©2014 VICE Media LLC

    The VICE Channels

      Eine Party ... auf einem Psytrance-Rave!

      December 27, 2012

      Von Clive Martin

      Kennst du die Leute, die im Sommer immer im Park rumhängen und im Winter in irgendwelchen schäbigen Cafés? Diese Hippies mit ihren Bongos und den Dreadlocks?

      Du weißt schon, ich rede von denen, die gehäkelte Patchworkmützen und Haremshosen mit Ethno-Print tragen.
      Nun, hast du dich jemals gefragt, wie sich diese Leute während der zehn Monate im Jahr, in denen kein kroatisches Festival rund um eine Mondfinsternis stattfindet, die Zeit vertreiben? Willst du nicht auch wissen, was für Musik Hippies heutzutage hören, nun da Bob Dylan Werbung für Unterwäsche macht und Reggae nur noch von Drogenmord und dem Abknallen von Homosexuellen handelt?  
      Du musst dir nicht länger den Kopf darüber zerbrechen. Die Antwort auf diese Fragen lautet Psytrance.

      Für die Uneingeweihten unter euch: Psytrance ist der Sound und der Look von Europas neuer Hippiebewegung.



      Ich kenne Psytrance schon lange. Leute, mit denen ich zur Uni ging, erzählten immer davon, nachdem sie von ihren Trips nach Goa zurückkamen. Nicht mal diejenigen, die nichts gegen Schwätzer hatten, verstanden wirklich, um was es sich dabei handelte.
      Jeder weiß, dass Psytrance existiert, aber keiner versteht, wie und warum. Es ist eine durch und durch esoterische Bewegung, die mich schon immer ein bisschen fasziniert hat.

      Aus diesem Grund beschloss ich, dass es Zeit wurde, die Psytrance-Gemeinde ohne Rücksicht auf Verluste zu infiltrieren.

      Ich durchwühlte meinen Kleiderschrank, aber die einzigen Sachen, die ich fand und die meiner Meinung nach am ehesten die Bezeichnung „psychedelisch“ verdienten, waren ein paar Hawaiihemden und eine Badehose mit einem gelben Streifen drauf. Also entschied ich mich zu bleiben, wie ich war. Wenn sie mich wegen meines Outfits nicht mit Begeisterung aufnehmen werden, würde vielleicht meine Steppjacke von Barbour sie glauben lassen, ich sei ein mittelständischer Gras-Dealer.



      Das Visuelle ist in dieser Welt äußerst wichtig. Während sich die meisten Clubs mit einem Schwarz-Weiß-Druck von Jimi Hendrix auf der Herrentoilette zufrieden geben, schien hier ein Mammutanteil des Budgets in dieses Prunkstück geflossen zu sein, das als eine Art Tanzflächen-Stargate fungierte—ein Space-Portal in eine Welt der extremen Abgefucktheit. Während ich mit banger Verwunderung beobachtete, wie diese verrückten Leute in noch verrückteren Kostümen ein Götzenbild, das ich nicht verstand, anbeteten, kam ich mir langsam vor wie ein Eindringling aus dem Land der Normalität.



      Es scheint in dieser Szene stark angesagt zu sein, einen DJ-Namen zu haben, der unter Gebrauch eines dubiosen Wortwitzes auf eigenen Hang zum Psychedelischem anspielt.

      Während an diesem Abend nur Psyc0de und ein DJ mit dem brillanten Namen „Skyhighatrist“ auflegten, versichere ich dir, dass es sich hierbei um ein Szeneklischee handelt, das erfüllt wird. Ich bin auf einen Flyer gestoßen, der einen DJ namens „Psycle Lane“ bewarb. Ich konnte nicht anders als mir den armen, deprimierten, angehenden DJ vorzustellen, wie er sich seinen Weg durch bereits existierende Psy-Wortspiele googelt. Wie er voller Verzweiflung „Psy-Ko-Logi-Kal“ eintippt und feststellen muss, dass es bereits einen DJ in Rotterdam gibt, der diesen Namen benutzt. Und wie er sich schließlich mit „Psycle Lane“ abfinden muss und deswegen so richtig angepisst ist.



