Drei Gründe, warum Paul McCartneys „Wonderful Christmas Time“ viel besser ist, als du denkst

von Andrew Winistorfer

Liebe Leute, die Zeit ist da. Und ich rede nicht von der Zeit im Jahr, in der wir alle in die Läden rennen, die wir nicht mögen, um Leuten, die wir irgendwie doch mögen, Geschenke zu kaufen, um zu hoffen, dass diese Leute eine große Geste in den Dingen sehen, die wir für sie gekauft haben. Ich rede von der Zeit im Jahr, in der wir nicht darüber nachdenken, was eigentlich in unserem Leben wichtig ist: Welches Weihnachtslied ist das schlechteste aller Zeiten?

Für Google-Standards ist es relevanter/spaßiger herauszufinden, welches das schlimmste Weihnachtslied aller Zeiten ist. Denn das beste Weihnachtslied aller Zeiten steht nun mal nicht zur Debatte: Es ist „Sleigh Ride“ von den Ronettes, ganz einfach weil dieses Lied die beste Verwertung von Phil Spectors Wall of Sound überhaupt ist, und er stärker als jeder Grindcore-Song ist, den du zu dem Lied werfen kannst, ohne dass die Jingle Bells weniger prominent im Lied ertönen. Also haben wir jedes Jahr die Diskussion, welches Weihnachtslied das Schlimmste ist. Es gibt sogar Listen für die allerschlimmsten Stinker. Die üblichen Verdächtigen tauchen natürlich immer auf: Whams „Last Christmas“, „Do They Know It’s Christmas?“, die Aufnahme der bellenden Hunde von „Jingle Bells“, „Santa Baby“, und in 99 Prozent der Fälle auch Sir Paul McCartneys „Wonderful Christmas Time“.

Es ist das letzte, mit dem ich ein Problem habe: Nur fantasielose Grinche, die Meinungen nachäffen, von denen sie denken, sie sollten sie haben, finden „Wonderful Christmas Time“ ist nicht das, was es eigentlich ist: ein eingängiger, ansprechender und absolut großartiger Song. Klar, er ist ein bisschen kitschig. Jedes Weihnachtslied ist das. Es sind schließlich auch Lieder, die einem Feiertag gewidmet sind, der um einen bärtigen Wikinger geht, der hölzernes Spielzeug in einer einzigen Nacht in jedes Haus wirft (oder Jesus oder sowas). Die Angelegenheit muss ja nicht todernst sein: Es geht um dekorierte Häuser, um Familie und darum, unter einem Mistelzweig rumzumachen, eine Pflanze, die keine andere bekannte medizinische Wirkung hat, als Leute zum Kacken zu bringen.

Aber ich kann nachvollziehen, dass es schwierig sein könnte zu verdauen, dass „Wonderful Christmas Time“ eigentlich kein schreckliches Lied ist. Also sind hier nun drei wissenschaftliche Gründe, die du endlich wahrnehmen musst, um zu realisieren, dass „Wonderful Christmas Time“ nicht so schlecht ist, wie jeder behauptet.

1. Es ist der originale—und mit Abstand beste—Chillwave-Song.

Diese Tatsache ist so absolut offensichtlich, dass es irgendwie überraschend ist, dass sie noch nicht bis zum Erbrechen diskutiert wurde. Chillwave, wie wir es kennen, ist ein Genre, das voller analoger Synths ist, mit einer Dosis abgeklärter Ironie und Lyrics, die zum Überfließen nostalgisch sind. Würdet ihr „Wonderful Christmas Time“ nicht so beschreiben? Paul McCartney hat, abgesehen davon, dass er ein Beatle ist, ein Genre erfunden, das eigentlich erst 30 Jahre später entstanden ist, und das alles für ein Weihnachtslied zum Wegwerfen. Der Typ ist next level.

Und denkt mal darüber nach: Ist irgendein Neon-Indian-Song nur mal annähernd so gut geworden wie „Wonderful Christmas Time“? Würde Memoryhouse ohne Sir Pauls wässrigen Synths überhaupt existieren? Wollt ihr mir wirklich erzählen, ihr würdet auch nur einen Com-Truise-Song eher als „Wonderful Christmas Time“ nehmen?

