Asexuelle wollen jetzt auch queer sein

von Kristen Bahler

Minerva ist nicht lesbisch. Diesen Punkt hat Minerva aus Massachusetts die letzten drei Stunden immer wieder geschickt aufbereitet.

„Mir wurde gesagt, dass ich leicht für eine Lesbe gehalten werden könnte“, sagt sie und deutet auf ihre kurzen kupferfarbenen Haare. „Das ist an sich keine schlechte Sache.“

Minerva sagt, sie sei nicht lesbisch und ganz bestimmt nicht hetero. Mit 29 Jahren hatte Minerva, die bei ihrem Tumblr-Namen genannt werden möchte, noch nie eine Beziehung. Sie sagt, sie sei asexuell. Das bedeutet, dass sie kein sexuelles Verlangen verspürt. Zu niemandem.

Minerva sagt, sie sei queer, wenn sie über ihre Sexualität spricht. Zum Ärger vieler Mitglieder der lesbischen, schwulen, bisexuellen und transsexuellen Gemeinschaft. Als Schimpfwort, das sich Minderheiten wieder zu eigen gemacht haben, ist der Begriff „queer“ emotional genauso aufgeladen, wie er auf seltsame Weise exklusiv ist. Im Netz wird momentan debattiert, ob sie sich so nennen darf. In einigen Foren löste diese Bezeichnung einen regelrechten Krieg aus. 

Jemanden festzulegen ist nicht so einfach

Im Oktober 2011 hat eine Organisation, die sich „Asexual Awareness Week“ nennt, eine Umfrage durchgeführt.

Es wurden mehr als 3.000 Menschen interviewt, die sich selbst als asexuell bezeichnen. Laut der Untersuchung haben mehr als 40 Prozent der Befragten gesagt, dass sie sich als LGBT sehen.

Weitere 38 Prozent bezeichnen sich als „Verbündete“ oder Unterstützer.

„Deine Sexualität anders oder gar nicht auszuleben, bedeutet nicht automatisch, queer zu sein“, schrieb „Aria“ in einem Tumblr-Post vor einigen Monaten. „Man nennt asexuelle Menschen nicht queer, nur weil sie keine Sexgefühle haben.“ In einem ähnlichen Post schrieb ein Blogger: „Wir haben das Recht auf eine eigene Gemeinschaft. Wir haben das Recht auf unsere eigenen queeren Freiräume ...“

Die Bemerkungen zeugen von einer Stimmung, die in einigen LGBT-Kreisen fest verwurzelt ist. Für ihre sexuelle Freiheit haben Homosexuelle mehr als ein halbes Jahrhundert gekämpft. Das war auch oft mit körperlichem Widerstand verbunden. Die geschätzten ein Prozent Asexuelle haben sich traditionell bedeckt gehalten.

Wer darf sich denn jetzt queer nennen?

LGBTs ärgern sich nun, dass sich die Asexuellen jetzt auch queer  nennen wollen. Ganz besonders deswegen, weil die Asexuellen eigentlich nie für ihre Rechte gekämpft haben, sondern lieber unter dem Radar blieben. 

„Viele Leute der Queer-Gemeinde haben so schwer für ihre Sexualität gekämpft, dass sie nicht verstehen können, wie die Gemeinde der Asexuellen mit dem verbunden ist, was sie machen“, sagte der asexuelle Aktivist David Jay erst kürzlich in einem Interview. 

2001 hat Jay das Asexual Visibility and Education Network (AVEN) ins Leben gerufen, eine Online-Plattform für asexuelle Menschen.

Mittlerweile ist er das Gesicht der Gruppe und hatte schon Auftritte auf Fox News, The View auf ABC und war in Dan Savages Savage Love-Podcast zu hören. Savage ist ein US-amerikanischer Journalist und Autor, der die Sexualratgeberkolumne Savage Love schreibt. Davon abgesehen ist er auch der Initiator der It gets Better-Kampagne.

In Angela Tuckers Dokumentarfilm (A)sexual aus dem Jahr 2011 nehmen Jays Versuche, die Asexualität von ihrem Stigma zu befreien, eine zentrale Rolle ein. 

Eine besonders ergreifende Szene zeigt den 30-jährigen Aktivisten auf der Pride Parade in San Francisco, wie er Flyer über Asexualität verteilt. 

Als er versucht, einem spärlich bekleideten, vermutlich schwulen Mann einen Flyer zu reichen, antwortete dieser nur, er „bemitleide seine Seele“ und rennt davon, ohne einen Flyer zu nehmen. In einer anderen Szene kichert Savage über die Asexuellen und verurteilt das Konzept als „lächerlich“.