      Was wirklich seltsam an der Musik ist: Weder hört sie sich besonders psychedelisch an, noch erinnert sie stark an Trance. Der futuristische, genremixende Name lässt eine abgefahrene, euphorische Mischung aus Paul van Dyk und The 13th Floor Elevators mutmaßen, was eigentlich ziemlich großartig klingen könnte.

      Tatsächlich ähnelt das Gehörte, Musik, wie man sie aus Sexshops und vom Hauptmenü eines alten PC-Egoshooters her kennt.
      Das Schlimmste daran: Die Musik hört niemals auf. Dir wird keine einzige Atempause von diesem kontinuierlichen Bonuslevel-Gedröhne und dem „DAGA-DAGA!“-Bass der Synthesizer gegönnt. Man wartet auf eine irgendwann eintretende Pause, damit alle ihre Hände gen Himmel strecken und die holografische Swatch-Uhr anbeten können. Aber vergebens.
      Es hört einfach abrupt auf und sofort übernimmt ein neuer Track, der, bis auf die Tatsache, dass er einen Soundeffekt weniger hat, exakt gleich klingt.  

      Mir wurde ziemlich schnell klar, dass vier Flaschen Bier bei Weitem nicht ausreichten, um mich in einen Zustand zu katapultieren, der mich diese Art von Musik genießen lassen könnte. Der Tanzstil der Meute wirkte zunehmend hypnotisierend. Sie schienen sich in der Musik zu verlieren, schwangen ihre mumifizieren Locken durch die Luft, als wären sie New-Age-L’Oreal-Models.

      Um auch nur den Hauch einer Chance zu haben, das, was sich vor meinen Augen abspielte, zu verstehen, musste ich es den Psytrancern gleich tun—ich musste tanzen.

      Nachdem ich eine—wie durch Halluzinogene ausgelöste—Ewigkeit unbeholfen am Rande der Tanzfläche verbracht hatte, begann ich zu verstehen, was vor sich ging. Die Besucher von Psytrance-Partys lieben es zu tanzen, was allerdings nicht zwingend bedeutet, dass sie miteinander tanzen. Ich erkannte, dass hier etwas seltsam Asexuelles vonstattenging, wodurch es sich von jeder anderen ausgelassenen Party abhob, die ich jemals besucht habe.  

      Selbst auf den euphorischsten House-Raves, wo alle so viele Pillen intus hatten, dass sie nicht mal mehr ihre Hände spüren konnten, geschweige denn in der Lage waren, Sex zu haben, haben die Leute zumindest noch irgendwie miteinander getanzt. Auf Psytrance-Partys hingegen geht es beim Tanzen mehr um Selbstdarstellung, persönliche Interpretation und darum, sich in der schlechten Musik zu verlieren, als darum, flachgelegt zu werden.

      Ich stellte mir vor, wie die Typen die Kung-Fu-Schläge und die Seitwärtsdrehungen zu Hause vor ihren von Armbändern gesäumten Spiegeln zum Sound eines Psycle-Lane-YouTube-Mixes übten.

      Die Idee, dass dies ein Ort der Selbstverwirklichung war, manifestierte sich in etwas, das man nicht als Tanzen bezeichnen konnte. Ein Typ, stand im hinteren Bereich des Hauptraums und jonglierte die ganze Nacht lang mit ein paar Bowlingkegeln. Zuerst glaubte ich, er würde von den Veranstaltern dafür bezahlt werden, quasi als kleine Show neben der eigentlichen Show. Aber nachdem ich ihn eine Zeit lang genau beobachtet hatte, kam ich zu dem Schluss, dass dem nicht so war. Scheinbar handelte es sich schlicht um seine Vorstellung davon, es im Club ordentlich krachen zu lassen.

      Warum? Vielleicht hatte er einst damit angefangen, um eine Helena von Troja mit Dreads  zu beeindrucken und seitdem nicht mehr damit aufgehört, in der Hoffnung, dass sie eines Tages zu ihm zurückkehrt? Ich habe ehrlich gesagt keinen blassen Schimmer, aber es freut mich, dass er sein Ding gefunden hat.