2. Das Lied beweist, dass Paul McCartney der beste Songwriter aller Zeiten ist

Einer der am häufigsten aufkommenden Kritikpunkte an „Wonderful Christmas Time“, den du lesen wirst, ist, dass der Song so klingt, als wäre er in zehn Minuten geschrieben und aufgenommen worden, und Paul hätte nur zu seinem Produzenten gesagt: „Cheerio, scheiß drauf. Das ist gut genug. Nimm den Take.“

Ich bin gewillt zuzugeben, dass das eventuell so passiert ist. Aber denkt mal darüber nach, was das eigentlich bedeuten würde: Paul McCartney hat das Ding in zehn Minuten geschrieben und hat damit ein Weihnachtslied kreiert, das seit 1979 jede Saison wieder rauf und runter gespielt wird. Er war scharfsinnig genug, um das Weihnachtsgefühl so genau zu treffen und eines der höchstens fünf originalen, brandneuen Weihnachtslieder der letzten 35 Jahre zu machen, das genügend Stehvermögen hatte. Er war fähig, einen Song zu schreiben, der ihn in vermeintlich auf 500.000 $ im Jahr hochgebracht hat, in zehn verfickten Minuten.

Zugegeben, das Stehvermögen hat viel damit zu tun, dass Paul McCartney nun mal Paul „Ich habe 'Hey Jude' geschrieben“-McCartney. Aber was für ein Weihnachtslied kann man schon in zehn Minuten schreiben? Wäre es auch nur halb so einprägend wie „Wonderful Christmas Time“? Deswegen denke ich auch, dass „Wonderful Christmas Time“ ein viel beeindruckender Erfolg als Revolver ist.  

3. Das Lied ist besser als „Happy X-Mas (War Is Over)“ von John Lennon

Die besten Weihnachtslieder—„Sleigh Ride“, „Run Rudolph Run“, „Walking In A Winter Wonderland“, „All I Want For Christmas Is You“ und ganz offensichtlich „Wonderful Christmas Time“—haben keine übergreifende Message. Ihr einziger „Standpunkt“ ist der Versuch, auszudrücken, wie toll es ist, dass schon wieder Weihnachten ist, und das Weihnachten, wenn man an alles denkt, ungefähr die irrste Zeit des Jahres ist. Und das war's.

Vergesst also das schlimmste Weihnachtslied, versucht ein wenig Sinn in die Weihnachtszeit zu bringen, und überlegt euch, was wir gerne hören wollen, wenn wir weite Strecken reisen, um unsere Liebsten zu sehen. Es sind nicht Lieder, die uns daran erinnern, dass alles schrecklich ist, dass Leute arm sind, im Krieg sind und alles besser wäre, wenn niemand jemals sterben würde.

John Lennons „Happy X-Mas (War Is Over)“ ist eines dieser Lieder. Es ist ein Lied über die Weihnachtszeit, aber letztendlich geht es darum, dass wir den Krieg beenden könnten, wenn wir uns nur alle mehr lieben würden und es nur genug „wollen“ würden. Das ist ja wohl ziemlich dumm und ignoriert viele, viele geopolitische Realitäten, für die John Lennon eigentlich schlau genug war, um sie zu verstehen, er sie aber anschließend einfach ignoriert hat. Die übergreifende Nachricht ist eine der verdrehtesten und hippie-artigsten, die John und Yoko jemals hatten—ich glaube nicht, dass irgendwer wirklich Krieg „will“, egal wie viel Zeit du im Bett verbringst, um das Gegenteil zu beweisen.

Bestenfalls sind Weihnachtslieder schon erlaubt, dich in dieser Zeit des Jahres daran zu erinnern, ein bisschen Zeit für die weniger gesegneten Menschen aufzuopfern. Mit allem anderen wird, wenn man eine heilige Plattform—wie das Weihnachtslied—benutzt, eine  falsche Message eingeflößt. Und wenn das passiert, gewinnt Al Quaida.

Kommentieren