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      Warum das Silicon Valley auf einmal fürs bedingungslose Grundeinkommen ist Warum das Silicon Valley auf einmal fürs bedingungslose Grundeinkommen ist
      Illustration von Stephen Maurice Graham

      Warum das Silicon Valley auf einmal fürs bedingungslose Grundeinkommen ist

      March 3, 2015

      Als ob uns das Silicon Valley nicht schon genug gegeben hätte, wird es US-Bürgern bald vielleicht sogar noch Geld schenken. Meinen ersten Anhaltspunkt dafür bekam ich letzten Sommer bei einem Treffen von Fans virtuellen Geldes in einem Hackerspace, nur wenige Kilometer vom Googleplex in Mountain View, Kalifornien entfernt. Der Wirtschaftsblogger Steve Randy Waldman sprach über die „Planung wirtschaftlicher Sicherheit". Während der Einleitung zu seinem Beitrag erwähnte er, ein Verfechter des bedingungslosen Grundeinkommens zu sein—eines Konzepts, das ein regelmäßiges und ausreichendes Gehalt für jeden Bürger vorsieht, ohne direkte Gegenleistung. Obwohl es in Waldmans Vortrag um etwas vollkommen anderes ging, war das Thema Grundeinkommen der Mittelpunkt der anschließenden Frageperiode—es ging hauptsächlich um die Schwierigkeiten bei der Einführung und die Frage, ob danach noch irgendjemand arbeiten würde.

      In derselben Zeit wurden an der Ostküste die Stimmen, die ein bedingungsloses Grundeinkommen forderten, immer lauter. Weniger überraschend waren es hier unter anderem Jünger des anarchistischen Anthropologen David Graeber und Redakteure des sozialistischen Magazins Jacobin. Die Idee als solche hat natürlich einen linken Klang: eine Erweiterung des Sozialstaats, die jeden Einzelnen versorgt. Ein Bargeld-Dankeschön dafür, dass man existiert.

      Überraschenderweise ist das bedingungslose Grundeinkommen aber eines der Vorhaben, dass Vertreter aller politischen Strömungen vereinen kann, seien es Leninisten oder Wirtschaftsliberale. Obwohl es ein Projekt ist, dass wenig bis keine Technik involviert, so spricht es doch die Neigung des Silicon Valleys an, Probleme mit einfachen und eleganten Algorithmen zu lösen. Die erhofften Ergebnisse: Armut und Ungleichheit ließen sich fast bürokratiefrei beenden. Mit mehr Geld und weniger Arbeit könnte es uns vielleicht sogar gelingen, weniger CO2 auszustoßen.

      In der Tech-Welt taucht die Idee des Grundeinkommens nun immer häufiger auf. Mega-Investor und Netscape-Gründer Marc Andreessen sagte dem New York Magazine kürzlich, dass er es für eine „sehr interessante Idee" halte, und Sam Altman vom Gründerzentrum Y Combinator nannte die Einführung eine „logische Konsequenz". Albert Wenger, ein Risikofinanzier des New Yorker Unternehmens Union Square Ventures, bloggt bereits seit 2013 über das bedingungslose Grundeinkommen. Die smarten Apps, die seine Firma finanziert, lehren Sprachen und können Taxis bestellen und machen mit jedem Download Jobs überflüssig. Das bereitet ihm Kopfzerbrechen.

      „Wir stehen am Beginn einer Ära, in der Maschinen immer mehr der Dinge übernehmen, die traditionell von Menschen erledigt wurden", sagte mir Wenger im Oktober. Sein Vorschlag ist ein Grundeinkommen-Pilotprojekt im dystopischen Detroit.

      Die Singularity University ist eine Art Seminar im Silicon Valley, in dem der Glaube, dass Maschinen essentiell besser sind als Menschen (oder es bald sein werden), von genau den Leuten propagiert wird, die von dieser Entwicklung auch profitieren werden. Im Juni lud Peter Diamandis, Mitbegründer und Leiter der Universität (hauptberuflich Manager in einer Firma für Weltraumtourismus), einige andere Koryphäen ein, um über durch Technologie verursachte Arbeitslosigkeit zu sprechen.

      „Nenn mir eine Sache, die Roboter nicht können, und ich kann dir den Zeitpunkt nennen, wann sie es können werden", forderte mich Federico Pistono, ein junger italienischer Unternehmer, heraus. Unter anderem hat er ein Buch mit dem Titel Roboter stehlen deinen Job, aber das ist OK veröffentlicht. Beim Singularity-Treffen war er der größte Verfechter des Grundeinkommens. Er zitierte aus Studien in Indien, die belegen, dass die Armut von Menschen, die von der Technik-Wirtschaft abgehängt werden, auf diese Weise bekämpft werden kann. Diamandis sagte später, dass er von diesem Potenzial „überwältigt" sei.

      Für diese Unternehmerpersönlichkeiten ist Wohlfahrt nicht unbedingt mit einem Wohlfahrtsstaat gleichzusetzen. Einer der Anwesenden war Marshall Brain, Gründer von HowStuffWorks.com, der seine Vision des Grundeinkommens in Form der Novelle Manna auf seiner Website veröffentlicht hat. Sie erzählt von einem Mann, der seinen Fast-Food-Job infolge von Mechanisierung verliert und eine neue Heimat in einer Grundeinkommensutopie findet. Bedingungsloses Grundeinkommen bedeutet hier, dass die Menschen Zeit haben, an Projekten zu arbeiten, die es wert sind, von Investoren gefördert zu werden, und damit eine Gesellschaft von Unternehmern schaffen, wie sie sich die Tech-Kultur erträumt. Waldman nennt das Grundeinkommen „Risikokapital für das Volk".

