, andere erst vor Kurzem in Kämpfen zwischen amerikanischen Soldaten und den Taliban.

      Ich klemme meinen Stift zwischen die Seiten meines Notizbuchs und sehe Mohamad an. Ich bin amerikanischer Reporter. Seit 2004 arbeiten Aziz und ich in Afghanistan zusammen. Auf dieser Reise berichte ich über die Folgen von mehr als 30 Jahren Krieg. Dazu habe ich etwas Zeit mit einer Handvoll der Opfer dieses Krieges verbracht.


      Ich kam Anfang Juli und blieb bis Ende August. Ich hatte früher kommen wollen, aber Aziz hatte mich per E-Mail gewarnt, es sei nicht sicher. Im Januar, gerade mal sechs Monate vor meiner Ankunft, war ein Video aufgetaucht, das zeigt, wie US-Marines auf die Leichen von Talibankämpfern urinieren. Einen Monat später verbrannten US-Soldaten Dutzende von Koranen und provozierten damit tagelang andauernde Unruhen im ganzen Land und Übergriffe auf amerikanische Streitkräfte. Im März wurde ein US-Soldat angeklagt, in der Provinz Kandahar in die Häuser von Zivilisten eingedrungen zu sein und 16 Personen erschossen zu haben. US-Beamte entschuldigten sich für den Vorfall, doch ihre Reue konnte die Proteste und Angriffe, bei denen mindestens 30 Menschen getötet wurden, darunter auch sechs US-Soldaten, nicht eindämmen. Und in den Wochen unmittelbar vor meiner Ankunft berichtete das Pentagon, dass immer häufiger von den Amerikanern ausgebildete afghanische Polizeirekruten ihre Waffen gegen US-Soldaten richteten.

      „Du hast dir für deinen Besuch keinen guten Zeitpunkt ausgesucht“, sagt Aziz, als er mich am Kabul International Airport abholt. „Alle sind sehr wütend auf Amerika.“

      Kleinlaut liegt Mohamad in seinem Krankenhausbett. Im blassen Schein der irisierenden Lampen, die von den losen Deckenkabeln herunterhängen, wirkt sein braunes, makelloses Gesicht fast wie aus Wachs. Seine großen blauen Augen scheinen mich eher neugierig als hasserfüllt anzublicken, doch seine Worte sagen etwas anderes. Plastikschienen mit Klettverschlüssen halten seine Beine gerade, die so dünn sind, dass ich mich frage, ob er vor dieser Verletzung vielleicht an Polio erkrankt war. Schmutzige Mickey-Mouse-Socken, gespendet von irgendeiner Hilfsorganisation und viel zu groß für seine Füße, hängen schlaff von seinen Zehen.

      Die meisten Patienten auf der Querschnittsgelähmtenstation sind von der Hüfte abwärts gelähmt. Einige können so wie Mohamad kurze Strecken gehen, aber nur mithilfe von Beinschienen und schweren eisernen Gehhilfen. Das Zentrum hat kein Personal, um den Patienten beim Essen, auf der Toilette oder beim Baden und Anziehen zu helfen. Ein Freund oder Verwandter muss einspringen, andernfalls wird der Patient entlassen. Deshalb ist Mohamads Cousin hier. Er steht hinter der Gehhilfe des jungen Opfers und reicht ihm ein Glas Saft.

      Im Mai haben die Taliban Mohamads Polizeiauto vor Kandahar aufgelauert. Zu seinen Pflichten als Polizist gehörte auch das Zerstören von Opiummohn, mit dessen Erlös der Aufstand weiter angeheizt wird. Mohamad wurde in den Rücken geschossen; die Kugel trat links aus seiner Brust wieder aus. Er brach über seinem Auto zusammen und konnte sich nicht mehr bewegen. Ein anderer Polizist fand ihn zehn Minuten später und fuhr ihn zur US-Militärbasis in Kandahar, von wo aus er mit dem Hubschrauber ins Armeekrankenhaus nach Kabul gebracht wurde. Dort wurde er fünf Tage lang behandelt. Am sechsten Tag überführte man ihn ins Orthopädiezentrum.

      „Erinnere ihn daran, dass die Amerikaner sein Leben gerettet haben“, sage ich zu Aziz. „Was sagt er dazu?“

      „Er sagt, es gehe nicht um sein Leben, sondern um die westlichen Armeen in seinem Land.“

      „Warum ist er Polizist geworden?“

      „Weil er einen Job brauchte. Außerdem mochte er die Arbeit, aber dann wurde auf ihn geschossen.“

      Aziz erzählt mir, dass Mohamad als Polizist etwa 33 Dollar im Monat verdient hat. Sein Kommandant hat ihn seit dem Überfall weder angerufen noch besucht. Während Aziz übersetzt, starren die anderen Patienten uns an. Auf den braunen Plastikmatten, die zu groß sind für die darunter befindlichen Metallbetten, zucken ihre Körper in der Julihitze. Über ihren Köpfen summt ein unerbittlicher Zyklon aus Fliegen. Ich höre das Geräusch ihrer Haut, wenn sie sich von der Plastikmatte löst, und rieche den brutalen Gestank ihrer Körper, wenn sie sich umdrehen und dabei ihre Laken verlieren. Mehrere haben an Oberschenkeln und am Gesäß klaffende Druckgeschwüre in der Farbe fauliger Avocados. Sie sehen aus, als hätte man sie misshandelt.

      „Oh, Gott“, entfährt es mir, ich halte mir Mund und Nase zu.

      Mohamad grinst höhnisch. „Fuck Amerika!“, sagt er.

      Ich sage Aziz, dass mir schlecht ist. Er nimmt mich am Ellbogen und führt mich schnell auf die Amputiertenstation, wo durch offene Türen eine warme Brise hereinweht. Mein Kopf wird wieder klarer, und auch das Engegefühl in meiner Kehle verschwindet. An den hellen weißen Wänden hängen gerahmte Bilder von Bein-, Hand- und Armprothesen. Auf den Bänken warten Patienten, dass sie an der Reihe sind. Einige haben ihre Beinprothesen abgelegt, mit ausgelatschten Sandalen an den steifen Plastikfüßen säumen diese die Wand.

      Wir hören, wie ein Therapeut mit einem Jungen arbeitet. Da, wo früher sein linkes Bein war, baumelt der pyjamaartige Salwar Kamiz des Jungens nun schlaff herunter. Kniend untersucht der Therapeut den Stumpf und reibt dabei mit dem Daumen über die Narben. Er trägt einen weißen Kittel. Er hat leuchtend blaue Augen und einen mächtigen grauen Bart. Tiefe Furchen durchziehen sein eingefallenes Gesicht.

      „Wo liegt das Problem?“, fragt der Therapeut seinen Patienten.

      „Ich kann das Knie nicht gut beugen“, erwidert der Junge. Er hält dem Therapeuten die Beinprothese hin.

      „Wie heißt du, und wie alt bist du?“

      „Zabiullah. Zwölf.“

      Der Therapeut schreibt es auf sein Klemmbrett.

      „Wie ist das passiert?“

      „US-Beschuss, Oberst.“

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      Themen: Afghanistan, Krieg, Verletzte

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