      Auf einem ähnlichen Varieté-Trip war scheinbar auch der Typ, dessen Geschick sich darauf beschränkte, ein aufgeblasenes Kondom—Geschmacksrichtung: Mandarine—auf seinem Handrücken balancieren zu lassen. Aber es war nicht sein Spiel mit dem Kondom, was mich so sehr fesselte. Es war sein Aussehen.



      Hier ist ein weiterer Gentleman, der beweist, dass Psytrance nicht nur was für junge Hüpfer ist. Er verbrachte den Großteil der Nacht auf der Bühne von Raum Nr. 2, verloren in der Musik, fest entschlossen, das fehlende Bindeglied zwischen Timothy Leary und Timothy Mallet zu verkörpern. Ich mag die Vorstellung, dass sein Batikshirt wendbar ist, so dass er es zum morgigen Treffen des Clubs Vereinigter Biertrinker tragen könnte, ohne dass auch nur einer seiner Kameraden jemals den durch himmlische Sphären schwebenden Psytrance-Jünger vermuten würde, der heimlich in ihm steckt.



      Ich überlegte, ob es sich bei ihnen vielleicht um Vorreiter handeln könnte, und, ob Psytrance vielleicht kurz davor stand, die Riege der EDM-Hippster im großen Stil zu überschwemmen. Du wirst lachen, aber Psytrance ist bis jetzt der einzige aus den 90ern stammende Look, der noch nicht von Tumblr geschluckt und wiedergekäut wurde.



      Aber zu groß waren meine Bedenken bezüglich der Leute dann doch nicht. Sie waren die Veteranen, der harte Kern, die Überlebenden der Szene, diejenigen, die wahrscheinlich gar nicht so wirklich auf die Musik abfuhren, aber aus dem einfachen Grund bei Psytrance gelandet sind, weil es hier  nun mal die härtesten Drogen gab. Du erkennst einen Profi daran, dass er in seinem Kleiderschrank bestimmte Kleidungsstücke hängen hat, die extra dazu bestimmt sind, sich darin zuzudröhnen. Du erkennst, dass er seine Profession wirklich ernst nimmt, wenn es sich dabei um einen weißen Schutzanzug und einen in Neonfarben leuchtenden Hut der Stone Roses handelt.
      Schau sie dir an—sie sehen aus, als wären sie alle zu einer rollenden, gestaltlosen, schwitzenden Nylonwolke aus modifizierten Glückshormonen verschmolzen.



      Es waren aber nicht alle schwitzende Pillenjunkies, die versuchten, die Körperloserfahrung, die sie 1994 auf irgendeinem Festival erlebt hatten, zu wiederholen. Es gab auch noch diese Leute.
       

       
      Ungeachtet der Tatsache, dass mein Gehirn mittlerweile seit Stunden von der Musik beschallt worden war, und ungeachtet der traumhaften Szenen, die sich direkt vor meinen Augen abspielten, ist es der Geruch, der mich bis an mein Lebensende verfolgen wird. Vermische den Duft von Hanfjacken und verfilzten Dreadlocks mit dem Aroma mangelnder Körperhygiene und du erliegst einem nervenaufreibenden Angriff dieser drei ziemlich ähnlichen Gerüche.



      Zu Beginn machte ich mir noch Sorgen darüber, wie ich es schaffen sollte, in meinem relativ objektiven, drogenfreien, an Professionalität grenzenden Zustand die Nacht durchzustehen.

      Das Ganze sollte laut Plan bis 7 Uhr morgens steigen, und ich begann, mich zu fragen, ob man den wahren Geist von Psytrance nur dann verstehen konnte, wenn man unter dem Einfluss mehrerer verschiedener Drogen stand. Wie auch immer, so gegen 3 Uhr Morgens warfen die ersten das Handtuch. Die Sofas hatten sich von Sitzgelegenheiten in Krankenlager verwandelt. Blut floss keines, aber da war eine Menge Schweiß und ein paar Tränen. Ich war zu einem gönnerhaften, sittenstrengen Erzähler einer Anti-Drogen-Kampagne geworden, und das macht nun wirklich keinen Spaß.