Die LGBT und die Asexuellen sind beides Randgruppen

„Definitiv handelt es sich um ein Hin und Her zwischen Asexuellen und LGBT“, schrieb der Psychologe Jesse Bering in einem E-Mail-Wechsel. 

Bering ist schwul und Kolumnist für Scientific American, einem amerikanischen Wissenschaftsmagazin, und nutzt seine Position häufig dafür, sich eingehend mit Problemen der menschlichen Sexualität zu befassen. Er sagt zwar, dass er keine Probleme damit hat, wenn Asexuelle sich als „queer“ bezeichnen. Er sagt aber auch, dass es Menschen gibt, die Asexuelle als „manipulative Charaktere“ bezeichnen, die einfach nur nicht mit ihrer Homosexualität klarkämen.

Jay ist sich dieser Thesen bewusst. Dennoch betont er, er sei nicht schwul, jedoch definitiv queer.

„Der Kampf mit der gesellschaftlichen Norm, die für die Sexualität gilt, hat mich zu dem gemacht, was ich bin“, sagte er. „Ich finde den Begriff queer sehr hilfreich, um zu beschreiben, wie ich bin. Ich denke nicht, dass jemand das Recht hat, mir das wegzunehmen.“ 

Die Mitorganisatorin der Asexual Awareness Week, Sara Beth Brooks, stimmt dem zu. Bevor sie sich öffentlich zur Asexualität bekannt hat, hat sie es mit einer Hormontherapie und Psychotherapie versucht. Sie hatte auch einige Dates. Nichts hat funktioniert. Während einer nächtlichen Internet-Session ist Brooks auf AVEN (Asexual Visbility and Education Network) gestoßen.

„Ich blieb die ganze Nacht wach und las Einträge, die ebenso gut von mir hätten sein können“, sagte sie. „Ich spürte so etwas wie eine Verbundenheit, eine, die mir mein Leben lang gefehlt hatte.“

Beide, Brooks und Jay, nehmen die LGBT-Vertreter in Schutz. Viele, so sagen sie, würden Asexuelle unterstützen. 

„Es schmerzt mitanzusehen, dass eine Gemeinschaft, die selbst so sehr gelitten hat, die Augen davor verschließt, wenn das Gleiche einer anderen widerfährt“, sagte Brooks. „Die LGBT-Gemeinde ist von der Gesellschaft als anders und abartig kategorisiert worden. Asexualität ist lediglich eine andere Variante davon.“

Asexuelle werden ausgegrenzt

Um zu sehen, wie Asexuelle ausgegrenzt werden, müsse man laut Brooks lediglich auf die Internetseite von AVEN schauen. Die rund 41.000 registrierten Mitglieder haben die Seite mit 2,2 Millionen Einträgen über die Drohungen, das Mobbing und die Isolation, die sie erlebt haben, überschwemmt.

Es gibt durchaus Auswirkungen außerhalb der Blogosphäre. Phoenix Schneider, der Programm-Chef des „Trevor Poject“, einer LGBT-Jugendorganisation und Selbstmord-Hotline, sagte, die Gruppe würde „zweifellos“ Anrufe von jungen Asexuellen erhalten. 

Einige der wiederkehrenden Themen seien laut Schneider Angst, Depression und andere Probleme, die „denen lesbischer, schwuler und bisexueller Jugendlicher gleichen“.           

Eine Annährung zwischen LGBT und Asexuellen schreitet langsam voran

Die LGBTs beginnen langsam, sich mit den Auswirkungen zu beschäftigen. Kürzlich hat Schneiders Team asexuelle Literatur in die Ausbildungsmaterialien neuer Freiwilliger mitaufgenommen. LGBT-Campus-Gruppen passen ihre Leitsprüche an, um auch asexuelle Studenten und Studentinnen miteinzubeziehen. Die National Gay and Lesbian Task Force, eine der größten LGBT-Organisationen der USA, hat einen regelmäßig stattfindenden Workshop zum Thema Asexualität in die „Creating Change“-Konferenz aufgenommen.  

Dennoch bleibt ein Zwiespalt. Offline wird dies wohl nirgendwo deutlicher, als bei der jährlichen New York Gay Pride.

Wie eine Sturmflut überschwemmte die Regenbogenmasse die Fifth Avenue. Die Parade ist die sexuelle Freiheit in einem Mikrokosmos. Offiziell nahmen inklusive der Zaungäste rund 1,7 Millionen Menschen an der 43. Pride Parade teil. Zum 43. Mal infolge gab es kein asexuelles Aufgebot.

 


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