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      Exzess gegen das Trauma

      May 31, 2013


      An einer U-Bahnstation zeigt uns Majeed, wie gut er mittlerweile mit seinen Krücken zurechtkommt.

      Vor einem Jahr noch hätte man sie als stinknormale Typen, als Zivilisten bezeichnet, doch heute sind sie Veteranen. Sie sind junge Libyer, die im Bürgerkrieg gekämpft haben und aufgrund ihrer schweren Verletzungen momentan in Europa und den USA behandelt werden. Ihre Heimat wurde im Zuge des Arabischen Frühlings von Februar bis Oktober 2011 von einem brutalen Bürgerkrieg heimgesucht. Laut der neuen libyschen Regierung sollen ihm rund 10.000 Menschen zum Opfer gefallen sein. Die meisten der Rebellen, die gegen das Militär unter Gaddafis Führung kämpften, waren junge Männer zwischen 18 und 30 Jahren. Im Oktober 2011 sagte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler bei einem Besuch in Tripolis die Behandlung von verletzten libyschen Rebellen in Deutschland zu. Das Geld dafür stammte zunächst von Konten, die Gaddafi hier in Deutschland hatte. Nach Ausbruch der Konflikte wurden sie eingefroren, und die Bundesregierung stellte sie der libyschen Übergangsregierung für humanitäre Hilfe zur Verfügung. Auf Initiative des Auswärtigen Amts flog die auf Krankentransporte spezialisierte Münchner Firma Almeda ab diesem Zeitpunkt Verwundete in deutsche Krankenhäuser aus. Das Ziel dieses Vorgehens sei es, „schnell und unbürokratisch dringend benötigte Hilfe zu leisten“, verlautete ein Sprecher des Auswärtigen Amts.

      Gaddafi ist mittlerweile tot und seine Konten leer, also hat nun die libysche Botschaft die Behandlungs- und Lebenshaltungskosten übernommen. Insgesamt wurden in Deutschland bisher 2.500 libysche Rebellen behandelt. Bei einigen ist die Behandlung bereits abgeschlossen und sie wurden zurück nach Libyen geflogen, bei anderen dauert sie noch an. Ihre Verletzungen reichen von Schusswunden, Verbrennungen, Granatsplittern, bis hin zu amputierten Gliedmaßen. Viele verloren Familienmitglieder und Freunde, sie waren Folter ausgesetzt und die meisten haben nun körperliche Behinderungen. Doch trotz all dem kosten sie die Vorzüge der Freiheiten in Deutschland nun voll aus. Jedes Kriegsopfer, das in Deutschland behandelt wird, bekommt monatlich 1.050 Euro zur freien Verfügung. Was sie mit diesem Geld anstellen, ist ihnen überlassen, Miete und Arztrechnungen begleicht die Botschaft zusätzlich.

      Ein Freund von mir, der sowohl in Deutschland als auch im Nahen Osten aufwuchs und seinen Lebensunterhalt als Dolmetscher verdient, wurde damals von der Firma Almeda eingestellt, um den Libyern als Übersetzer zur Seite zu stehen. Später wurde er von der libyschen Botschaft übernommen. Als ich durch ihn von diesen Libyern erfuhr, wollte ich sie unbedingt kennenlernen. Es gestaltete sich von großem Vorteil, dass er ein kumpelhaftes und vertrautes Verhältnis zu ihnen hat und mit ihnen auch oft außerhalb seiner Pflichttermine etwas unternimmt. Er konnte mir viele Dinge erklären, die ich im ersten Moment nicht recht verstand, und hatte eine Menge Geschichten parat, die er mit diesen Typen erlebt hatte. Zu Beginn ihres Aufenthalts wurden die Libyer in Hotels untergebracht, doch mittlerweile leben sie alle gemeinsam in zwei Appartementblocks in der Nähe des Brandenburger Tors auf der Potsdamer Straße. Pro Haus leben hier um die 40 bis 50 Libyer zusammen, die meisten von ihnen haben eine Einraumwohnung für sich. Ich erinnere mich nicht daran, jemals einen von ihnen alleine in seiner Wohnung angetroffen zu haben. Die Türen zum Flur sind generell immer offen, sodass jeder der möchte, ins Zimmer kommen kann. Während der zahllosen Interviews, die ich mit ihnen führte, verbrachte ich viel Zeit in ihren Wohnungen. Meistens bin ich nach den Gesprächen noch länger geblieben und habe mit ihnen weiter gequatscht. So wurde ich regelmäßiger Gast in diesen beiden Häusern und traf auf die unterschiedlichsten Charaktere—alle verbunden dadurch, dass sie etwas Furchtbares durchgemacht haben.


      Der dreijährige Jadalla hat großen Spaß am Tablet seines Vaters.

      Ich lernte den dreijährigen Jadalla kennen, dessen Körper zu 65 Prozent verbrannt ist. Ihm wurden Zehen und Finger weggebrannt. Ich redete hauptsächlich mit dem Vater des kleinen Jungen, während dieser auf dem Bett rumtollte und Mangostücke aß. Mit seinem minimalen Wortschatz behauptete der Kleine, er sei stolz darauf, was ihm passiert ist. Ich unterhielt mich mit einem 23-jährigen Studenten aus Bengasi, dessen Mutter vergewaltigt und der selbst Opfer einer Gruppenvergewaltigung von zehn Männern wurde. Ich traf einen libyschen „Kriegshelden“, der von sich selbst behauptete, dass ihm der Krieg die Menschlichkeit genommen hat, dass er während der Gefechte etwa 200 von Gaddafis Soldaten getötet habe und sich nun fühlte, „als hätte er kein Herz mehr“. Der Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen lässt sich von mir nicht nachprüfen, und ich kann sie bloß so wiedergeben, wie sie mir erzählt wurden.

      Wie auch immer, ich will gar nicht infrage stellen, dass diese jungen Menschen Grausames erlebt haben. Aber jetzt genießen sie hier in Deutschland erst mal ihre Freiheit und den ungewohnten Geldsegen der libyschen Regierung. Viele von ihnen wissen scheinbar nicht so richtig, was sie mit ihrem Geld anstellen sollen und lassen es daher Nacht für Nacht ordentlich krachen. Wir fragten sie also, ob wir sie einen Abend lang mit einem Fotografen begleiten dürften und sie hatten nichts dagegen.  

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      Themen: Libyen, REBELLEN

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