      Vielleicht lag es daran, dass diese Leute schon den ganzen Tag über auf irgendeinem anderen Rave gewesen und Teil der Psytrance-Hardcore-Crew waren. Oder daran, dass sie nur ein Disconickerchen hielten, ein rasches Powerschläfchen, bevor sie für ein paar weitere Stunden ihre kosmischen Karatemoves zum Besten gaben. Es war jedenfalls ziemlich seltsam, dass um mich herum plötzlich alle schliefen.
      Ich bin immer davon ausgegangen, dass im Club einzuschlafen, eines der Dinge ist, die dazu führen, dass die Türsteher dich rausschmeißen, noch bevor dein Kopf überhaupt die Armlehne berührt. Hier schien das allerdings OK zu sein.

      Ich wurde unsicher, inwieweit der den Psytrancern nachgesagte ultimative Rausch der Wahrheit entsprach.
      Es gab ein paar wenige echte Drogenprofis (und ich muss der Fairness halber gestehen, dass ich nicht bis zum bitteren Ende durchgehalten habe), aber waren die Anderen auch nur in irgendeiner Weise schlimmer als die Leute, die man an jedem beliebigen Sonntagmorgen aus irgendwelchen anderen Großraumdissen stolpern sieht? Ich denke nicht. Die Leute dröhnen sich heutzutage überall zu, in der Welt des Psytrance scheint es sich dabei nur etwas mehr um einen zentralen Lebensstilgrundsatz zu handeln.



      Das Interessante an Psytrance ist nicht die Menge der Drogen, die innerhalb der Szene konsumiert werden—denn wirklich jede Szene, abgesehen von Straight Edge und Sportmedizin-Studenten, hat ihr eigenes Drogenrepertoire. Nein, das Interessante an Psytrance ist die authentische Außenseiternatur dieser Kultur, durch die sie sich von anderen unterscheidet.  
      Es ist leicht, reiche Hippiekids und Eurotrash-Hostel-Hoppers, die sich hier aufhalten, zu verspotten, aber Psytrance ist eine Gegenbewegung im wahrsten Sinne. Die Musik ist harsch, die Klamotten sind seltsam, die Drogen haben es in sich, und die besten Partys sind illegal.
      Psytrance ist keine Szene, der du halbherzig beitreten kannst. Niemand feiert an Orten wie diesem seinen Geburtstag—es ist zu intensiv und zu esoterisch für den normalen Partygänger. Wenn es eine Einstiegslevelversion gibt, dann war das vermutlich diese Party, und trotzdem war es eine der verwirrensten, ungewöhnlichsten Partys, auf denen ich jemals feierte.
      Psytrance fühlt sich an wie ein seltsames Tier, das plötzlich entdeckt wurde, ohne das irgendjemand wusste, woher es kommt—ein komplett anderes Biest.

      Es gibt nicht mehr viel da draußen, was es schafft, die Leute wirklich zu erschüttern.
      Nachdem das gesagt wurde: Nächstes mal, wenn ich mich ein bisschen euphorisch fühle, werde ich mich wahrscheinlich doch eher für N-Trance denn für Psytrance entscheiden.

       


      EMPFOHLENE ARTIKEL

       

      Eine Party ... in der Großraum-Assi-Disco
      Das Q-Dorf ist Berlins Äquivalent zum Ballermann.
      Ein wilder Abend im Fetischclub
      Es scheint, als wäre SM gerade wieder richtig groß in Mode, doch es ist ein Unterschied, ob man 50 Shades Of Grey liest, oder selbst in einen Käfig gesperrt wird.
      Benimmregeln für Heteros in Schwulenbars
      Wir Schwule finden es super, wenn Heteros mit uns abhängen. Aber für die Scheißheten, die vergessen, wie man sich zu benehmen hat, werden wir kurz die Regeln erklären.

       

      -

      Themen: hippies, Bongos, Dreadlocks, Psytrance, Kiffen, Pillen, Hölle, Grauenhaft, Party

      Kommentare