      Für Chris Hawkins, einen 30-jährigen Investor, der sein Vermögen mit Software verdient hat, die Büroarbeiten automatisiert, ist Manna ein wichtiger Einfluss. Auf der Website seiner Firma bloggt er über das Grundeinkommen, das er in erster Linie als Bürokratiekiller sieht. „Staatliche Sozialprogramme könnten abgeschafft und anders finanziert werden", sagte er mir. Sozialwohnungen, Sozialhilfe, gesetzliche Krankenversicherung und der ganze Rest würden durch einen einzigen Scheck ersetzt. Offenbar haben die ganzen Technik­investoren, die von dem Grundeinkommen schwärmen, nicht vor, es in irgendeiner Weise mitzufinanzieren.

      „Es muss von irgendwem bezahlt werden", erklärt Hawkins, „und ich glaube der einfachste Weg ist, das Geld von staatlichen Leistungen abzuzweigen."

      Diese Argumentation hat auch ihre Fürsprecher in Washington. Das Cato Institute, ein der Tea Party nahestehender Thinktank, der sich wirtschaftsliberalen Ideen verschrieben hat, veröffentlichte im August mehrere Essays, die das Für und Wider des Grundeinkommens grundlegend beleuchten. In der gleichen Woche erschien im Atlantic ein Artikel, der eine „konservative Sicht auf das bedingungslose Grundeinkommen" dar­legte. Zwar ist die Idee des Grundeinkommens in den Hallen der Macht immer noch unaussprechlich, aber die Republikaner scheinen sich der Idee schon viel stärker zu nähern, als es ihnen bewusst ist.

      Karl Widerquist, Professor für politische Philosophie an der School of Foreign Service der Georgetown University in Katar, predigt die Lehre des Grundeinkommens schon, seit er in den 1980er Jahren zur Highschool ging. Er sagt, dass die USA gerade die dritte Welle der Bemühungen um das bedingungslose Grundeinkommen erleben. Die erste war in der Zeit der Wirtschaftskrise zwischen den beiden Weltkriegen. Die zweite in den 1960ern und 70ern, als wirtschaftsliberale Heroen wie Milton Friedman eine negative Einkommensteuer forderten und eine minimale finanzielle Versorgung der Armen das Einzige war, worauf sich Martin Luther King Jr. und Richard Nixon einigen konnten. Die aktuelle Welle gewann wohl 2013 an Fahrt, als sich die Nachricht verbreitete, dass in der Schweiz darüber nachgedacht wird, eine Volksabstimmung zu dem Thema abzuhalten. Widerquist ist vorsichtig optimistisch, aber gegenüber den Ideen der Liberalen und Techies eher skeptisch.

      „Ich glaube nicht, dass wir mit dem bedingungslosen Grundeinkommen warten sollten, bis der technologische Fortschritt zu noch mehr Arbeitslosigkeit führt", sagt er. Für ihn geht es nicht darum, die nächste Katastrophe zu verhindern, sondern das ausbeuterische Besitzsystem zu verändern.

      Sehr weit links auf der derzeitigen Welle surft Kathi Weeks. Sie ist eine klassische feministische Marxistin, in deren aktuellem Buch The Problem with Work das Grundeinkommen eine zentrale Rolle einnimmt. Auch sie ist vorsichtig: Wenn das Einkommen zu gering wäre, könnten die Leute nicht ihre Jobs kündigen, aber Arbeitgeber würden trotzdem die Löhne senken. Die Situation wäre also vergleichbar mit der im Minilohnsektor, wo Menschen trotz eines Vollzeitjobs staatliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen.

      Wenn wir das Grundeinkommen dadurch finanzieren, dass wir Sozialleistungen kürzen, statt höhere Steuern für Reiche einzuführen, würde das die Ungleichheiten keinesfalls ausgleichen. Für Bedürftige bestimmtes Geld würde stattdessen an diejenigen gehen, die es weniger brauchen. Ein schlecht realisiertes Grundeinkommen würde eine riesige Unterschicht schaffen, die von demjenigen abhängt, der den nächsten Scheck schreibt. So abwegig das Konzept zunächst auch klingen mag, macht Weeks linke Kritik deutlich, dass es nicht mehr wäre als eine Reform: „Es wird nicht das Ende des Kapitalismus einläuten."

      Wie so viele der Lösungen, die aus dem Silicon Valley kommen, hätte das Grundeinkommen eine Menge Vorteile, aber es wäre nicht dazu in der Lage, all unsere Probleme zu lösen. Es ist kein Ersatz dafür, Minderheiten und Kleingruppen zu stärken—Menschen müssen die Macht haben, die Gesellschaft zu verändern. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, dass von Risikoinvestoren im Silicon Valley entwickelt wurde, wird vermutlich eher deren Macht stärken als die der Armen. Ein Grundeinkommen, dass durch Initiative und Vision derjenigen entsteht, die es am nötigsten brauchen, wäre wahrscheinlich hilfreicher. Wenn wir versuchen wollen, die Roboter-Apokalypse zu überleben, sollte wir also nicht Hilfe bei denjenigen suchen, die sie verursacht haben.

      Illustration von Stephen Maurice Graham


      Themen: Bedingungsloses Grundeinkommen, Silicon Valley, Wirtschaftsliberalismus, Ayn Rand, Utopie

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